Vor 25 Jahren kamen die Bagger Als die Weymann-Halle aus Osnabrück verschwand



Osnabrück. Vor 25 Jahren ließ die Stadt die Weymann-Halle abreißen und den Petersburger Wall vierspurig ausbauen. Eine Initiative, die in dem alten Industriebau ein Kulturzentrum einrichten wollte, musste ihren Traum begraben.

Der Salzmarkt, ein heruntergekommenes Hinterhofgelände, war Sanierungsgebiet. Neue Wohnhäuser und Geschäfte sollten entstehen, und die denkmalgeschützte Gießereihalle der Firma Weymann von 1850 wollten die Planer in eine Markthalle verwandeln. Ein Vorhaben, das schon nach kurzer Zeit scheiterte. Auch diversen Nachfolgenutzungen war kein Segen beschieden – bis sich schließlich ein Fitness-Studio in den historischen Mauern einrichtete.

Bunter Herbst 1990

Nicht die alte Gießereihalle, sondern die später entstandene mechanische Werkstatt war Gegenstand monatelanger Auseinandersetzungen, die schließlich mit dem Abriss endeten. Als das Traditionsunternehmen Carl Weymann 1989 umzog und das Gelände am Petersburger Wall an die Stadt verkaufte, kamen zunächst Flüchtlinge in einigen Gebäudeteilen unter. Wenig später wurde die Kunstszene auf die von Ruß und Öl geschwärzte Halle aufmerksam. Das Ambiente von Kränen und Arbeitsbühnen bot sich an für Ausstellungen, Tanz- und Musikveranstaltungen. Allerlei bunte Happenings bereicherten den Kulturkalender im Herbst 1990.

Die von Kulturaktivisten gegründete Weymann-Initiative setzte sich dafür ein, die Fabrikhalle mit ihren markanten Rundbogenfenstern zu erhalten. Doch damit lief sie bei Planern und Politikern gegen die Wand. Die Stadt hatte den Stuttgarter Städteplaner Hans-Joachim Aminde beauftragt, ein neues Nutzungskonzept für das Areal zu planen. Es war ja schon so gut wie besiegelt, dass die Halle abgerissen und der Petersburger Wall verbreitert werden sollte.

„Wie in der DDR“

Dass eine Initiative von jungen Leuten dagegen Sturm lief, weckte Abwehrreflexe, und auch aus der Nachbarschaft gab es Gegenwind, weil Anwohnern und Geschäftsleuten das bunte Völkchen zu bunt und zu laut erschien. Der Buchhändler Georg Leiber verglich die Fabrik mit den Bildern heruntergekommener Bauten aus der gerade zur Abwicklung freigegebenen DDR. Erst mit dem Abriss der Halle eröffneten sich Perspektiven für die dringend notwendige Neugestaltung des Salzmarktviertels, erklärte er Ende Oktober als Sprecher der Kaufleute aus der südlichen Innenstadt.

In einer Diskussionsveranstaltung widersprach ihm der Architekt und heutige Stadtbaurat Frank Otte, der sich damals in der Weymann-Initiative engagierte. Die Entwicklung des Salzmarkts sei nicht an den Abbruch der Fabrik gekoppelt, entgegnete er. Umgekehrt könne aber das ganze Viertel mit dem Erhalt der Halle aufgewertet werden.

29 : 17 für den Abriss

Von der Mehrheit im Rat gab es keine Unterstützung für diese Position. Als es am 7. Februar 1991 zur Entscheidung kam, stimmten 29 Mitglieder für den Abriss und 17 für den Erhalt. Anfang April rückten die Bagger an und innerhalb weniger Tage verschwand die verhinderte „Kulturfabrik“ von der Bildfläche.

„Die Halle hatte ihre Qualitäten“, sagt Stadtbaurat Frank Otte heute, es sei schade, dass sich die Befürworter des ursprünglichen Konzepts so gnadenlos durchgesetzt hätten. Zugleich räumt er ein, dass der Verkehrsraum mit den zusätzlichen Spuren und Radfahrstreifen am Petersburger Wall gewonnen habe: „Eine Einengung auf zwei Spuren wäre heute nicht mehr darstellbar“.


177 Jahre Unternehmensgeschichte

1836 gründete der Schlosser Johann Conrad Carl Weymann in der Bauerschaft Nahne eine Schmelzhütte und Eisenwarenfabrik. Gefertigt wurden Töpfe und Pfannen, Kochplatten und Öfen, Gitterzäune, Grabkreuze und Pflugeisen. 1850 zog der Betrieb in die Neustadt um. In der wachsenden Fabrik am Petersburger Wall entstanden komplette Dampfmaschinen, Mühleneinrichtungen, Sägegatter und Landmaschinen. Vor dem Ersten Weltkrieg baute Weymann Herde und Maschinenteile. Die Gießerei-Sparte wurde 1986 abgestoßen, der Betriebszweig Weymann Aufzüge ausgegliedert. Das Kernunternehmen Weymann Technik siedelte 1989 siedelte nach Sutthausen um. Als sich Geschäftsführer Peter Weymann 2013 aus gesundheitlichen Gründen zurückziehen musste, ging das Unternehmen in die Insolvenz. Die Salzmarkthalle, in der früher Eisen gegossen wurde, erinnert an das verflossene Traditionsunternehmen. Heute ist dort ein Fitness-Studio untergebracht. Nach dem Industriellen Carl Weymann ist im Stadtteil Schinkel eine Straße benannt.

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