Mutiges Angebot zur Versöhnung Osnabrücker Performance-Künstler plant Aktion in Istanbul

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Osnabrück. Der in Osnabrück lebende Jurist und Performance-Künstler Krikor Manugian plant am Sonntag eine Aktion am Istanbuler Taksim Platz, um auf den Auftakt des bis heute geleugneten Genozids an den Armeniern im Osmanischen Reich vor 101 Jahren aufmerksam zu machen.

„Angst habe ich keine“, sagt der 55-Jährige, der als Armenier in der Türkei aufgewachsen ist und als vierjähriger Sohn einer Gastarbeiterfamilie nach Deutschland gekommen ist, wo er „das freie Denken gelernt“ und dann später Jura studiert hat. Vorsichtsmaßnahmen hat er allerdings getroffen, indem er unter anderem Pressevertreter, das Auswärtige Amt, das Konsulat und die deutsche Botschaft in Istanbul über sein Vorhaben informiert hat – im Gegensatz zu seiner dortigen Familie, die er dadurch schützen möchte.

Fragezeichen in den Köpfen

Seit Krikor Manugian aus der „Familienbibel“ die Geschichte seines Großvaters kennt, der seinerzeit als Freischärler im Widerstand gegen die Türken und Osmanen gekämpft und den Völkermord überlebt hat, indem er in die Berge geflohen ist, ist es ihm ein Anliegen, dass der Genozid, der am 24. April 1915 in einer „Nacht- und Nebelaktion“ mit der ersten Deportation begann, als solcher anerkannt wird: „Jedes Verbrechen bedarf der Anerkennung, damit es sich nicht wiederholt“.

Dabei betrachtet er seine Aktion weniger als Kampfansage, sondern vielmehr als Zeichen und Angebot zur Versöhnung zwischen Türken und Armeniern als nur eine von vielen ethnischen Minderheiten mit zum Teil eigenen Sprachen und Schriften im heutigen Vielvölkerstaat Türkei. „Fragezeichen in den Köpfen der Menschen anstoßen“ möchte Krikor Manugian durch seine Performance, die er auch als Beitrag zur Stärkung der Zivilgesellschaft in der Türkei verstanden wissen will.

Sie soll am morgigen Sonntag Bestandteil einer größeren, von einer NGO initiierten interaktiven Gedenkveranstaltung sein, an der auch Vertreter anderer „stigmatisierter, ausgegrenzter und ihrer Identität und ihres Selbstbestimmungsrechts beraubten“ ethnischer Minderheiten, Frauenrechtlerinnen und viele andere zivile Kräfte mitwirken werden, die sich jenseits von Parteienideologie angstfrei und „mit breitem Rückgrat der Wahrheit verpflichtet sehen“, so Manugian.

Jeder einzelne wird dabei ein Foto des Konterfeis eines Opfers des Völkermordes tragen. So auch der Wahl-Osnabrücker, der zusätzlich ein symbolisches Grab in Form eines Schuhkartons aufstellen wird, auf dem eine weiße Theatermaske mit zwei Kerzen in den Augenhöhlen die vor Schmerz entstellten Gesichter repräsentieren soll. Vermittelt über die Kunst möchte Manugian damit wie Zeit seines Lebens „Erinnerungsbrücken schaffen“.

Zum Nachdenken animieren

Das Risiko seines Unterfangens ist ihm dabei durchaus bewusst. „Nur die jüngste Reisewarnung der Bundesregierung nehme ich nicht ernst“, gesteht er augenzwinkernd. Der Aufforderung des Auswärtigen Amtes, sich mit politischen Äußerungen in der Türkei derzeit zurückzuhalten, mag er nicht Folge leisten. Seine deutsche Staatsbürgerschaft, die er pragmatisch von der nationalen Identität unterscheidet, betrachtet er nichtsdestotrotz als „Joker“ und baut gegebenenfalls auf einen entsprechenden diplomatischen Schutz.

Seinen armenischen Familiennamen trägt Manugian nach der Zwangsauferlegung eines türkischen Namens erst wieder, seitdem er ihn nach langen Auseinandersetzungen mit den deutschen Behörden schließlich über den Umweg des Künstlernamens wiedererlangen konnte. Künstler ist er geworden, um das „Volk zum Nachdenken zu animieren“.

Mit seiner Reise nach Istanbul aus dem gegebenen Anlass, der, wie er betont, „Aufklärung, nicht Anschuldigung“, erfüllt er sich einen Lebenstraum, wenngleich er sie auch als seinen persönlichen „Gang nach Canossa – zum Sultan der Türkei“ bezeichnet. Dabei fühlt er sich wohl dort, wo er seine kulturellen Wurzeln wähnt und er Freunde und Verwandte hat. Mit im Koffer sind neben der Gedenkinstallation auch diverse Mitbringsel für die Familie, darunter Schokoladenosterhasen, ein Holzkreuz, eine deutsche Flagge und ein Buch über Papst Franziskus, der zum 100. Jahrestag im vergangenen Jahr den Völkermord öffentlich anerkannt hat – und damit nicht nur Krikor Manugian neue Zuversicht und Mut gegeben hat, weiter für sein Anliegen zu kämpfen – auch wenn die aktuellen politischen Verflechtungen die Sache so schwierig wie gefährlich erscheinen lassen. Wenn alles gut geht, nimmt er auf dem Rückweg noch an einer Veranstaltung der Böll-Stiftung in Berlin teil, um dort von seiner Aktion zu berichten – passend zu deren Thema, das da lautet: „Zivilgesellschaft in Gefahr?“. Mit Fragezeichen.


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