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Vor der Entscheidung im Rat Autos, Ampeln, Abgase: Die Fakten zum Neumarkt



Osnabrück. Der jahrelange Streit um den Osnabrücker Neumarkt steuert auf den Showdown zu: Am Dienstag, 5. April, soll der Rat die Weichen für einen autofreien Platz stellen. Welche Folgen hat das? Hier die wichtigsten Fakten.

Was täte der Stadt eher gut: eine schnelle Ost-West-Passage für den Autoverkehr oder ein Platz mit Aufenthaltsqualität? Beides hat Vor- und Nachteile. Die Politik muss abwägen und entscheiden.

Die wichtigsten Argumente der Sperrungsgegner

  • Eine schnellere Querverbindung verringert Umwege, spart Zeit, schont Anwohner des Walls und der Schleichwege, mindert Lärm und Schadstoffe.
  • Bessere Erreichbarkeit der Innenstadt.
  • Der Neumarkt ist ohnehin mit Bussen voll und kann deshalb gar keine Aufenthaltsqualität entwickeln.
  • Die Stadt muss mit autofreundlichen Konzepten Kunden aus dem Umland an sich binden.

Die wichtigsten Argumente der Sperrungsbefürworter

  • Der Durchgangsverkehr hat auf diesem am stärksten frequentierten und bald schön gestalteten Platz mit moderner Architektur und Einkaufszentrum nichts verloren.
  • Die Barriere zwischen Alt- und Neustadt muss weg.
  • Parkhäuser und Geschäfte sind auch bei gesperrtem Neumarkt gut erreichbar.
  • Die Schadstoffgrenzwerte am Neumarkt sind nur einzuhalten, wenn der Autoverkehr draußen bleibt.

Welche rechtliche Grundlage hat die Sperrung?

Wege, Straßen und Plätze, die für den öffentlichen Verkehr nutzbar sein sollen, müssen in einem formellen Rechtsakt der allgemeinen Nutzung gewidmet werden. So ist auch der Neumarkt dem Gemeingebrauch gewidmet. Der Stadtrat hat die Möglichkeit, die Nutzung des Neumarktes durch eine Teilentwidmung zu beschränken. Der Rat soll am Dienstag beschließen , dass der Neumarkt zwischen Kollegienwall und Neuem Graben/Lyrastraße zur Fußgängerzone umgewidmet wird. Nur Fußgänger, Radfahrer, Busse und Lieferfahrzeuge für die Anlieger sollen den Platz nutzen dürfen. So ist es auch in der Johannisstraße geregelt. Eine Änderung des Bebauungsplans Nr. 525 ist laut eines Rechtsgutachtens nicht nötig. Das Verfahren: Die Stadt muss ihre Absicht, den Neumarkt teilweise zu entwidmen, öffentlich anzeigen. Dann hat jeder drei Monate Zeit, Einwendungen zu erheben, die der Rat am Ende des Prozesses abzuwägen hat. Der Stadtrat kann frühestens am 30. August die endgültige Entscheidung über die Einrichtung einer Fußgängerzone treffen.

Stimmen Sie ab: Sollte der Neumarkt für Autos gesperrt werden?

Was macht den Neumarkt so wichtig?

Der Neumarkt ist der am meisten belebte Platz der Stadt. Zwischen 70000 und 90000 Menschen bewegen sich hier täglich. Der Platz dient dem Nahverkehr als zentrales Drehkreuz mit werktäglich 2096 Busfahrten. Ein Blick zurück: Früher, als die Straße noch vierspurig war, überquerten 25000 Autos täglich den Platz. Zwei Drittel davon entfielen nach Schätzungen von Verkehrsexperten auf den Durchgangsverkehr. Radwege gab es nicht. Die Fußgänger wurden in den Tunnel geleitet. Die Straße bildete eine breite Barriere zur Johannisstraße, was die Kaufmannschaft drüben stark benachteiligte. 2001 ließ die Stadt einen oberirdischen Zebrastreifen zu – der Beginn des Niedergangs der Tunnel-Geschäfte. Inzwischen ist der Tunnel abgerissen.

Ein Blick nach vorn: Nach dem Entwurf des Planungsbüros Lützow 7 aus Berlin soll in wenigen Jahren ein Platz mit Wasserspielen und Straßencafés entstehen. Keine Autos, lautlose Elektrobusse. Die historischen Kanten werden durch den Neubau am Neumarkt-Carrée (dem sogenannten Baulos 2) und das neue Einkaufszentrum wieder hergestellt. Der Platz soll die Brücke schlagen von der Großen Straße zur Johannisstraße.

