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Zulassungen nehmen zu Das Luftproblem am Neumarkt – Sind Dieselautos schuld?

Die Zahl der Diesel-Pkw hat sich in Osnabrück seit dem Jahr 2000 mehr als verdoppelt. Die meisten Emissionen am Neumarkt sind aber den Bussen zuzuschreiben. Foto: Michael GründelDie Zahl der Diesel-Pkw hat sich in Osnabrück seit dem Jahr 2000 mehr als verdoppelt. Die meisten Emissionen am Neumarkt sind aber den Bussen zuzuschreiben. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Der Stadt Osnabrück drohen Strafzahlungen an die EU, weil am Neumarkt der Grenzwert für Stickstoffdioxid (NO2) regelmäßig überschritten wird – in erheblichem Maße. Sind die vielen Dieselautos schuld an der Misere?

Die Zahl der in Osnabrück gemeldeten Dieselautos hat sich Statistiken der Stadt und des Landesamtes für Statistik zufolge seit 2000 mehr als verdoppelt. 11.697 waren es am 1. Januar 2000. Anfang 2015 betrug deren Anzahl 25.222 – eine Zunahme um rund 116 Prozent. Hinzu kamen Anfang 2015 6.630 Dieselnutzfahrzeuge von insgesamt 6.929 gemeldeten Nutzfahrzeugen. Das ergibt in der Summe 31.852 Dieselfahrzeuge auf Osnabrücks Straßen – Tendenz steigend.

Inzwischen wird fast jedes dritte bei der Stadt gemeldete Auto von Diesel angetrieben. Lag deren Anteil an allen Autos im Jahr 2000 noch bei 15,3 Prozent, wuchs er bis Anfang 2015 auf 32,2 Prozent an.

Und das ist ein Problem. Denn das Atemgift Stickstoffdioxid (NO2) strömt vor allem aus Auspuffrohren der Dieselfahrzeuge. Selbst bei modernen Dieselautos mit Euro-5- und Euro-6-Norm werden die Grenzwerte um bis das Siebenfache überschritten.

Grenzwert am Neumarkt weit überschritten

Am Neumarkt betrug der NO2-Jahresmittelwert vor der Sperrung 62,8 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft – am 18. Februar gar 76. Und nur die Spitzenwerte zählen. NO2 kann Asthma und Krebs verursachen, anfällig sind insbesondere Kinder und Alte. Der Grenzwert liegt bei 40 Mikrogramm. Nach der Sperrung sank der Wert auf 42,8 Mikrogramm.

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Busse stoßen viel NO2 aus

Zu berücksichtigen ist aber: In Osnabrück verursachen Busse am Neumarkt rund ein Drittel der Belastung, ein weiteres Drittel geht auf Hintergrundbelastung zurück. Elektrobusse könnten die Situation entschärfen, sind aber teuer und anfälliger. Zudem wäre das Problem der Dieselautos nicht gelöst. Überdies stiege ihr Anteil ohne Busse.

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Pendler nicht in Statistik

Ferner sind vielen Pendler nicht in der Fahrzeugbestand-Statistik erfasst, die alltäglich mit ihren Autos in die Stadt fahren oder für die Arbeit verlassen. Dasselbe gilt für die vielen Menschen, die ins Oberzentrum zum Einkaufen fahren oder bei einem Stau auf der Autobahn durch die Stadt abkürzen. Andererseits dürften viele Pendler ihr Auto primär nutzen, um die Stadt für die Fahrt zur Arbeitsstätte im Umland zu verlassen.

Dennoch dürfte unbestritten sein, dass die extreme Zunahme der Dieselfahrzeuge mit verantwortlich ist für die überschrittenen Grenzwerte. Autos machen rund das letzte Drittel der Stickstoffdioxidbelastung am Neumarkt aus.

Sollte es der Stadt nicht gelingen, den Grenzwert von 40 Mikrogramm einzuhalten, droht ihr Klagen von Bürgern oder Umweltverbänden und ein Strafgeldbescheid der EU.

Autobestand weniger stark gewachsen

Übrigens: Nicht nur die Zahl der Dieselfahrzeuge ist in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. Auch der gesamte Autobestand in Osnabrück stieg von 2008 bis 2015 um fast zehn Prozent. 76.552 Autos waren am 1. Januar 2000 bei der Stadt gemeldet. 78.278 waren es am 1. Januar 2015. Immerhin sank die Zahl der Autos der Schadstoffgruppe 2 (rote Plakette) von 737 in 2012 auf 561 in 2014.

Rückgang um 9000 Fahrzeuge

2007 waren in Osnabrück sogar 80.390 Pkw angemeldet. Der Rückgang um rund 9000 Fahrzeuge bis 2008 erklärt sich durch eine Änderung bei der Erfassung. Seit dem 1. März 2007 unterscheidet das Kraftfahrt-Bundesamt nicht mehr zwischen vorübergehend stillgelegten und endgültig gelöschten Fahrzeugen. Es gibt nur noch Außerbetriebsetzungen. Ferner ist seither der Wohn- oder Firmensitz des Halters maßgebend. Ein vom Zulassungsbezirk abweichender Standort erscheint nicht mehr in den Statistiken.

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Auf der Seite des Niedersächsischen Umweltministeriums finden Sie aktuelle Emissionswerte für Osnabrück und ganz Niedersachsen


NO2: Das Gift aus den Dieselabgasen

Stickstoffdioxid ist ein giftiges Gas mit der chemischen Formel NO2, das ähnlich stechend riecht wie Chlor und an seiner rotbraunen Farbe zu erkennen ist. Es entsteht bei der Verbrennung fossiler Energie und soll zu mehr als 75 Prozent vom Straßenverkehr stammen. Emittiert wird es vor allem von Dieselmotoren.

NO2 gilt als krebsverdächtig und greift die Atemwege an. Der Mittelwert darf nicht höher sein als 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. In Osnabrück wurde dieser Grenzwert in der Vergangenheit am Neumarkt, an der Martinistraße und am Schlosswall überschritten. Während der Neumarkt-Sperrung sanken die Werte dort ebenso wie an der Martinistraße, während sie sich am Schlosswall erhöhten.

Wegen der gravierenden gesundheitlichen Beeinträchtigung ist die Stadt verpflichtet, die Richtwerte einzuhalten. Kommt es zu Überschreitungen, riskiert sie Klagen von Bürgern oder Umweltverbänden, außerdem muss sie mit einem Vertragsverletzungsverfahren der Europäischen Union rechnen, das Strafzahlungen zur Folge hat. (rll)

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