Kleingärtnerverein noch immer zeitgemäß 100 Jahre „Deutsche Scholle“ in Osnabrück

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Osnabrück. Vor 100 Jahren wurde an der Limberger Straße im Osnabrücker Stadtteil Wüste der Kleingärtnerverein gegründet, der heute unter dem Namen „Deutsche Scholle“ bekannt ist.

Viele Kleingartenanlagen verdanken ihre Existenz dem Hunger. Im Ersten Weltkrieg wurde Deutschland von Nahrungsmittelimporten abgeschnitten. Landarbeiter mussten an die Front, Kartoffeln und Getreide wurden knapp, es drohten Hungersnöte. Der Osnabrücker Magistrat beschloss also, geeignetes Gelände für die Selbstversorgung der Bürger herzurichten.

Dabei waren es Russen, die an der Limberger Straße die deutsche Scholle aufbrachen und für die ersten Saatkartoffeln und Bohnen-Setzlinge urbar machten. Der Magistrat hatte ab April 1915 russische Kriegsgefangene eingesetzt, um das Gelände „hinter Moskau“ zwischen Limberger Straße und Bahndamm 50 Zentimeter tief zu „rigolen“, wie man das Umgraben zur Tiefenlockerung des Bodens nannte.

Einheitliche Grundausstattung

Jeder der eine halbe Scheffelsaat (600 Quadratmeter) großen Gärten bekam als einheitliche Grundausstattung vier Obstbäume und als Einfriedung eine Weißdornhecke gepflanzt. Im null Komma nichts waren die ersten 46 Gärten verpachtet. Meist angebaute Gemüseart war die Mohrrübe. Gefolgt von Kohl in allen Varianten.

Nun könnte man auf die Idee kommen, dass die damals offiziell so bezeichneten „Russengärten“ etwas mit der Namensgebung des Moskau-Freibads zu tun haben. Dem ist aber nicht so. Die Bezeichnung „Moskau“ für diesen Teil der Wüste ist viel älter. Sie geht vermutlich auf russische Donkosaken zurück, die ehemals an der Seite Napoleons kämpften und 1813 hier hängen blieben. Sie zogen in die Häuser einer Papiermacher-Kolonie in der Wüste ein, die zufällig gerade leer stand, weil der Papier-Unternehmer Quirll die Papiermühle an der Stelle aufgegeben hatte. Nach der Siedlung ging der Name „Moskau“ auch auf eine Straße und ein Kaffeehaus über, das von 1832 bis 1913 existierte. Das Freibad „Moskau“ gibt es seit 1926.

Angespannte Versorgungslage

Nach dem Krieg blieb die Versorgungslage angespannt, die Nachfrage nach einer eigenen grünen Oase ungebrochen. Neben der nackten Versorgungsfunktion wollten immer mehr Städter, die sich ein eigenes Haus mit angeschlossenem Garten nicht leisten konnten, mit dem Kleingarten einen privaten Rückzugs- und Erholungsort in freier Luft und grüner Umgebung gewinnen. Die Stadt stellte weitere Parzellen zur Verfügung.

Als sich 1922 die Kleingärtner offiziell den Vereinsnamen „Moskau“ zulegten, zählte der Verein 284 Gärten auf einer Fläche von 11,6 Hektar. Das Wachstum ging stürmisch weiter: 1930 waren es bereits 764 Gärten. Im Dezember 1933 schlug auch für den Kleingärtnerverein (KGV) „Moskau“ die Stunde der Gleichschaltung, die den neuen und bis heute gültigen Namen „Deutsche Scholle“ mit sich brachte.

Generalpächter

Pächter war nicht mehr der einzelne Kleingärtner direkt gegenüber der Stadt. Der über feste Strukturen verfügende Verein trat stattdessen als Generalpächter auf. Er sammelte die Einzelpachtgelder ein und führte sie an die Grundstückseigentümer ab. „Das ist durch die Hinzugewinnung neuer Parzellen auch südlich der Bahnlinie am Burenkamp längst nicht mehr nur die Stadt“, erläutert der heutige Vorsitzende Emil Zuleia, „wir haben es heute mit sieben verschiedenen Grundeigentümern zu tun, mit denen wir abrechnen müssen“.

Die Parzellen heißen etwa Fleckendorfer Welle, Marienfelderkamp, Jostdiek, Hohekamp, Burenkamp, Johannisgärten, Klostergärten, Spiegelkamp, Sonnenwinkel, Sternsche Wiese, Arp König oder Heggemann. Sie wählen jeweils einen Parzellen-Obmann, der die Interessen der Parzelle im sechsköpfigen Gesamtvorstand zu Gehör bringt. Mit seinen 704 Gärten in 28 Parzellen ist „die Scholle“ heute größter Verein im niedersächsischen Landesverband.

Zu den festen Größen im Jahresablauf zählen etwa das Osterfeuer, der Maibaumwettbewerb, gemeinsame Feste mit dem Bürgerverein Wüste und mit Altenheimen, das Erntedankfest mit ökumenischem Gottesdienst und internationalen Spezialitäten.

Projekt „Querbeet“

Wenn Zuleia am Sonntag, 21. Februar 2016, Mitglieder und Gäste im Vereinshaus zur Hundertjahrfeier begrüßt, wird er von einem bemerkenswerten Projekt berichten. Es heißt „Querbeet“ und hat zum Ziel, die Integration von Migranten durch Beackern der eigenen Scholle und Mitmachen im Verein zu fördern. „Wir haben in unseren Reihen jetzt schon 17 Nationalitäten vertreten“, sagt Zuleia, „damit waren wir für das vom Kinderhilfswerk terre des hommes angestoßene Projekt der geborene Partner“. Die Gärten sollen vor allem Frauen und Kindern, die in Gemeinschaftsunterkünften leben, einen erholsamen Rückzugsort bieten und mit dem gemeinsamen Spaß am Gärtnern für gegenseitige Annäherung sorgen. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) fördert das Projekt, in das auch der Kleingartenverein Süd und die Hochschule Osnabrück eingebunden sind.


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