Fahndung nach dem „Waldmenschen“ So führte Bruno Fabeyer die Polizei an der Nase herum



Osnabrück. Vor 50 Jahren tötete der Schwerkriminelle Bruno Fabeyer auf der Flucht den Polizeiobermeister Heinrich Brüggemann aus Hunteburg und löste damit die bis dahin größte Fahndungsaktion der Bundesrepublik aus. Später wurde er zu lebenslanger Zuchthausstrafe verurteilt.

Die Verteidigung lag in den Händen des Osnabrücker Anwalts Werner Hörnschemeyer, der dadurch schlagartig bundesweit bekannt wurde. Der heute 89-Jährige bezeichnet den Fall Fabeyer als den wohl spektakulärsten in seiner langen Karriere als Strafverteidiger. „Fabeyer war kein Killer, der aus kaltblütiger Mordlust schoss“, sagt er, „der wollte einfach nur nicht gefasst werden und sah das als einen Akt der Selbstverteidigung an, ähnlich einem Raubtier, das gefährlich wird, wenn es sich in die Ecke gedrängt fühlt.“

Medienecho war enorm

Hörnschemeyers Schlussplädoyer vor dem Schwurgericht, mit zweieinhalb Stunden eines der längsten, an das er sich erinnern kann, zielte denn auch nur darauf ab, eine Verurteilung wegen Totschlags und nicht wegen Mordes zu erreichen. Das gelang. Für das Strafmaß war es allerdings unerheblich, denn das Gericht erkannte auf Totschlag in einem besonders schweren Fall, worauf ebenfalls lebenslänglich Zuchthaus stand. Hörnschemeyer verbucht das Urteil gleichwohl als einen Erfolg. Der legendäre Gerichtsreporter des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, Gerhard Mauz, habe ihm hinterher die Hand geschüttelt und zu seinem Plädoyer gratuliert.

Das bundesweite Medienecho war damals enorm. Der große Schwurgerichtssaal im Landgericht, der sonst Platz für bis zu 99 Zuschauer bietet, war überwiegend mit Vertretern von Tageszeitungen, Illustrierten, Rundfunkanstalten und Presseagenturen besetzt. Sie interessierte vor allem eines: Wie konnte es Fabeyer trotz größten Fahndungsdrucks über 559 Tage immer wieder schaffen, seinen Häschern zu entkommen?

Manch kritisches Detail über die Polizeiarbeit trat dabei zutage. Fabeyer erwies sich als besonders redselig, wenn er Fahndungspannen schildern konnte. So die Situation in Melle-Gesmold, wo er einen Streifschuss eines verfolgenden Polizisten kassierte, den aber danach einfach dadurch abhängte, dass er in einen Hauseingang trat. Der Polizist lief auf einen Meter Abstand an ihm vorbei und merkte nichts.

Durch den Straßengraben

Genüsslich schilderte Fabeyer vor Gericht auch ein Vorkommnis in Belm-Wellingen: Er hatte sich in einer Scheune unter einem Haufen Bohnenstangen versteckt. Zwei Kriminalbeamte in Zivil inspizierten die Scheune und blieben vor dem ungeordneten Haufen stehen. „Sollen wir jetzt darunter nachgucken?“, soll der eine gefragt haben. Darauf der andere: „Ach Unsinn, heute ist Sonntag, wir machen uns doch jetzt nicht die Klamotten dreckig.“

Oder eine Jagdszene in Süddeutschland: Sportlich, wie er war, hechtet Fabeyer ohne Rücksicht auf Verletzungen durch dichtes Dornengestrüpp. Die Polizei ist ihm mit Spürhunden auf den Fersen. Vor der Dornenhecke schlagen die Hunde deutlich an. Der Polizeiführer entscheidet jedoch: „Die Hunde spinnen, da kann doch keiner durchkommen.“ Wenn ein Fahndungsgebiet durch Straßensperren abgeriegelt war, sei er einige Male wie ein Indianer durch den Straßengraben an den Beamten vorbeigekrochen, ohne dass sie etwas bemerkt hätten. Generell war er durch die Lektüre des „Osnabrücker Tageblatts“ gut über die jeweils angesetzten Fahndungsmaßnahmen informiert und richtete seine Aufenthaltsorte entsprechend ein.

