Melanchthon, Matthäus, Bonnus, Timotheus Vier moderne Kirchen in Osnabrück zu Baudenkmälern erklärt

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Osnabrück. Evangelische Kirche und staatlicher Denkmalschutz haben sich zusammengetan, um unter den evangelischen Nachkriegs-Kirchenbauten in Osnabrück die baugeschichtlich Bedeutendsten zu bestimmen und unter Schutz zu stellen. Melanchthon-, Matthäus-, Bonnus- und Timotheus-Kirche wurden als Baudenkmale eingestuft.

Die älteren evangelischen Gotteshäuser die Stadt wie St. Marien, St. Katharinen, Luther-, Michaelis-, Paulus- und Paul-Gerhardt-Kirche genießen den besonderen Status schon länger. Es war nun das gemeinsame Bestreben von Landeskirchenamt Hannover, Kirchenkreis Osnabrück und der Landesdenkmalpflege, unter den zahlreichen Kirchenneubauten der 1950er- und 1960er-Jahre an der Peripherie eine Auswahl festzulegen, die in herausragender Weise für die Kirchenarchitektur ihrer Zeit stehen und es verdienen, als Baudenkmale geschützt zu werden.

Dies geschah nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass in der Zukunft möglicherweise nicht alle Gebäude weiterhin im kirchlichen Dienst stehen können. Zurückgehende Zahlen an Gemeindegliedern und ebenso schrumpfende Zuweisungen der Landeskirche erlegen vielen Gemeinden schmerzliche Spardiktate auf. Wenn es zu neuen Nutzungen kommt, sollen Käufer oder Mieter wissen, was sie mit dem Gebäude anstellen dürfen und was nicht.

Melanchthonkirche bereits entwidmet

Ein erster Schritt in diese Richtung ist mit der – nicht unumstrittenen – Entwidmung der Melanchthonkirche auf dem Kalkhügel am 1. Februar 2015 gegangen worden. Sie war eine der vier Kirchen, die 2009 zur Südstadt-Kirchengemeinde fusioniert haben. Als Ort der Seelsorge wurde Melanchthon danach entbehrlich. Im vergangenen Jahr diente der Kirchraum für einige Monate als Ausweichspielstätte des Emma-Theaters. Die weitere Zukunft ist noch unklar. Ursprünglicher Wunsch der Gemeinde war es, die Kirche abzureißen und das Grundstück zu verwerten, weil sie wenig Hoffnung hatte, einen neuen Nutzer für den Kirchenbau zu finden. Die Abrissgenehmigung der Stadt lag bereits vor, doch dann legte die Landeskirche ein Veto ein. Der Denkmalwert müsse geprüft werden, bevor irreparable Tatsachen geschaffen würden.

„Ein Gesamtkunstwerk“

Die Prüfung ist nun erfolgt. Die Melanchthonkirche gehört zu den vier neuerdings denkmalgeschützten Kirchen. Als Auswahlkriterium spielte die „geschlossene Raumwirkung“ eine Rolle. Die Kirche sei „ein Gesamtkunstwerk, das seine Wirkung als ein plastisches Gebilde“ entfalte, heißt es in der Begründung. Besonders hervorgehoben werden die Betondickglasfenster von Johannes Schreiter und Georg Höge. „Für eine neue Nutzung soll Planungssicherheit bestehen“, nennt der stellvertretende Superintendent des Kirchenkreises Osnabrück, Martin Steinke, ein Ziel der Unterschutzstellung. Das Bauwerk müsse auf jeden Fall weiterhin als ein Ort, der einmal eine Kirche war, erkennbar bleiben. Damit sei keine absolute Veränderungssperre verbunden. Aber alle Eingriffe müssten behutsam in Abstimmung mit der Denkmalpflege erfolgen – und ohne Tabuzonen wie etwa die Betonglasfenster zu verletzen.

Südstadt-Gemeinde nicht begeistert

Vom Eigentümer, der Südstadt-Kirchengemeinde, war in der Vergangenheit Kritik an der bevorstehenden Unterschutzstellung zu hören, weil dadurch die Vermarktung erschwert werde. Zur neuen Entwicklung hält sich Geschäftsführer Ulf Jürgens bedeckt: „Das Verfahren liegt jetzt in Händen des Kirchenkreises.“ Es werde jedenfalls eine Vereinbarung angestrebt, mit der alle Beteiligten gut leben können.

Die Beteiligten, das sind: das Landeskirchenamt der hannoverschen Landeskirche, hier vertreten durch den Leitenden Baudirektor Werner Lemke, das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege mit Reiner Zittlau, das evangelische Amt für Bau- und Kunstpflege Osnabrück mit Detlef Abel, der Kirchenkreis Osnabrück mit Pastor Steinke sowie die jeweils direkt involvierten Kirchenvorstände. Sie kreuzten drei Tage lang durch Osnabrücks Kirchenlandschaft und nahmen die Nachkriegskirchen in persönlichen Augenschein. Ergebnis: Von den etwa zwölf besichtigten Kirchen wurden vier als Denkmale eingestuft. Außer Melanchthon sind dies Bonnus (Weststadt), Timotheus (Widukindland) und Matthäus (Sonnenhügel).

