Netzwerk für Hochrisikofälle Mehr häusliche Gewalt als Einbrüche in Osnabrück

Von Ulrike Schmidt

Das Fachzentrum gegen Gewalt in Osnabrück bietet auch Täterarbeit an. Das Foto stammt von einer Vorführung zum Thema häusliche Gewalt. Foto: Elvira PartonDas Fachzentrum gegen Gewalt in Osnabrück bietet auch Täterarbeit an. Das Foto stammt von einer Vorführung zum Thema häusliche Gewalt. Foto: Elvira Parton

Osnabrück. Wie kann eine Eskalation häuslicher Gewalt verhindert werden. In Osnabrück hat sich ein Netzwerk gegründet, das sogenannte Hochrisikofälle berät und nach Lösungen sucht. Darüber informierte Monika Holtkamp vom Präventionsteam der Polizei den Sozialausschuss.

Die Zahl der Fälle häuslicher Gewalt übersteige weit die der Einbrüche, berichtete die Kriminalhauptkommissarin. In Niedersachsen wurden im Jahr 2014 14654 Einbrüche, auch Versuche, gemeldet. Im gleichen Zeitraum wurden 15441mal häusliche Gewalt registriert. „Und laut Dunkelfeldforschung liegt die Zahl acht- bis zehnmal höher“, so die Expertin.

Checkliste statt Bauchgefühl

Auch den meisten Tötungsdelikten gehe häusliche Gewalt voraus, berichtete Holtkamp weiter. Doch wie kann das Schlimmste verhindert werden? Osnabrück habe als erste Stadt in Niedersachsen im vergangenen Jahr ein Hochrisikomanagement eingeführt. Ein breites Netzwerk mit 17 Institutionen von der Polizei über Staatsanwalt, Frauenberatung und Jugendamt bis zur Täterarbeit treffe sich regelmäßig, um Hochrisikofälle zu bearbeiten.

Um sich bei der Einschätzung von Gefahr nicht allein auf das Bauchgefühl verlassen zu müssen, haben Monika Holtkamp und Kornelia Krieger von der Frauenberatungsstelle eine Checkliste erstellt. Bei 20 Fragen, die die Polizei bei einem Einsatz stellt, gibt es für jedes „ja“ eine bestimmte Punktzahl. Hat Ihr Mann sie schon einmal gewürgt? Ist er arbeitslos? Hat er schon einmal die Kinder bedroht? Hat Ihr Mann eine Schusswaffe?

Spontankonferenz bei akuter Gefahr

Ab einer bestimmten Punktzahl werde von einem Hochrisikofall ausgegangen, berichtete Holtkamp weiter. In der ersten Hälfte 2015 seien das in und um Osnabrück 37 Fälle gewesen. Diese würden in den viermal jährlich stattfindenden Konferenzen beraten. Bei akuter Gefahr seien Spontankonferenzen möglich. Immer werde die betroffene Frau darin einbezogen. Dabei werde das weitere Vorgehen besprochen.

Neu sei eine Sicherheitsberatung der Frau durch das Präventionsteam der Polizei. Durch die Beteiligung des Weißen Rings und der Opferhilfe seien finanzielle Hilfen möglich, etwa bei der Einrichtung von Sicherheitsanlagen oder einem Umzug. Auch Familienhebammen seien dem Netzwerk angeschlossen. In einem Fall habe eine Hochschwangere aus Angst vor ihrem gewalttätigen Mann jede Hilfe von außen verweigert und lediglich der Hebamme den Zugang erlaubt.

Risikoreiche Situationen entschärft

Monika Holtkamp ist überzeugt davon, dass durch das Fallmanagement Straftaten verhindert und risikoreiche Situationen entschärft werden konnten: „Aber leider ist Prävention nicht messbar.“ Die Ergebnisse der Checkliste würden aber auch im Polizeialltag helfen, weil sie für alle Beamten zugänglich seien. Sie wissen dann bei einem Einsatz, ob der Mann unter Alkoholeinfluss gewalttätig wird, wie viele Kinder im Haushalt leben und ob der Mann eine Waffe besitzt.

Auf Nachfrage aus dem Ausschuss erläuterte Holtkamp, dass bei häuslicher Gewalt Männer zu 92 Prozent die Täter sind. Daraus könne aber nicht geschlossen werden, dass bei den restlichen acht Prozent Männer die Opfer seien: „Frauen suchen sich meist weibliche Opfer wie zum Beispiel die Nebenbuhlerin oder neue Freundin des Mannes.“