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Vor 60 Jahren bestritt Deutschland das erste Länderspiel nach dem Krieg – „Es war wie ein Wunder…“ Gedenkminute für die Kriegsopfer statt Hymne

Von Jürgen Bitter

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Osnabrück. Es war kein Tag wie jeder andere – dieser 22. November 1950. Es war der Tag, der Deutschland zurückführte in die internationale Familie des Fußballs. Und es war ein Tag, an dem sich über Stuttgart alle Schleusen öffneten und dennoch so viele Besucher ins Neckarstadion pilgerten wie nie zuvor. 103000 sollen es im Länderspiel gegen die Schweiz gewesen sein. Das Resultat dieses ersten Nachkriegsvergleichs spielte eine nebensächliche Rolle – die Deutschen gewannen 1:0.

Hans Blickensdörfer war an diesem Nachmittag als blutjunger Reporter in seinem Element. Sein Stuttgarter Sportbericht war nach dem Abpfiff vor den Stadiontoren mit einer Ausgabe mit dem aktuellen Bericht über das Länderspiel präsent, und das Produkt war auf sechs Zeitungsseiten so etwas wie eine gedruckte Radioreportage. Später sagte Blickensdörfer: „Wir waren am Tag dieses Länderspiels regelrecht hungrig auf Fußball. Die Rückkehr der Nationalmannschaft auf die internationale Bühne war nach dem Chaos des Weltkriegs für viele wie ein Wunder oder wie eine Auferstehung.“

Zwei Monate zuvor hatte das FIFA-Exekutivkomitee unter der Leitung von Jules Rimet den wiedergegründeten DFB aus der Isolation entlassen. Am 22. September, exakt um 11.30 Uhr, verkündete FIFA-Generalsekretär Ivo Schricker im Brüsseler Grand-Hotels die Wiederzulassung des DFB mit den Worten: „Es ist geschafft ...“

Schon zwei Jahre vorher hatte es mit Genehmigung der amerikanischen Besatzungsbehörden drei deutsch-schweizerische Städtespiele in Stuttgart, Karlsruhe und München gegeben, was die FIFA auf den Plan rief: 500 Franken sollten die Veranstalter berappen – sie wurden durch eine Spendenaktion der schweizerischen Zeitschrift „Sport“ aufgebracht. Aber das Echo des Auslands auf diesen Boykottverstoß blieb nicht aus. „Das war geschmacklos. Europa blutet noch aus Tausenden durch die Deutschen geschlagenen Wunden“, schrieb das holländische Blatt „Het vrije Volk“.

Doch mit diesem 22. November 1950 nahm die Isolation des deutschen Fußballs offiziell ein Ende. Der Journalist Richard Kirn erinnerte in einer Kolumne für den Sportbericht an die dem Spiel vorangeeilten Diskussionen um die Nationalhymne, die es für die Deutschen fünfeinhalb Jahre nach Kriegsende noch nicht gab. Im Stuttgarter Dauerregen folgte der Schweizer Nationalhymne eine Gedenkminute für die Opfer des Zweiten Weltkriegs. „Diese Minute der verstummten Massen war ergreifender als alle Hymnen“, befand Kirn. Und Robert Ludwig schrieb für das Sport-Magazin: „Es herrschte im Rund der 115000, die entblößten und gesenkten Hauptes dastanden, Totenstille. Die Ereignisse der letzten 15 Jahre zogen wie ein Film an uns vorüber.“

Auf den rutschigen Rängen des Neckarstadions spielten sich während des eher langweilen Spiels erschreckende Szenen ab. Die völlig überfüllte Arena wurde für viele Besucher zu einem beängstigenden Kessel, aus dem es kaum ein Entweichen gab. Die Bilanz der Sanitäter war schrecklich – es gab 23 schwere, 60 mittlere und 180 leichtere Verletzungen.

Aus der Nationalmannschaft, die auf den Tag genau acht Jahre zuvor das letzte Länderspiel 1942 in Pressburg gegen die Slowakei bestritten hatte, war nur noch „Anderl“ Kupfer aus Schweinfurt dabei. Sepp Herberger hatte vor allem Neulinge nominiert. Aus der Elf von Stuttgart wurden Toni Turek, Ottmar Walter, Max Morlock, Richard Herrmann und Berni Klodt knapp vier Jahre später Weltmeister.

Das Tor zum 1:0 im Neckarstadion erzielte drei Minuten vor der Pause ein Schalker Junge: Herbert Burdenski. Eigentlich gehörte Ottmar Walter der Siegtreffer, doch dessen Kopfball wurde von Neury mit der Hand über die Latte geboxt. Den Elfmeter hämmerte „Budde“ hoch ins Netz.

Für Bundestrainer Sepp Herberger war es der erste Schritt auf einem neuen Weg, doch die Erinnerung an die Mannschaft, die er in schweren Kriegszeiten mitgeprägt hatte, war ihm wichtig: „Sie war bescheiden im Sieg und geprägt von guter Kameradschaft. Und sie war auf den Fußballfeldern Europas ein gern gesehener Gast ...“


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