Huhn mit Migrationshintergrund Zweisprachige Premiere von „Wolle und Gack“ in Osnabrück

Von Ullrich Schellhaas


Osnabrück. Der Gedanke ist charmant und eigentlich so naheliegend, dass man erst einmal darauf kommen muss: Das Musiktheater Lupe hat sein Stück „Wolle und Gack“ nun gemeinsam mit syrischen Künstlern so umgearbeitet, dass es zweisprachig funktioniert. Mehr als 250 deutsche und syrische Kinder aller Altersstufen bejubelten die Premiere in der Lagerhalle.

Wolle (Tine Schoch) hält sich für ein sehr umgängliches Schaf. 23 Jahre war er auf dem Schafsamt, niemals krank und niemals zu spät. Der Rasen vor seinem Häuschen ist sorgfältig auf eine Länge gefressen, und sein ganzer Stolz – neben dem neuen Sofa – ist seine Blumenwiese. Wolle hält sich für tolerant. Denn es ist ihm völlig egal, wer auf dem dem freien Nachbargrundstück einzieht. Junges Schaf, altes Schaf, dickes Schaf oder reizende Heidschnucke: Wolle ist sich sicher, dass er sich mit jedem gut verstehen wird.

Doch das Problem ist ein ganz anderes, als schließlich Gack (Kathrin Orth) einzieht. „Sie sind ja gar kein Schaf“, stellt Wolle messerscharf fest. Gack ist nämlich – man ahnt es bereits – ein Huhn. Eine Reihe von eigentlich gut gemeinten Missverständnissen, etwa ein Wurm als Gastgeschenk, führt zu absurden Situationen und viel Streit. Bis die beiden Tiere schließlich anfangen, miteinander zu reden und sich kennenzulernen und feststellen: Eigentlich ist der andere ja ganz nett, seine Religion auch nur eine Religion, und wenn man nur kommuniziert, wird manches seltsam anmutende Verhalten des anderen gleich viel verständlicher.

Unter der Regie von Ralf Siebenand spielen die Schauspielerinnen das für Kinder im Grundschulalter konzipierte und vor rund eineinhalb Jahren entwickelte Stück so charmant, dass es auch für Erwachsene eine pure Freude ist, ihnen zuzuschauen. Das Huhn pickt, scharrt und betet ein Ei an, während Wolle leicht arrogant davon ausgeht, dass seine Sicht der Dinge schon die Richtige sein wird. „Und während Kinder darin vielleicht nur die Geschichte von einem Schaf und einem Huhn sehen, ist für ältere der ernste Hintergrund offensichtlich“, sagt Regisseur Siebenand.

Er schafft in seiner Inszenierung großartige Bilder, von denen an dieser Stelle als ein Beispiel der Zaun genannt sei, der die beiden Nachbarn voneinander trennt. In einer ersten Reaktion auf die ungehobelte Nachbarin erhöht Wolle diesen nämlich, nur um ihn später, nach dem ersten Kennenlernen, wieder abzureißen. Am Ende baut er daraus eine Sitzbank, auf der beide Tiere einträchtig vereint sitzen und miteinander plaudern.

In der zweisprachigen Fassung, die in den vergangenen vier Monaten entstanden ist, stehen Wolle und Gack nun die syrischen Künstler Anis Hamdoun und Zainab Alsawah zur Seite. Sie spielen als Alter Ego von Schaf und Huhn einfach mit, übersetzen viele Textzeilen ins Syrische und bringen den Protagonisten nebenbei ein paar Zeilen Arabisch bei. So wird das Stück über Toleranz und Verständnis noch tief gehender und für Menschen verschiedener Kulturen verständlich.

Wo die Idee zur Neufassung entstanden ist, lässt sich heute nicht mehr genau nachvollziehen. Vermutlich war es am Frühstückstisch von Tine Schoch und Clemens Vest, dem inzwischen ehemaligen Vorsitzenden des Vereins Osnabrücke. „Denn der Verein will Brücken bauen zwischen Hilfesuchenden und Unterstützern“, formuliert es auch der neue Vorsitzende Jan Eisenblätter, „und da passte dieses tolle Angebot natürlich perfekt.“ Der Verein Osnabrücke unterstützte die Neuinszenierung mit 2500 Euro, und die Lagerhalle stellte ihre Räume kostenlos für das besondere Vorhaben zur Verfügung.

Zur Premiere hatte der Arbeitskreis „Freizeit für Flüchtlingskinder“ vom Verein Exil syrische Familien aus der Erstaufnahmeeinrichtung in Hesepe eingeladen und organisierte die Anfahrt per Bus. Parallel lud der Verein Osnabrücke über soziale Einrichtungen und Projekte wie Don Bosco, Westwerk oder „Balu und Du“ deutsche Familien ein. So konnte das multikulturelle Publikum gemeinsam über die Stolpersteine von Multikulti lachen. Die Neufassung ist in der Lagerhalle nochmals am Sonntag, 19. Juni, zu erleben.