Ein Job wie ein Marathon Ein Fall für Fays: Ein Tag als Personal Trainer


Osnabrück. Thorsten Kröner ist bekannt als Personal Trainer vom Westerberg und wird von der High Society entsprechend entlohnt. In diesem Fall für Fays darf ich seine Kunden zum Schwitzen bringen. Ich jogge mit dem Chef des Rubbenbruchsee-Cafés, trainiere Marion Künker vom Münzauktionshaus Künker, einen der renommiertesten Strafverteidiger Osnabrücks sowie den Stationsleiter für Drogenentzug im Ameos-Klinikum. Werde ich die anspruchsvollen Kunden zufriedenstellen?

Nebelschwaden steigen über dem Rubbenbruchsee auf, die Enten schnattern nur wenige Meter vor uns, Vögel singen in der Ferne. Die Idylle morgens um sieben am Lauf-Mekka von Osnabrück lädt nicht nur zum Joggen, sondern auch zum Träumen ein. Damit Carsten Lingemann das Training in dieser malerischen Landschaft nicht schleifen lässt, motiviere ich den Chef der Rubbenbruchsee-Gaststätte . Nach einem kurzen Stretching am Anleger für die Tretboote lenke ich den 34-Jährigen (und mich) während des Laufs um den See mit einem Interview von der Belastung bei 25 Grad und Sonne ab. Ich motiviere ihn, indem ich nach seinen Zielen frage. Er antwortet: „Ich will abnehmen. Ich hatte 120 Kilo, nach einem Jahr Personal Training 100 Kilo.“

Im nächsten Jahr will der Gastronom sein altes Gewicht von 85 Kilo wieder haben. So viel wog er als Leistungsschwimmer, bevor er 2005 das Café-Restaurant am Rubbenbruchsee übernahm. Doch als Gastronom erlag er der Versuchung des Essens. Weil es ständig verfügbar war, griff er auch öfter zu. Parallel dazu macht er kaum Sport. Um abzunehmen, setzt Carsten auf die Hilfe von Thorsten, der sich als Personal Trainer mit der Firma „ Fitness Inspiration “ selbstständig gemacht hat: „Er hilft mir, den inneren Schweinehund zu überwinden. Er holt immer zehn Prozent mehr aus mir raus. Mit ihm laufe ich schneller und länger.“ Bei der heutigen Einheit läuft Carsten wohl vor allem entspannter, weil wir uns eine Stunde lang unterhalten und so zu einem moderaten Tempo gezwungen sind. Einerseits ist diese Methode der Geschwindigkeitskontrolle aus meiner eigenen Vorbereitung auf den letzten Marathon vor zwölf Jahren hängen geblieben, andererseits ist das betont lockere Training auch aus der Not heraus geboren, denn als Redakteur und junger Familienvater komme ich kaum noch zum Joggen.

Nach der drei Kilometer langen Runde schwitze ich bereits stärker als Carsten und setze auf eine taktische Dehnpause. Dabei erzählt er von einem weiteren Etappenziel auf dem Weg zum Idealgewicht: den Friedenslauf von Osnabrück nach Münster . In diesem Jahr will er 30 bis 40 Kilometer schaffen, im kommenden Jahr will er sogar über die komplette Distanz von 60 Kilometern, also anderthalb Marathons, laufen. Zusätzlichen Antrieb bringt eine Spendenaktion. Je mehr Kilometer er läuft, desto mehr Geld nimmt er über Sponsoren für die Organisation „ Sportler 4 a childrens world “ ein. Insgesamt will Carsten so auf bis zu 2000 Euro kommen.

Als ich nach der Stunde nass geschwitzt erzähle, dass auch mein Arbeitslohn einem wohltätigen Zweck zugutekommt, bezahlt er sogar 100 Euro, also doppelt so viel wie Thorsten in der Regel für eine Trainer-Stunde bekommt.

Die nächste Kundin ist Marion Künker vom Münzauktionshaus Künker . Ich trainiere die geschätzte Mittfünfzigerin auf einer sogenannten „Power Plate“ im Studio „Fitness-Park“ in Osnabrück-Hafen. Thorsten stellt das Gerät so ein, dass ich nur noch auf Start drücken muss. Davor erkläre ich Marion, wie sie die Kniebeuge auszuführen hat: „Po runter, Knie beugen, die Knie nicht über die Fußspitzen hinausschieben und das Ganze eine Minute halten.“ Thorsten hat mir zuvor erklärt, was das Training mit dem Gerät, das im Volksmund auch Rüttelplatte genannt wird, bewirken soll. „Sie sorgt dafür, dass beim statischen Training auch die tiefen Schichten der Muskulatur erreicht werden und das Training so viel intensiver ist.“ Marion ist bereits nach 20 Minuten geschafft, ich kann sie aber noch zum Gerätetraining für die Brustmuskulatur überreden. Nach der Einheit fragt sie, ob ich auch beim nächsten Training wieder dabei sein könne. Ich antworte, dass ich mich geschmeichelt fühle, aber mein Chef bei der Zeitung wenig Verständnis dafür hätte, wenn ich um 9 Uhr ins Fitnessstudio gehen würde.

