„Staat treibt uns in Altersarmut“ Protestaktion der Osnabrücker Deutschlehrer


Osnabrück. Die Lehrkräfte für „Deutsch als Zweitsprache“ der Volkshochschule haben am Dienstagmittag gegen ihre prekären Arbeitsbedingungen protestiert. Dabei wurden sie von Kursteilnehmern unterstützt.

„Der, die, das – Bildung kostet was“, skandierten Lehrkräfte und Teilnehmer. Der Protest richtet sich gegen die prekären Arbeitsbedingungen der DAZ-Lehrkräfte in den Integrationskursen. Kein Arbeitsvertrag, kein Geld in der unterrichtsfreien Zeit, keine Absicherung im Krankheitsfall, Renten- und Krankenversicherung müssen aus eigener Tasche bezahlt werden – und das bei einem Nettostundenlohn von 10 Euro.

„Unsere Lehrerin ist richtig toll“

„Ich verstehe nicht, dass meine Arbeit nicht anerkannt wird und der Staat mich in die Altersarmut treibt“, sagte DAZ-Lehrerin Ilona Schowe stellvertretend für ihre Kolleginnen und Kollegen. Den bezahlt würden nur die Unterrichtsstunden, nicht aber die vor allem in den höheren Kursen sehr aufwendige Vor- und Nachbereitung sowie Korrektur der Klausuren.

Deutschlandweit gehen in diesem Tagen DAZ-Lehrkräfte auf die Straße, um feste Arbeitsverträge und eine Vergütung wie Berufsschullehrer zu fordern. In Osnabrück wurden sie dabei von zahlreichen Teilnehmern unterstützt. „Damit wollen wir unserer Lehrerin etwas zurückgeben“, sagte Einer. Eine andere brachte es kurz auf den Punkt: „Unsere Lehrerin ist richtig toll.“

Bildungspolitischer Skandal

Einen „hervorragenden Job“ bescheinigte auch Volkshochschul-Geschäftsführer Carl-Heinrich Bösling seinen Lehrkräften. In den vergangenen 15 Jahren habe die öffentlich finanziert Erwachsenenbildung einen Rückgang um 41 Prozent erlebt. Es sei ein „bildungspolitischer Skandal ohnegleichen“, dass das Honorar 2016 auf dem Niveau Anfang der 1990er Jahre stehe.

Durch die starke Zuwanderung der Flüchtlinge seien die Versäumnisse der Vergangenheit schlagartig deutlich geworden, sagte Bösling. Deshalb sei eine höhre Finanzierung durch den Bund erforderlich.

Baustein für die Integration

Unterstützung dieser Forderung erhoffen sie sich Protestler auch von Oberbürgermeister Wolfgang Griesert. Deshalb zogen sie von der Volkshochschule zum Rathaus. Für die NOZ und die Demonstranten unterbrach Griesert kurz die laufende Konferenz und stellte sich vor der Kamera den Fragen.

Nach einer menschenwürdigen Unterbringung sei eine Sprachförderung der Flüchtlinge der wichtigste Baustein für die Integration: „Dafür brauchen wir Sie an allen Ecken und Enden“, wandte sich der Oberbürgermeister an die Demonstranten.

Griesert sagte zu, mit der Osnabrücker Initiative Deutsche als Zweitsprache einen Termin auszumachen, um gemeinsam zu überlegen, wie die Fachkräfte ihre Forderungen durchsetzen können.


Aus Leipziger Erklärung der Institute und Abteilungen für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache zu sogenannte Flüchtlingskrise: Die Aneignung der deutschen Sprache ist ein Schlüssel zu einer erfolgreichen gesellschaftlichen Teilhabe in Deutschland. Es ist daher sehr zu begrüßen, dass sich so viele Menschen in den letzten Monaten ehrenamtlich darum bemüht haben, Geflüchtete beim Erwerb deutscher Sprachkenntnisse zu unterstützen. Aber: In Öffentlichkeit und Medien entsteht gelegentlich der Eindruck,

als wenn es für die Lösung der Aufgabe, die Zuwandernden sprachlich und kulturell mit der bundesdeutschen Gesellschaft vertraut zu machen, weder tragfähige Konzepte noch ausgebildete Fachleute gäbe, sodass notgedrungen auf ad-hoc-Lösungen zurückgegriffen werden müsse.

Das Fach Deutsch als Fremd- und Zweitsprache hat Konzepte für genau diese Aufgabe entwickelt und ExpertInnen für genau diesen Zweck ausgebildet, die zum Einsatz kommen können und sollten. So gibt es ausgearbeitete und erprobte Konzepte zu Fragen der Sprachbildung unter Bedingungen von Migration, Mehrsprachigkeit und kultureller Diversität.

Die politischen AkteurInnen bieten allerdings diesen ExpertInnen, auf die die Gesellschaft dringend angewiesen ist, nicht die Arbeitsbedingungen, die ihrer Qualifikation und der Bedeutung ihrer Aufgabe angemessen sind. Die Bezahlung in den Orientierungs- und Integrationskursen, die Neuankommende durchlaufen sollen, ist kläglich und erfolgt zudem auf Honorarbasis.

Die Konsequenz muss sein, die DaF/DaZ-Infrastruktur in der Bundesrepublik nicht nur quantitativ auszubauen, wie es derzeit zu Recht geplant ist, sondern sie auch, und zwar auf Dauer qualitativ zu verbessern. Das Arbeitsfeld Deutsch als Fremd- und Zweitsprache ist aufzuwerten. Dies muss sich erstens in einer deutlichen Verbesserung der Arbeitsbedingungen der DaF/DaZ-Lehrenden in den Integrationskursen niederschlagen.

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