Braunkohle statt Innovation? Kalla Wefels Heimatabend zu Kunst und Kultur

Sie machen Kunst: Simon Hötten vom Kulturverein Petersburg, Beate Steffens von der Probebühne, das Moderatoren-Duo Kalla Wefel und Elisabeth Lumme sowie Britta Habuch vom Ersten unordentlichen Zimmertheater. Foto: Hermann PentermannSie machen Kunst: Simon Hötten vom Kulturverein Petersburg, Beate Steffens von der Probebühne, das Moderatoren-Duo Kalla Wefel und Elisabeth Lumme sowie Britta Habuch vom Ersten unordentlichen Zimmertheater. Foto: Hermann Pentermann

Wenn Kalla Wefel ein Thema für Heimatabend-würdig erklärt, muss es über eine gewisse Brisanz verfügen. Daher ginge es am Sonntag um die Kulturszene. Doch die Frage „Was macht die Kunst?“ bleibt offen.

Einigkeit herrscht wenigstens in einem Punkt: Die Kultur ist unverzichtbar. Und einig sind sich beim Heimatabend zum Thema Kunst und Kultur auch alle, dass man sich hüten möge davor, in der Kultur Groß gegen Klein auszuspielen, Leuchtturm gegen Breite, Vielfalt gegen vorgebliche Einfalt. Gastgeber Kalla Wefel fasst das im Spitzboden der Lagerhalle so zusammen: „Jeder Cent in die Kultur ist ein Cent, der in Bildung investiert wird. Und das unterscheidet uns von den Bewohnern im Zoo.“ Weiterlesen: Beim letzten Heimatabend ging es um den Neumarkt

Die Nöte der Kunstszene...

Bleibt die Frage, wie viel in Kultur investiert wird und wie die Summen verteilt werden. Im ersten Teil des Abends erzählen Vertreter von Probebühne, Zimmertheater und Freiraum Petersburg von ihrer Arbeit – und wie schwer es ist, über institutionelle Förderung Planungssicherheit zu erhalten oder an Projektmittel heranzukommen. Im zweiten Teil setzt sich die Politik mit diesen Fragen auseinander, und weil sich das Thema einigermaßen komplex und spezifisch darstellt, hat sich Wefel die Künstlerin Elisabeth Lumme an die Seite geholt. Nun ist Lumme gleichzeitig Vorsitzende der Gesellschaft für Zeitgenössische Kunst; dass sie die Runde moderiert, ist also ein bisschen so, als würde Franz Beckenbauer einen Talk über die Fifa moderieren. Denn natürlich wird noch einmal der gestrichene Mietzuschuss für die Stadtgalerie thematisiert –in der Folge hatte sich der Kunstverein ja erst gegründet. Weiterlesen: Die Gesellschaft für Zeitgenössische Kunst

...und die Vorbehalte der Politik

So trippelt die Diskussion immer noch auf der Stelle, wo sie seit den Kürzungsbeschlüssen vom letzten Dezember steht: Brigitte Neumann (CDU) argumentiert mit dem „genehmigungspflichtigen Haushalt“, Thomas Haarmann (FDP) sieht Kultur als Standortfaktor, Dirk Koentopp (SPD) möchte, dass alle an einem Strang ziehen, Ralf ter Veer (UWG/Piraten) will einmal mehr das Theater in ein Bespieltheater umwandeln. Sebastian Bracke (Die Grünen) schließlich möchte die Kultur stärker unter dem Aspekt der Stadtentwicklung sehen. Weiterlesen: Künstler protestieren gegen Kürzungen im Kunstetat

Genau da setzt nun Kulturberater Reinhard Richter an. Er sieht die Gesellschaft in einer „Phase gravierender schneller Veränderungen“ und leitet daraus die Notwendigkeit ab, die freiwilligen Mittel eines kommunalen Etats stärker nach Kriterien der Zukunftsfähigkeit zu verteilen. Die derzeitige Situation beschreibt er mit einem Bild aus der Energiebranche: „Zur Zeit wird noch viel in Braunkohle investiert und zuwenig in innovative Energien“. Um dieses Missverhältnis aufzulösen, schlägt Richter vor, ein Prozent des städtischen Haushalts in einen Innovationsetat zu überführen. Gleichzeitig solle ein Runder Tisch die Maßnahmen gestalten, an dem sich regelmäßig Vertreter aus Verwaltung, Politik, Kultur und Kulturinteressierte austauschen.

Die Idee stößt denn auch auf offene Ohren. Für eine neue Gesprächskultur wirbt zum Beispiel der Freiraum Petersburg: Die Initiative möchte mit am Tisch sitzen, bevor der nächste Bebauungsplan für das Gelände am Güterbahnhof beschlossen wird. Und auf Kalla Wefels Vorwurf, „Ihr seid einfach zu brav“ kontert Simon Hötten vom Kulturverein: „Wir wollen nicht gegen, sondern für etwas sein“. Und sie wollen gehört werden – und mitreden.


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