Die nächste Einheit mit Joë Thérond , einem der erfolgreichsten Strafverteidiger Osnabrücks, nutze ich, um mit ihm eine Königsübung an sogenannten „ TRX-Seilen “ auszuprobieren: Thorsten hatte von „Handstand-Push-ups“ berichtet. Die Seile sind an Stangen dicht unter der Decke angebracht und haben Schlaufen am Ende. Die Füße befestigt Joë in diesen Schlaufen, baut Körperspannung auf, stützt sich mit gestreckten Armen auf den Boden auf und nimmt die Beine nahezu senkrecht in die Luft. Ich stelle mich neben ihn, halte seine Füße und achte auf Stabilität im Rumpf. Dann zähle ich die Wiederholungen, während er sich mit den Armen wie im Liegestütz hochdrückt. Joë ist einer der fittesten Kunden und schafft einige Wiederholungen.

Bei den restlichen Übungen beobachte ich Joë und Thorsten, damit ich bei der Einheit am Nachmittag selbst das Training leiten kann. Die TRX-Übungen sind eine Mischung aus Ausdauer-, Koordinations- und Krafttraining. Wie ich am Nachmittag am eigenen Leib erfahren werde, sind sie hochintensiv. Als Thorsten mit dem durchtrainierten 41-Jährigen fertig ist, hechelt Joë wie ein Hund, der bei 40 Grad im Auto vergessen wurde.

Nach einer Betriebssporteinheit mit Lagerarbeitern und Bürokauffrauen des hagebau Zentrallagers Weser-Ems am Mittag in Velpe übernehme ich am Nachmittag das Training von Jürgen Rogowski und seiner Trainingspartnerin Heike. Während der 57-Jährige als Stationsleiter für den Drogenentzug im Ameos-Klinikum zur klassischen Klientel von Thorsten gehört, überrascht die tätowierte 49-jährige Kundin Heike. Sie füllt beruflich Automaten auf und spart sich jede Einheit mit Thorsten vom Munde ab, obwohl sie seit vier Jahren einen Sonderpreis bekommt. Thorsten hat etwa acht Kunden am Tag. Auf Kunden wie sie ist er dabei besonders stolz: „Das zeigt, was ich ihr wert bin.“

Der 46-Jährige ist der Prototyp des Sonnyboys: Er ist braun gebrannt, bindet die Haare zum Pferdeschwanz und hat Oberarme wie Baumstämme. Das liegt wahrscheinlich daran, dass er die Trainingseinheiten mit seinen Kunden in der Regel selbst mitmacht. Als ich seinem Beispiel folge, bekomme ich Respekt vor seinen zehnstündigen Trainertagen. Das TRX-Training ist simpel, aber hart: Ich halte mich an den gespannten Seilen fest und springe dabei 20-mal in die Kniebeuge. Das wiederholen wir in kurzen Abständen und in verschiedenen Variationen mehr als ein Dutzend Mal. Jürgen und Heike machen das mit Thorsten seit Jahren, ich dagegen zum ersten Mal. Nach einer halben Stunde zwingen mich die Übungen buchstäblich in die Knie.

Jürgen, der fast doppelt so alt ist wie ich, erzählt derweil: „Bei den Übungen fühle ich mich wieder wie ein 17-Jähriger.“ Ich lache gequält, setze mich nach Luft japsend auf einen Step und gebe von dort aus Anweisungen für die nächsten Übungen. Selbst das Mitzählen der Wiederholungen gelingt nur noch mit Mühe. Meine Oberschenkel brennen wie Feuer. In der kommenden Woche werde ich einen Muskelkater haben, wie ich ihn seit meinem letzten Marathon vor zwölf Jahren nicht mehr hatte.

Die beiden sind dennoch zufrieden. Für Jürgen geht es beim Personal Training ohnehin nicht nur um die körperliche Belastung, sondern auch darum, die Erfahrungen mit den Patienten aus dem harten Drogenentzug im Ameos-Klinikum zu verarbeiten und abzuschalten. Der 19-fache Marathonläufer gibt sogar noch 20 Euro dazu, als er erfährt, wofür mein Arbeitslohn bestimmt ist. Ingesamt verdiene ich 270 Euro. Damit klettert das Spenden-Barometer auf 1853 Euro. Es war der bislang härteste Job meiner Serie . Ein Job so hart wie ein Marathon. Die Belohnung für die Qual: Thorsten stellt mir trotz des Einbruchs am Ende ein Zeugnis mit der Note 1 aus.


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