Welche Rolle spielt der Neumarkt im gesamten Verkehrsnetz?

Der Rat hat 2010 den Masterplan Mobilität beschlossen. Der sieht ein Stufenkonzept vor: Rückbau auf drei Fahrstreifen, Option zur weiteren Reduzierung auf zwei Fahrstreifen, perspektivisch Sperrung für den Individualverkehr. Die ersten beiden Stufen sind schon erreicht, der rechtskräftige Bebauungsplan sieht eine Autospur je Richtung vor. Aufgrund der Erfahrungen mit der baustellenbedingten Sperrung will die Ratsmehrheit aus SPD, Grünen, FDP, UWG/Piraten und Linkspartei jetzt die letzte Stufe nehmen: Sperrung.

Wie hat sich die bisherige Sperrung auf den Wallring ausgewirkt?

Von 2. Juni 2014 bis 17. Februar 2016 war der Neumarkt gesperrt. Die Stadt hat die Autos an acht Knotenpunkten auf dem Wall zählen lassen – und zwar im Mai 2014, kurz vor der Neumarkt-Sperrung, und im September 2014, nach Inkrafttreten der Sperre. Beim Vergleich der Nachmittagsspitzen fiel auf, dass die Zahl der Kraftfahrzeuge an der Einmündung zur Martinistraße um 33,7 Prozent abgenommen haben soll, am Berliner Platz um 23,1 Prozent und an der Johannisstraße um 9,1 Prozent. Es gibt aber auch Kreuzungen, an denen deutlich mehr Fahrzeuge registriert wurden: am Heger Tor waren es 17,1 Prozent, an der Kommenderiestraße 15,6 Prozent und an der Petersburg 3,8 Prozent.

Die Zahl der Autos ist am Schlosswall (Höhe Stadthalle) von 24900 im Mai auf 294000 im September gestiegen. Der Schluss liegt nahe, dass 5000 Autofahrer den Neumarkt über den südlichen Wallring umfahren haben. Und wo sind die anderen 20000 Autos geblieben, die früher den Neumarkt täglich überquerten? Die Fahrer haben offenbar Schleichwege durch Wohngebiete gesucht oder Parallelstraßen wie die Liebigstraße oder Parkstraße vorgezogen. Ein Teil ist offenbar über die Autobahn ausgewichen, wie Detlef Gerdts vom Umweltamt vermutet. Das gilt wohl vor allem für Autofahrer, die die Stadt in West-Ost-Richtung (Hellern-Belm) durchqueren wollten. Auf der Martinistraße hat der Verkehr nach Angaben der Stadt abgenommen.

Bricht der Verkehr auf dem Wallring zusammen?

Kritiker der Neumarkt-Sperrung weisen auf die hohe Belastung des Walls und der Kreuzungen hin. Umwege und Staus produzierten unnötig Abgase und Lärm und verstärkten die Schadstoffproblematik in der Stadt. Taxifahrer erklärten in einer im August 2015 veröffentlichten Umfrage der IHK, die Fahrzeiten in der Abendspitze zwischen 16 und 18 Uhr hätten sich „mindestens verdoppelt“. „Dieses Ergebnis bestätigt die subjektive Wahrnehmung vieler Autofahrer“, sagte Eckhard Lammers, IHK-Geschäftsführer für den Bereich Standortentwicklung.

Die Wahrnehmung passt nicht ganz zu den Ergebnissen einer Studie von 2015, die die Verkehrsqualität auf dem Wall mit der Schulnote 4 (ausreichend) bewertete . In der Woche vom Montag, 13. Juli, bis Freitag, 17. Juli 2015 drehten Testfahrer zu verschiedenen Tageszeiten 70 Runden über den Wallring. Die Baustelle am Hasetorwall war noch nicht eingerichtet und in Nordrhein-Westfalen waren schon Sommerferien. Die Testfahrer waren gehalten, mit dem Verkehr mitzuschwimmen. Sie fuhren im Uhrzeigersinn und umgekehrt. Über GPS wurde jede Fahrzeugbewegung erfasst. Die Tester starteten morgens zwischen 6.20 Uhr und 8.40 Uhr und zwischen 12.45 Uhr und 19 Uhr. Dadurch erfassten sie die Morgen- und Abendspitzen, aber auch die verkehrsschwachen Zeiten, zu denen sich die Grüne Welle am besten prüfen lässt. Zum Vergleich konnten die Ingenieure eine gleiche Testreihe von 2010 heranziehen. Damals hatten die Fachleute untersucht, ob die Grünen Wellen auf dem Wall und den Einfallstraßen in der Praxis funktionieren.

