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Unternehmen mit Umsatzeinbußen Region Osnabrück: Firmen leiden unter Rubel-Rekordtief


Osnabrück. Unternehmen aus der Region Osnabrück spüren das Rubel-Rekordtief und versuchen die Verluste auf dem russischen Markt über ein stärkeres Engagement in anderen Ländern auszugleichen. Unter dem Druck des abstürzenden Ölpreises sackte der russische Rubel im Januar auf einen historischen Tiefstand.

Der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Osnabrück - Emsland - Grafschaft Bentheim, Marco Graf, konstatiert: „Unabhängig von der Branche melden Unternehmen im IHK-Bezirk Umsatzeinbußen im Russlandgeschäft. Zudem verschlechtert sich auch das Zahlungsverhalten.“

IHK: Öffnung des Iran bietet Chancen

Insofern biete beispielsweise die aktuelle Öffnung des Iran neue Chancen. Graf sieht erhebliche Probleme in Russland, weil das Land als einer der größten Rohstoffexporteure die niedrigen Öl -und Gaspreise verkraften müsse. Die Währungs-und Wachstumsprobleme wirkten sich auf die rund 210 russlandaktiven Unternehmen in der Region aus. „Die Unternehmen in unserem Wirtschaftsraum weichen deshalb perspektivisch auf andere Märkte aus“, betont Graf.

Das Russlandgeschäft des Osnabrücker Ladenbauers Berner Ladenbau ist um zwei Drittel zum Vorkrisenniveau eingebrochen, der Wallenhorster Anlagenbauer Purplan hat seine Aktivitäten in Russland auf Eis gelegt, der Hasberger Landmaschinenbauer Amazone klagt über eine Verteuerung der Maschinen und die Unternehmensgruppe des Osnabrücker Logistikkonzerns Hellmann spricht von einem „signifikanten Rückgang im Transportvolumen“ im Export nach Russland.

Niedersachsen-Repräsentanz in Moskau: „Die psychologische Grenze ist schon überschritten“

Die Leiterin der Repräsentanz des Landes Niedersachsen in Moskau, Anna Urumyan , sagte unserer Redaktion: „Russen, die mit den niedersächsischen Unternehmen vor Ort Geschäfte machen wollen, macht am meisten die Volatilität des Rubels zu schaffen. Man kann schwierig planen und Investitionsbudgets zusammenstellen.“ Die Russen hätten sich schon mehr oder weniger daran gewöhnt, dass der Wechselkurs bei 85 bis 87 Rubel pro Euro liegt. Am Mittwoch, 10. Februar, wurden für einen Euro sogar zeitweise 89,9 Rubel gezahlt. „Die psychologische Grenze ist schon überschritten“, kommentiert Urumyan. „Die Hoffnung aber stirbt zuletzt und irgendwo tief im Herzen hoffen alle Russen , dass der Erdölpreis steigt.“ Die gesunde Skepsis gewinne aber langsam. Wichtig sei, dass die hoch technologischen und innovativen deutschen Waren, für die es in Russland keinen vernünftigen Ersatz gebe, nicht auf der Sanktionsliste infolge der Ukraine-Krise stehen und auch zu höheren Preisen gekauft werden. Bei anderen Waren seien die Aussichten für deutsche Produkte auf dem russischen Markt schlechter.

Purplan: „Wichtig ist jetzt, international aufgestellt zu sein“

Der Purplan-Geschäftsführer Andreas Sandmann konstatiert: „Wichtig ist jetzt, international aufgestellt zu sein.“ So habe er einen geplatzten 5-Millionen-Deal mit Russland durch ein 7-Millionen-Projekt in den USA kompensieren können. Ein Hersteller von Farben und Lacken in North Carolina habe überraschend eine Kunstharz-Produktionsanlage in Auftrag gegeben. „Eigentlich ist der Bedarf in Russland riesig, aber der Rubel-Verfall macht unsere Produkte zu teuer. Daran scheiterten auch Projekte, die ursprünglich Ende 2015 vergeben werden sollten.“