Keine entstellenden Umbauten

Kriterium war neben dem künstlerischen Rang einzelner Bauteile insbesondere, ob die Architektur ursprünglich erhalten ist, also nicht durch spätere Umbauten „gestört“ wurde, ob sie für die Entstehungszeit wegweisenden Beispielcharakter hat und ob das Bauwerk ein wichtiges Element des Stadtbildes geworden ist. Am Beispiel der Bonnuskirche erläuterte der kirchliche Denkmalpfleger Detlef Abel, dass lediglich Kirche, Turm und Vorplatz unter Schutz gestellt werden, nicht aber Gemeindesaal und Pfarrhaus, die später hinzugefügt wurden, nicht zum Original-Entwurf gehören und deshalb auch – wenn der Kirchenvorstand dies etwa aus energetischen Gründen beschließen sollte – zurückgebaut werden könnten.

Hannover als „Blaupause“

Abel begrüßt es sehr, dass hier ein Konsens-Prozess auf den Weg gebracht wurde, der einen Kompass dafür bietet, wie die Verantwortlichen mit der „explosionsartigen Ausweitung der Kirchenlandschaft nach dem Krieg“ umgehen können, die heute vielfach zu einer Bürde geworden sei. Genauso sieht es Baudirektor Lemke aus Hannover. Er ist sozusagen ein gebranntes Kind, denn in der Vergangenheit kam es zu unschönen Auseinandersetzungen mit der evangelischen Kirchengemeinde Hannover-Stöcken um den geplanten Abriss der Corvinus-Kirche, die bis vor das Oberverwaltungsgericht Lüneburg getragen wurden. „Nach diesen negativen Erfahrungen haben wir dort einen Prozess zur gemeinsamen Sichtung und Bewertung aller Nachkriegskirchen im Stadtgebiet von Hannover auf den Weg gebracht und sehr erfolgreich abgeschlossen“, so Lemke. Das Vorgehen in Hannover habe man zur Blaupause für ein entsprechendes Verfahren in Osnabrück gemacht: „Wir sind sehr froh, dass die Vertreter der kirchlichen Körperschaften in Osnabrück einverstanden waren.“

Dem stellvertretenden Superintendenten Martin Steinke ist auch dieser Aspekt wichtig: „Wir lassen die Kirchengemeinde, die es nun mit einem Baudenkmal zu tun hat, damit nicht allein. Die Unterschutzstellung bedeutet, dass auch Kirchenkreis, Landeskirche und Staat mit in der Verantwortung stehen, einen Interessenausgleich bei Bauunterhalt oder Nachnutzung herbeizuführen.“


Die vier neuen Baudenkmäler im Überblick

Die Melanchthonkirche im Stadtteil Kalkhügel, erbaut 1962/63. Mit ihrer geschlossenen Raumwirkung gilt die Kirche als „ein Gesamtkunstwerk, das seine Wirkung als ein plastisches Gebilde“ entfaltet. Die Schlichtheit der geschwungenen Wände verleiht den abstrakten Gestaltungselementen eine große Wirkungskraft. Die Betondickglasfenster von Johannes Schreiter und Georg Höge sind „in ihrer Ausführung und Wirkung einzigartig“ im Kirchenkreis Osnabrück.

Die Matthäuskirche im Stadtteil Sonnenhügel, erbaut 1960. Mit ihrem künstlerischen Gesamtkonzept besitzt sie ein Alleinstellungsmerkmal in der Landeskirche. Hauptelement ist die bemalte Altarrückwand von Klaus Arnold, die das Gleichnis von den klugen und den törichten Jungfrauen darstellt. Damit korrespondieren die ebenfalls von Arnold entworfenen Kirchenfenster, die eine „Licht- und Raumwirkung von hoher künstlerischer Qualität“ entfalten.

Die Bonnuskirche in der Weststadt, erbaut 1964. Die architektonische Gesamtkonzeption wird als schutzwürdig eingestuft. Dem Architekten Otto Andersen habe bei der zeltförmigen Gestaltung des Kirchenraumes das wandernde Gottesvolk vor Augen gestanden, das in der Wüste unter dem Zeltdach Schutz suchte. Die Lichtwand im Altarraum, die Christus-Skulptur von Ursula Querner und die Taufkapelle gelten als besonders qualitätvoll. Der Kirchturm ist als Landmarke etabliert.

Die Timotheuskirche im Widukindland, erbaut 1959. Sie überzeugt durch das „in Architektur ausgeformte theologische Konzept“, das Architekt Max Berling gemeinsam mit den Künstlern Gerhard Schreiter und Gerhard Hausmann gelungen sei. Sie gilt mit ihrem achteckigen Zentralraum und ihrem schlankem Glockenturm als hervorragendes Beispiel der Sakralbaukunst der Fünfzigerjahre. Das Westfenster und das Mosaik „Die Gottesstadt“ an der Ostwand werden besonders erwähnt.

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