Osnabrück und das Diesel-Problem Freie Fahrt über den Neumarkt – und was ist mit der Luft?


Osnabrück. Der Neumarkt ist wieder offen und die Autofahrer können auf dem kürzesten Weg ihr Ziel erreichen. Wird die Luft in Osnabrück jetzt wieder sauberer? Die Experten vom Lufthygienischen Überwachungssystem Niedersachsen sind skeptisch. Sie setzen eher auf Umgehungsstraßen.

Wenn jeden Tag einige Tausend Autokilometer weniger anfallen, wird zwar weniger Sprit verbrannt und damit weniger Abgas produziert. Aber im Stadtzentrum drohen sich die Schadstoffe zu konzentrieren. Bei der Einhaltung der Richtwerte zählen nämlich nicht die Gesamtemissionen, sondern die Spitzen im Messnetz.

Problemfall Diesel

Gemessen wird an den Hotspots, den Stellen mit der mutmaßlich höchsten Schadstoffkonzentration, wie Andreas Hainsch vom Staatlichen Gewerbeaufsichtsamt Hildesheim erklärt. Die Standorte werden auf der Basis von bisherigen Messungen und Modellrechnungen festgelegt – und verändert, wenn es zu Verlagerungen kommt.

Beim Stickstoffdioxid (NO2), Osnabrücks größtem Sorgenkind in der Schadstoffbilanz, ist die Sache für Hainsch ziemlich eindeutig: Das giftige Gas entströmt vor allem den Auspuffrohren von Dieselfahrzeugen. Bis zu 70 Prozent davon gehe auf den lokalen Verkehr zurück, rechnet der Experte für saubere Luft vor. Wie viel NO2 in der Luft ist, wird an den Hotspots kontinuierlich gemessen. Ein sogenannter Passivsammler registriert die Durchschnittswerte – auch am Neumarkt, genauer gesagt 130 Meter weiter westlich davon am Neuen Graben. Dabei handelt es sich um eine Plastikbox, so groß wie ein Weckglas, unauffällig über den Köpfen der Passanten an einem Laternenmast befestigt. Alle zwei Wochen wird die Box ausgewertet.

Stadt muss Strafe zahlen

Am Neumarkt wurden 2011 im Jahresmittel 63 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft gemessen – für Osnabrück ein unrühmlicher Rekord. Die EU-Richtlinie schreibt zum Schutz der menschlichen Gesundheit einen Jahresdurchschnittswert von maximal 40 µg/m³ vor. Städte wie Osnabrück, in denen es regelmäßig zu Überschreitungen kommt, müssen mit Strafzahlungen an die Europäische Union rechnen.

Nach der Sperrung des Neumarkts sank der Wert zwar deutlich, blieb mit 42 oder 43 µg/m³ aber immer noch knapp über dem Grenzwert. Detlef Gerdts, der Leiter des Fachbereichs Umwelt und Klimaschutz, macht die dieselbetriebenen Busse für diese NO2-Grundlast verantwortlich. Seit der Neumarkt wieder für den Autoverkehr geöffnet ist, dürften die Werte an diesem Hotspot wieder deutlich steigen. Aktuelle Messergebnisse liegen aber noch nicht vor.

Rechnen und Messen

Befürworter der Neumarkt-Öffnung erwarten dagegen, dass die Schadstoffwerte in Osnabrück sinken werden. Weil jetzt mehr Autos über den Neumarkt und weniger über den Wallring fahren, müsste die Entlastung doch gegengerechnet werden, lautet ihr Argument. Aber wenn es um die krankmachende Wirkung von Stickstoffdioxid geht, zählen nur die Punkte mit den höchsten Schadstoffwerten.

Diese Hotspots ergeben sich aus großräumigen Modellrechnungen, die regelmäßig mit aktualisierten Messergebnissen aufgefrischt werden, wie Andreas Hainsch von der Staatlichen Gewerbeaufsichtsamt erläutert. Die Auswertung von Passivsammlern an den besonders belasteten Standorten hilft, die Computersimulationen mit der Realität abzugleichen.

Durchgangsverkehr ist das Problem

Weil sich die Verkehrsströme ändern, dürfen die Luftkontrolleure nicht den Anschluss verlieren: „Wenn man an einer Stelle Verbesserungen erzielt, muss man darauf achten, dass an anderer Stelle nicht die Grenzwerte überschritten werden“, sagt Hainsch.

Für ihn kommt es nicht nur auf die Verkehrsmenge an, sondern auch auf Faktoren wie Windeinflüsse, Hindernisse, Straßenschluchten oder Stop-and-go-Verkehr. In der Innenstadt herrschten nun einmal andere Verhältnisse als an einer Autobahn, vermerkt der Fachmann.

Das Problem mit dem Stickstoffdioxid hat er schon hautnah in verschiedenen Kommunen verfolgt. Extreme Werte gebe es immer dort, wo sich der Durchgangsverkehr durch eine enge Ortsdurchfahrt quälen müsse, sagt der Mann von der Gewerbeaufsicht. So war es auch in der Gemeinde Barbis im Landkreis Osterode. 2014 wurde die neue Umgehungsstraße in Betrieb genommen, und damit, so Hainsch, „war das Problem gelöst“.


NO2: Das Gift aus den Dieselabgasen

Stickstoffdioxid ist ein giftiges Gas mit der chemischen Formel NO2, das ähnlich stechend riecht wie Chlor und an seiner rotbraunen Farbe zu erkennen ist. Es entsteht bei der Verbrennung fossiler Energie und soll zu mehr als 75 Prozent vom Straßenverkehr stammen. Emittiert wird es vor allem von Dieselmotoren.

NO2 gilt als krebsverdächtig und greift die Atemwege an. Der Mittelwert darf nicht höher sein als 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. In Osnabrück wurde dieser Grenzwert in der Vergangenheit am Neumarkt, an der Martinistraße und am Schlosswall überschritten. Während der Neumarkt-Sperrung sanken die Werte dort ebenso wie an der Martinistraße, während sie sich am Schlosswall erhöhten.

Wegen der gravierenden gesundheitlichen Beeinträchtigung ist die Stadt verpflichtet, die Richtwerte einzuhalten. Kommt es zu Überschreitungen, riskiert sie Klagen von Bürgern oder Umweltverbänden, außerdem muss sie mit einem Vertragsverletzungsverfahren der Europäischen Union rechnen, das Strafzahlungen zur Folge hat.

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