Die Ergebnisse: Die mittlere Reisezeit für eine Wall-Fahrt dauert in der Morgenspitze (im Uhrzeigersinn) 11:46 Minuten und damit zwei Minuten und 45 Sekunden Minuten länger als 2010. In Gegenrichtung liegt die mittlere Reisezeit bei 13:26 Minuten – 3:02 Minuten länger als 2010.

Die schnellste Runde legte ein Fahrer morgens vor Beginn des Berufsverkehrs mit 6:42 Minuten hin. Die längste Tour dauerte 22:47 Minuten in der abendlichen Spitzenzeit.

Verkehrsingenieur Jörg Herold, der für die Studie verantwortlich ist, hält die Verkehrsqualität auf dem Wall für ausreichend. Dringenden Handlungsbedarf gebe es nicht. Nur in abendlichen Berufsverkehr sinke die Verkehrsqualität auf die Note 5 ab. Der Gesetzgeber gebe die Note 4 als „angestrebte Qualitätsstufe“ vor. Denn es wäre aus wirtschaftlichen Gründen nicht sinnvoll, überdimensionierte Straßen zu bauen, die selbst zu Spitzenzeiten die höchste Verkehrsqualität garantieren.

Wie wird sich der Verkehr in Zukunft entwickeln?

Das Büro TSC in Essen, das die Stadt seit vielen Jahren in der Verkehrsplanung berät, hat eine Prognose für das Jahr 2030 aufgestellt . Vorausgesetzt wird, dass die A33 Nord fertiggebaut, das Verkehrskonzept Westerberg umgesetzt, das Einkaufszentrum in Betrieb und das L+T-Kaufhaus geöffnet ist. Die Studie sagt: Wenn der Neumarkt geöffnet wird, nimmt der Verkehr auf dem südlichen Wallring deutlich von 24300 Fahrzeugen um bis zu 10 700 Fahrzeugen täglich ab. Auf dem nördlichen Wallring ist mit einer Reduzierung um bis zu 6600 Fahrzeuge (von 31000) zu rechnen. Bei offenem Neumarkt entstehen Probleme auf den Kreuzungen an der Stadthalle und Berliner Platz. Vor allem der Berliner Platz ist dann überlastet. Auf einer Skala von A (gut) bis F (ungenügend) stufen die Gutachter die Kreuzung an der Stadthalle /Martinistraße mit D ein, die am Berliner Platz mit E. Beide würden sich nach der Prognose um einen Rang verschlechtern, wenn der Neumarkt geöffnet ist. In der Praxis hieße das 70 Sekunden Wartezeit.

Wie schlimm ist die Schadstoffbelastung auf dem Neumarkt?

Das Stickstoffdioxid (NO2), Osnabrücks größtem Sorgenkind in der Schadstoffbilanz, entströmt vor allem den Auspuffrohren von Dieselfahrzeugen. Bis zu 70 Prozent davon gehe auf den lokalen Verkehr zurück, rechnen Experte vor. Ein sogenannter Passivsammler registriert die NO2-Belastung am Neumarkt, genauer gesagt 130 Meter weiter westlich davon am Neuen Graben. Dabei handelt es sich um eine Plastikbox, so groß wie ein Weckglas, unauffällig über den Köpfen der Passanten an einem Laternenmast befestigt. Alle zwei Wochen wird die Box ausgewertet.

Am Neumarkt wurden 2011 im Jahresmittel 63 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft (µg/m³) gemessen. Rekord für Osnabrück. Die EU-Richtlinie schreibt zum Schutz der menschlichen Gesundheit einen Jahresdurchschnittswert von maximal 40 µg/m³ vor. In Osnabrück wurde dieser Grenzwert in der Vergangenheit am Neumarkt, an der Martinistraße und am Schlosswall überschritten. Während der Neumarkt-Sperrung sanken die Werte dort ebenso wie an der Martinistraße, während sie sich am Schlosswall erhöhten. Städte wie Osnabrück, in denen es regelmäßig zu Überschreitungen kommt, müssen mit Strafzahlungen an die Europäische Union rechnen.

Nach der Sperrung des Neumarkts sank der Wert zwar deutlich, blieb mit 42 oder 43 µg/m³ aber immer noch knapp über dem Grenzwert. Die Hälfte dieser NO2-Grundlast kommt nach Angaben des städtischen Umweltamtes aus den Bus-Auspuffen, die andere Hälfte strömt als unkontrollierbare Hintergrund-Belastung von außen ein.


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