Interview mit Prof. Renate Zimmer „Draußen in der Natur ist Bewegung am einfachsten“

Renate Zimmer ist die Initiatorin des Kongresses „Bewegte Kindheit“, der in diesem Jahr zum zehnten Mal in Osnabrück stattfindet. Foto: Jörn MartensRenate Zimmer ist die Initiatorin des Kongresses „Bewegte Kindheit“, der in diesem Jahr zum zehnten Mal in Osnabrück stattfindet. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Renate Zimmer ist Initiatorin und Organisatorin des Kongresses „Bewegte Kindheit“. In diesem Jahr ist es der zehnte Kongress im 25. Jubiläumsjahr. Er beginnt am Donnerstag in der Osnabrückhalle.

Stimmt es, dass dieser Kongress „Bewegte Kindheit“ auch Ihr Abschiedskongress ist?

Ja, das wird der letzte Kongress unter meiner Leitung sein. Ich werde Ende März aus dem Dienst der Universität Osnabrück ausscheiden, nachdem ich schon dreieinhalb Jahre länger als es erforderlich ist, gearbeitet habe. Wahrscheinlich wird es auch vorerst der letzte Kongress dieser Art sein. Meine Nachfolge an der Universität steht noch nicht fest, und deswegen kann es auch noch keine weiteren Planungen geben. Für die frühkindliche Bildung werde ich mich aber auch weiterhin einsetzen, denn ich werde weiter das nifbe (Niedersächsisches Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung ) leiten.

Was war vor 25 Jahre Ihre Intention, einen solchen Kongress ins Leben zu rufen?

Es gab zu dieser Zeit kaum Veranstaltungen, in denen die pädagogische Arbeit mit Kindern unter sechs Jahren im Fokus stand und in denen ganz Erzieherinnen und Erzieher als Teilnehmer angesprochen wurden. Frühkindliche Bildung war damals noch Brachland, und manche Reaktionen auf meine Arbeit waren auch etwas despektierlich. Man musste sich fast entschuldigen, wenn man die Lebensjahre vor Eintritt in die Schule zum Gegenstand seiner Forschung machte. Heute ist das ganz anders, die Bedeutung der ersten Lebensjahre für Bildungsprozesse von Kindern ist höchst anerkannt. Auch die Rolle, die Bewegung als Zugang des Kindes zur Welt dabei spielt, gerät zunehmend ins Bewusstsein von Praxis aber auch von Forschung. In Krippen und Kindergärten gehört Bewegung inzwischen häufig zum Profil der Einrichtung.

Also haben Sie mit Ihrer Arbeit und den Kongressen Erfolge erzielt?

Das kann man schon sagen! Die Bildungslandschaft hat sich auch aufgrund unserer in der Öffentlichkeit sehr gut wahrgenommenen Tagungen verändert. Heute ist bekannt, welche Bedeutung Bewegungs- und Körpererfahrungen für die Entwicklung und Gesundheit von Kindern haben. Die Sichtweise hat sich geändert, Eltern und Pädagogen sind aufmerksamer geworden. Das gilt leider nicht für die Lebenssituation von Kindern. Die verstärkte Mediennutzung begrenzt immer mehr die Zeit für Bewegung. Gesellschaftlich ist auf diesem Gebiet noch sehr viel zu tun.

Vorschulkinder sollten nach Ihren Angaben täglich zwei bis drei Stunden körperlich aktiv sein. Was können Eltern tun, damit sich ihre Kinder mehr bewegen?

Das allerwichtigste ist das eigene Vorbild, wenn die Eltern einen aktiven Lebensstil vorleben wird dies auch auf die Kinder übertragen werden. Dann wird Bewegung auch den Alltag prägen, auch in einer kleinen Wohnung können Bewegungsaktivitäten möglich sein. Rausgehen in die Natur ist aber das Einfachste. Das ist bei jeder Temperatur und Witterung möglich. Kinder haben Spaß daran, in Pfützen zu springen und auf Mauern zu balancieren, sie suchen – wenn es ihnen zugestanden wird – selbst nach Bewegungsanlässen. Aber auch das Angebot an Spielgeräten erweitert sich Laufräder sind schon für Zweijährige ein ideales Hilfsmittel, um das Gleichgewicht zu lernen. Leider gibt es aber auch Dreiräder, bei denen mittels einer Stange die Erwachsenen das Kind schieben und Tempo und Richtung vorgeben. Das ist nicht förderlich, denn der Mensch will von Anfang an etwas bewirken und das fördert seine Entwicklung.

