In Chile untergetaucht Osnabrücker Frauenarzt flieht vor neuem Totschlag-Prozess

Von Sebastian Stricker

Der Osnabrücker Gynäkologieprofessor, der sich wegen des gewaltsamen Todes seiner Frau erneut vor Gericht verantworten muss, hat sich offenbar abgesetzt. Unser Bild zeigt ihn – eskortiert von einem Polizeibeamten – als Angeklagten beim Prozessauftakt in Landshut am 6. November 2014. Foto: NOZ-Archiv/Renate SchmidtDer Osnabrücker Gynäkologieprofessor, der sich wegen des gewaltsamen Todes seiner Frau erneut vor Gericht verantworten muss, hat sich offenbar abgesetzt. Unser Bild zeigt ihn – eskortiert von einem Polizeibeamten – als Angeklagten beim Prozessauftakt in Landshut am 6. November 2014. Foto: NOZ-Archiv/Renate Schmidt

Osnabrück. Der Osnabrücker Gynäkologieprofessor, der 2013 in Erding seine Frau umgebracht haben soll, ist auf der Flucht. Das haben Recherchen unserer Redaktion ergeben. Offenbar aus Angst vor einem zweiten Totschlag-Prozess hat sich der Angeklagte nach Südamerika abgesetzt.

Der 56-Jährige war im Januar 2015 aus Mangel an Beweisen vom Landgericht Landshut freigesprochen worden. Staatsanwaltschaft Landshut und Nebenkläger legten daraufhin Revision an – mit Erfolg: Anfang Dezember hob der Bundesgerichtshof das Urteil auf, weil es die vorliegenden Indizien ungenügend gewürdigt sah. Der Prozess muss jetzt komplett neu aufgerollt werden. Ein Termin steht noch nicht fest. Die zuständige Strafkammer arbeite sich gerade in den Fall ein, heißt es bei Gericht.

Reise ohne Wiederkehr

Doch inzwischen scheint fraglich, ob die erneute Verhandlung überhaupt jemals stattfinden kann. Nach Informationen der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ hat sich der Frauenarzt, der nach Aufgabe seiner Erdinger Praxis zuletzt in Bad Iburg wohnte und von dort die Geschäfte des „Instituts für Sicherheit in der Geburtshilfe“ führte, bereits vor knapp drei Monaten aus dem Staub gemacht – angeblich auf Nimmerwiedersehen. Sein Ziel: Südamerika.

Konkret soll er mit dem Zug nach Amsterdam gefahren sein, von dort nach Madrid geflogen und am 30. November weiter nach Chile. Einen für 12. Dezember gebuchten Rückflug habe er nicht mehr angetreten, berichten Vertraute des Mannes. Der Osnabrücker soll einen Berg Schulden hinterlassen haben, aber auch im Besitz einer großen Menge Bargeld sein. Die Rede ist jeweils von einer sechsstelligen Summe.

Polizei auf den Fersen?

Und was unternimmt die Justiz? Für eine Fahndung fehlt anscheinend die rechtliche Basis. Denn der Haftbefehl gegen den Medizinprofessor, der bis zu seinem (nicht rechtskräftigen) Freispruch 14 Monate lang im Untersuchungsgefängnis saß, ist mit dem Urteil vom 19. Januar 2015 aufgehoben worden – und ein neuer Haftbefehl ist weder beantragt noch erlassen. Im Klartext: Der Angeklagte kann zurzeit tun und lassen, was er will. Folglich auch unbehelligt ins ferne Ausland gehen.

Möglicherweise sind ihm die Strafverfolgungsbehörden aber trotzdem auf den Fersen. Nach Recherchen unserer Redaktion war die Polizei kurze Zeit nach dem Verschwinden des 56-Jährigen, der früher einmal Chefarzt im Osnabrücker Marienhospital war, in seinem Haus in Bad Iburg. Außerdem soll sie sich Daten bei jener spanischen Fluggesellschaft beschafft haben, die der Angeklagte für seine Reise ohne Wiederkehr nutzte.

Behörden wissen von nichts

Allerdings: Eine amtliche Bestätigung dafür gibt es nicht. Ihnen seien keine polizeilichen Einsätze im Zusammenhang mit einem möglichen Untertauchen des Arztes bekannt, erklärten auf Nachfrage unserer Redaktion der Sprecher der Staatsanwaltschaft Osnabrück, Alexander Retemeyer, und der Sprecher der Polizeidirektion Osnabrück, Marco Ellermann. Der Sprecher des seinerzeit mit der Aufklärung des Totschlags befassten Polizeipräsidiums Oberbayern Nord, Hans-Peter Kammerer, sagte: „Der Fall ist für uns schon lange kein Thema mehr.“ Und Hildegard Bäumler-Hösl stellte für die Staatsanwaltschaft Landshut fest: „Wir sind im Stand des Strafverfahrens. Das Ermittlungsverfahren ist abgeschlossen, und wir ermitteln nicht neu. Unsere Beweisführung liegt auf dem Tisch.“

Man warte jetzt auf die Terminierung des Prozesses durch das Landgericht Landshut, so die Oberstaatsanwältin weiter. „Dann wird der Angeklagte ganz normal geladen.“ Fragt sich nur, an welche Adresse die Vorladung gehen soll. Gerichtssprecher Rainer Wiedemann räumte auf Nachfrage ein, dem Landgericht Landshut sei der gegenwärtige Aufenthaltsort des Osnabrückers „nicht bekannt“.


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