Mit Hubschraubern gesucht

Die Fahndungsstreitmacht hatte nie gekannte Ausmaße. Hundertschaften der kasernierten Bereitschaftspolizei aus Hannover und Braunschweig nahmen als vorübergehende Stützpunkte die Jugendherbergen Melle und Bad Essen ein. Sie durchkämmten die Fluren, in denen Fabeyer gesichtet oder vermutet wurde, zusammen mit örtlichen Einheiten der Schutzpolizei und der Kriminalpolizei, mit Hundestaffeln, Bereitschaftszügen der Freiwilligen Feuerwehren und ortskundigen Jägern.

Luftunterstützung gab es von Alouette-Hubschraubern der Heeresflieger aus Rheine-Bentlage, von Sikorsky-Hubschraubern aus Bückeburg und, man staune, auch von zivilen Hobbyfliegern des Aero-Clubs Osnabrück, die mit drei Maschinen vom Typ Cessna 172 und einer Piper PA - 12 im Tiefflug die Kanalbrücken bei Kalkriese observierten.

Einer von ihnen, der heute 88-jährige Fliegerkamerad Friedel Bockbreder, erinnert sich auch an einen Einsatz in Hilter-Ebbendorf. Zusammen mit dem Polizeiführer Kriminaloberrat Waldemar Burghard hatte er in Atterheide die clubeigene Piper bestiegen: „Das ist ein Hochdecker, damit konnte man einigermaßen langsam fliegen und hatte auch eine gute Sicht nach unten.“ Aufgabe war, eine erste Übersicht über ein Waldgebiet zu bekommen, in dem Fabeyer gesehen worden war. Über Funk führten sie dann einen Hubschrauber und die „Bodentruppen“ heran. Die Spur war heiß, aber Fabeyer war schon wieder über alle Berge.

Im Wald verkrochen

Weshalb wurde Fabeyer zu einem Gewohnheitsdieb? „Er war einfach zu faul zum Arbeiten“, ist sich Hörnschemeyer sicher, „um trotzdem einen gewissen Lebensstandard erreichen zu können, beging er am laufenden Band Diebstähle.“ Meistens hatte er es auf Lebensmittel abgesehen, manchmal auf Kleidung, um sein Äußeres verändern zu können. Oft fiel ihm auch Erspartes in die Hände, das die Bäuerinnen bevorzugt „im sicheren Versteck“ im Küchenschrank aufbewahrten.

Schriftsteller Dieter Wellershoff, der den Fall Fabeyer 1972 in seinem Roman „Einladung an alle“ verarbeitete, sah in Fabeyer den in seiner Entwicklung zurückgebliebenen, kontaktgestörten Menschen, der sich wie ein Kind im Wald verkroch, um der ihm feindlich gesonnenen Gesellschaft auszuweichen. Erst die Presse habe ihn mit dem Mythos des „Waldmenschen“ umkleidet, der „mit tiergleichen Instinkten“ gespürt habe, wenn sich eine Schlinge zuzuziehen drohte.

Auf Flaschen geschossen

Er war in seiner Jugend ein vorzüglicher Torwart. Die Kicker vom VfL Osnabrück lobten seinen sicheren Instinkt, seine blitzschnellen Reaktionen und seine katzenhafte Gewandtheit. Einige Jahre später mussten ihm ein paar tausend Polizeibeamte der Bundesrepublik notgedrungen die gleichen Eigenschaften attestieren, als sie den meistgesuchten Schwerverbrecher Deutschlands jagten.

Das Besondere an Bruno Fabeyer war, dass er sich in der Natur des Osnabrücker Umlandes bewegte wie ein Fisch im Wasser. Die guten Ortskenntnisse hatte er sich nach dem Krieg als Hamsterfahrer und Schwarzhändler erworben. Um Razzien zu entgehen, nutzte er Schleichwege durch Wälder und Moore. Was die Polizei zunächst nur von ihm fand, waren seine Waldlager. Manchmal recht komfortabel ausgestattete, geschickt angelegte Verstecke, in denen Süßigkeiten, Fischkonservendosen und Likörflaschen von Fabeyers bevorzugten Lebensmitteln erzählten, und in deren Nähe er mit der Waffe Zielübungen auf leere Flaschen veranstaltete.