In der Schule bedeutet lernen, zu sitzen und höchsten Kopfsport zu betreiben. Wie können Lehrer und Eltern Bewegung in die Sache bringen?

Schule ist nicht nur Lernraum, sondern auch Lebensraum. Kinder verbringen heute viel Zeit in der Schule und da darf gerade in der sensiblen Zeit des Aufbaus des Muskel- und Knochensystems nicht die meiste Zeit des Tages im Sitzen verbracht werden. Sitzen ist die ungesündeste aller Körperpositionen, deswegen steht eine Sitzschule ganz im Gegensatz zu dem, was Kinder in beim Aufwachsen brauchen. Allerdings ist Schule nicht von heute auf morgen zu ändern. Nicht allein im Sportunterricht wird durch Bewegung gelernt. Das ist auch in anderen Fächern möglich. Wenn etwa im Deutschunterricht oder auch im Fremdsprachenunterricht Präpositionen wie „auf“ und „unter“ behandelt werden, kann das mit Bewegungsaktivitäten verbunden werden. Damit wird das Verständnis, die Wortbedeutung unterstützt und auch das Gedächtnis trainiert.

Viele Eltern neigen zu Überbehütung. Wo liegt die richtige Balance zwischen Risiko und Entdeckungsdrang?

Kinder sind vom ersten Lebenstag an neugierig, sie wollen Grenzerfahrungen. Sobald sie stehen können, fordern sie ihr Gleichgewicht heraus, indem sie versuchen, auf einem Bein zu balancieren oder über die Bordsteinkanten anstelle auf dem Bürgersteig zu gehen. Selbstverständlich muss man Kinder vor Gefahren schützen, die sie selbst nicht einschätzen können. Aber man darf sie nicht von jeder Grenzerfahrung abhalten, weil sie sonst keine Risikokompetenz erwerben können.

Es ist fatal, sie vom schnellen Laufen oder vor dem Klettern abzuhalten, denn aus den Belehrungen eines Erwachsenen können sie keine Erfahrungen machen. Im Gegenteil: Denjenigen, die vor jedem noch so kleinen Risiko geschützt werden, passiert schneller etwas, weil sie nicht in der Lage sind, eine Gefahr selbst zu erkennen.

Bei diesem Kongress geht es auch um die Förderung von Flüchtlingskindern, Müssen sie anders behandelt werden?

Sie müssen nicht anders behandelt werden, weil sie die gleichen Bedürfnisse haben wie alle Kinder, nach Anerkennung und Wertschätzung, nach Bindung und guten sozialen Beziehungen. Aber gerade für sie bieten Bewegungs-, Spiel- und Sportangebote besondere Chancen zu Integration in eine Gruppe, zur Kontaktaufnahme mit anderen – auch wenn sie die deutsche Sprache - noch – nicht beherrschen. Das erleben wir in verschiedenen Projekten, unter anderem im Flüchtlingshaus am Natruper Holz, wo wir mit Kindern und Eltern Spiel- und Bewegungsangebote durchführen, die auch auf das Erlernen der deutschen Sprache orientiert sind. Bei kleinen Kindern werden Spiel und Sprache ganz selbstverständlich miteinander verknüpft, beim Spiel mit einem Ball kann der Wortschatz erweitert und erste grammatikalische Regeln gelernt werden, wenn z.B. die Aktivtäten sprachlich begleitet werden: „Ich werfe dir den Ball zu, du wirfst den Ball zurück,

Wird es die Kinderbewegungsstadt nach Ihrem Abschied weiter geben und was ist noch nötig?

Die Kinderbewegungsstadt ist unabhängig von meiner Person. Ich war zwar maßgeblich an der Entstehung beteiligt, aber an der Umsetzung wirken viele Menschen und Institutionen mit. Ich wünsche mir, dass der öffentliche Raum bewegungs- und auch kinderfreundlicher wird. Ideal wären z.B. in allen Parkanlagen in den Boden eingelassene Trampolins, weil alle Kinder es lieben, zu springen.

Es geht aber einfacher: auf den Boden aufgemalte Hüpfkästen auf dem Nikolaiort zum Beispiel. Auch Poller zu Abgrenzung sind vielseitig verwendbar. Es wäre schön, diese Poller in unterschiedlichen Größen aufzustellen, damit Dreijährige ebenso Bocksprünge machen können wie Achtjährige.


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