Der Neue Graben vor 60 Jahren Als Osnabrück eine „autogerechte Stadt“ sein wollte

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Osnabrück. Das waren noch Zeiten! Vor 60 Jahren verkündeten die Stadtväter einschließlich des Redakteurs des „Osnabrücker Tageblatts“ stolz, dass der Neue Graben nun Schritt für Schritt zu einer „den neuzeitlichen Anforderungen des Verkehrs gerecht werdenden“ breiten Straße ausgebaut werde.

Heute gehen die verkehrspolitischen Bestrebungen eher in die entgegengesetzte Richtung. Doch damals war man in Osnabrück noch davon überzeugt, auf der Ost-West-Achse über Wittekindstraße, Neumarkt und Neuer Graben besser machen zu müssen, was man beim Ausbau einer Nord-Süd-Magistrale im Zuge von Hasestraße und Großer Straße versäumt habe. Ziel war eine „großstädtische Straßenführung“.

Stehimwege wie die Ruine des Kontorhauses der Schnapsbrennerei Gosling zwischen Neuem Graben und Grünem Brink würden nach und nach abgeräumt, um den wachsenden Autoverkehr vierspurig durch die Stadtmitte führen zu können, versprachen die Stadtväter.

„Osnabrücks schönste Straße“

„Der Neue Graben ist auf dem besten Wege, Osnabrücks schönste Straße zu werden“, sekundierte das „Tageblatt“ im September 1954. Es hatte dabei das „Behördenviertel“ am westlichen Ende des Neuen Grabens vor Augen, wo mit Kreishaus, Industrie- und Handelskammer und Gewerkschaftshaus ein repräsentatives Entree geschaffen sei. Dann kam das Schloss und gegenüber das ehemalige Offizierskasino, in dem zu dieser Zeit die „Brücke der Nationen“ untergebracht war.

Von den vielen alten Sitzen des Landadels in der Umgebung des Stadtschlosses stand noch der Ledenhof, der demnächst von späteren Anbauten befreit und als Baudenkmal herausgehoben werden solle.

Verkehrsknoten Neumarkt

Der Neumarkt selbst war als Verkehrsknoten durch die Beräumung von Ruinen bereits verbreitert worden. Doch nun hatte sich im Übergang zum Neuen Graben eine „Verkehrsfalle“ ergeben, weil die alten Kontorhäuser Nr. 20 (Bergmann & Heitmeyer) und Nr. 18 (Gosling) unvermittelt in die neue moderne Verkehrsführung hineinragten. „Dieser Gefahrenpunkt verlangt von allen Verkehrsteilnehmern ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit, und es ist geradezu erstaunlich, daß sich an dieser Stelle in den letzten Wochen keine Unfälle ereigneten“, schrieb die Zeitung.

Teil eins der „Neumarkt-Falle“ gehörte schon bald der Vergangenheit an, weil die Papiergroßhandlung Bergmann & Heitmeyer inzwischen ein neues Domizil auf dem früheren IHK-Grundstück Möserstraße/Ecke Schlagvorder Straße bezogen hatte. So konnte ihr 1878 begründeter Stammsitz am Neuen Graben abgerissen werden. Schade war es um die Kriegsruine nicht, in der nur das Erdgeschoss nutzbar und mit einem Notdach gegen die frei bewitterten Obergeschosse geschützt war.

„Respektable Breite“

Das viergeschossige Kontorhaus Gosling widersetzte sich dem Abriss wegen schwieriger Grundstücksverhandlungen noch etwas länger, bis es 1958 ebenfalls verschwunden war und der Neue Graben wenigstens bis zum Kamp „in respektabler Breite“ und als „Verkehrsstraße erster Ordnung“ durchgezogen werden konnte.

Die Straße folgt in etwa dem Verlauf des „Neuen Grabens“, der als offenes Gewässer um 1300 als Grenzscheide zwischen Altstadt und Neustadt angelegt wurde. Der Graben begann an der Hase am später so bezeichneten Neumarkt und verlief zwischen Grünem Brink und Kampstraße (heute Seminarstraße) dem Martinitor zu. Dort vereinigte er sich mit dem aus der Wüste kommenden Poggenbach, der dann weiter über Hakenstraße und Herrenteichsstraße der Hase zufloss. Noch zur Zeit des Schlossbaus (1667–1673) war der Neue Graben ein Gewässer, das nur über Brücken zu überqueren war. In der Neuzeit wurde er Bestandteil der städtischen Kanalisation.


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