Unterwegs mit dem Damenfahrrad

Die Nächte verbrachte er in verlassenen Schuppen und abgelegenen Scheunen, manchmal auch unter freiem Himmel. „Unter den Tannen war es immer ganz schön warm“, meinte er. Noch wärmer hatte er es in Schafställen, wo er sich ohne Berührungsängste zwischen die Tiere legte.

Bevorzugte Fortbewegungsmittel waren Damenfahrräder, von denen er im Entdeckungsfall blitzschnell absteigen konnte, um ins Dickicht abzutauchen. Zu Fuß kam er dann ebenfalls gut voran: Die 100 Meter legte er nach eigenen Angaben in 11,8 Sekunden zurück. In der zweiten Jahreshälfte 1966, als es ihm im Osnabrücker Land zu ungemütlich wurde und er seine Streifzüge ins Süddeutsche und Österreichische verlegte, fuhr er meistens mit der Bahn.


Steckbrief Bruno Fabeyer

Geboren am 4. Juni 1926 in Osnabrück. Elternhaus in der Kornstraße. Mit drei Jahren verliert er, wahrscheinlich durch einen Sturz in kochendes Wasser, die Sprache. Nach einem halben Jahr kommt die Sprache zurück, er bleibt jedoch ein Leben lang Stotterer. Als er zur Schule kommt, wird die Ehe der Eltern geschieden. Kurz darauf erhängt sich der mehrfach vorbestrafte Vater in einer Gefängniszelle. In Erziehungsheimen erleidet Bruno mehrfach körperliche Gewalt.

Mit 15 Jahren tritt er eine Schlachterlehre an, kurz darauf wird Bruder Fritz wegen Fahnenflucht enthauptet. Drei Jahre später, 1944, entfernt sich auch Brunovon der Wehrmacht und kommt ins KZ Buchenwald, aus dem er 1945 befreit wird.

Beruflicher Neuanfang. Auf der Arbeit wird er für einen Diebstahl verantwortlich gemacht, den er wahrscheinlich nicht begangen hat – man traut dem „Stotterer und KZ-Insassen“ halt alles zu. Danach, einige behaupten später: dadurch, gerät Bruno Fabeyerendgültig auf die schiefe Bahn und begeht Diebstähle und Einbrüche in Serie. Nach jedem Gefängnisaufenthalt wird er rückfällig. 1957 folgt die Verurteilung zu einer langjährigen Zuchthausstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung. Wegen guter Führung wird er Anfang August 1965 aus dem Zuchthaus Celle „bedingt entlassen“.

Noch ehe ein Bewährungshelfer Kontakt zu ihm aufnehmen kann, taucht Fabeyer unter und setzt seine kriminelle Karriere fort. An die 200 Einbrüche begeht er im Großraum Osnabrück. Mehrfach wird er entdeckt und verfolgt, kann aber stets entkommen.

Am 29. Dezember 1965 dringt Fabeyer auf Einbruchstour in Gretesch in das Haus des Postbeamten Alois Broxtermann ein und schießt diesen nieder, als er entdeckt wird. Am 24. Februar 1966 tötet Fabeyer auf der Flucht in Hunteburg-Meyerhöfen den 46-jährigen Polizeiobermeister Heinrich Brüggemann. Die bis dahin größte Fahndungsaktion der Bundesrepublik setzt ein. Auf den Tag genau ein Jahr nach den Todesschüssen auf Heinrich Brüggemann gelingt am 24. Februar 1967 die Festnahme Fabeyers in einem Kaufhaus in Kassel.

Das Landgericht Osnabrück verurteilt Fabeyer im November 1967 wegen eines versuchten Mordes und eines besonders schweren Falles von Totschlag zu lebenslangem Zuchthaus. Im März 1983 nutzt Fabeyer einen Freigang aus der JVA Celle zu einer erneuten Flucht. Nach wenigen Tagen ergreift die Polizei ihn auf dem Burggartenweg in Bramsche. Er sei auf dem Weg zum Grab seiner Mutter gewesen, sagt er später aus.

Da er bei dieser Flucht keine weiteren Straftaten begangen hat, wird er ohne Prozess wieder in Verwahrung genommen. Fabeyer stirbt 72-jährig am 8. Februar 1999 in einem Altenheim in Bad Orb (Spessart) an Herzversagen.

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