Automobilzulieferer verlagert komplettes Werk nach Polen

Sandmann berichtet von einem Automobilzulieferer in St. Petersburg: „Dort ging eine Anlage von uns im März 2015 in Betrieb. Im Dezember 2015 wurde das Werk dann wieder geschlossen und komplett nach Polen verlagert, wo wir die Anlage zur Polyurethanversorgung für Autositze dann wieder aufbauen sollten.“ Bei dem Aufbau eines solchen Werks bewege man sich immerhin bei Investitionen im 100-Millionen-Euro-Bereich. „Wenn die Automobilzulieferer sich zurückziehen, dann ist das ein deutliches Anzeichen der Krise“, weiß Sandmann. Allerdings sagt er auch: „Diejenigen, die jetzt dranbleiben, werden nach der Krise deutlich besser gestellt sein.“ Er rechnet damit, dass die wirtschaftliche Lage sich ab 2018 wieder verbessert. Als nächsten strategischen Schritt plant er, nach der Wirtschaftskrise zwischen Moskau und der Osnabrücker Partnerstadt Twer einen kleinen Betrieb mit einem Vertriebsmitarbeiter und einem Projektleiter zu installieren.

„In China braucht man fünf Jahre Lernphase“

Bis das Geschäft in Russland wieder floriert, widmet Sandmann sich neben den amerikanischen auch den chinesischen Absatzmärkten. Vor sechs Jahren baute er in Schanghai einen kleinen Standort auf. „In China braucht man fünf Jahre Lernphase. In den ersten Jahren verdient man nichts und muss investieren. Jetzt konnten wir innerhalb von zwei Jahren wieder die Verluste auffangen.“ In China laufe alles über Netzwerke. Man müsse im Markt bekannt werden und chinesische Vertriebler einstellen. „Diese bringen dann wieder eigene Netzwerke, sogenannte Guang Xi mit. Das ist eine andere Wirtschaftskultur: Da läuft auch viel im Graubereich der Auftragsbeschaffung“, erklärt Sandmann. Auch im Iran-Geschäft sieht er gute Chancen. Nach dem Fall der Sanktionen wegen des iranischen Atomprogramms könne ein Geschäft, das bereits seit drei Jahren aus Eis liege, nun abgeschlossen werden.

Berner Ladenbau: „Unsere Produkte werden für viele russische Kunden zunehmend unerschwinglich“

Der Chef von Berner Ladenbau, René Riesner, klagt: „Die Rubelschwäche hat zur Folge, dass unsere Produkte für viele russische Kunden zunehmend unerschwinglich werden, obwohl sie gerne bei uns kaufen würden.“ Insgesamt sei das Geschäft um 70 Prozent im Vergleich zu Zeiten vor der Russlandkrise geschrumpft. Die Aktivitäten für Textil-/Bekleidungsgeschäfte oder auch in der Hotellerie, was Riesner neu aufbauen wollte, verfolgt das Osnabrücker Unternehmen nicht weiter, da Riesner von der Politik keinen Willen zur konstruktiven Lösung der Probleme erkennt und somit „eine Normalisierung der Situation auf absehbare Zeit wohl nicht erfolgt“. Das bisherige Geschäft von Berner Ladenbau in Russland laufe aber dennoch weiter. Den Umsatzeinbruch in Russland habe Riesner größtenteils durch neue Kunden in Deutschland und teilweise auch in England, Österreich oder Skandinavien kompensieren können.

Hellmann: „Die klassischen Exportfelder leiden“

Roland Schüller von Hellmann East Europe konstatiert: „Vor allem die klassischen Exportfelder wie Automotive und Maschinenbau und die Projektgeschäfte leiden.“ Neben dem Rubelkurs mache der russischen Wirtschaft ebenfalls die Finanzierung zu schaffen: „Die Frachten stehen aufgrund des reduzierten Transportbedarfs unter Druck.“ Der Verkehrsträger LKW habe sich in den vergangenen zwei Jahren massiv vergünstigt, zu Lasten der Bahntransporte.

Im Import spürt Schüller hingegen „Aufwind, wenngleich dieser bei Weitem nicht die Verluste im Export auffängt“. Der Rubelkurs sorge für günstige Preise, sodass internationale und lokale Produzenten vermehrt den europäischen Markt und Übersee belieferten. Schüller zeigt sich dennoch optimistisch: „Jede der vielen Russland-Krisen hatte bisher ein Ende gefunden und wir sind in den Ländern auch gut unterwegs, sodass wir für die Zukunft zuversichtlich sind.“ Hellmann habe 2015 daher die Präsenz in Kasachstan sogar noch verstärkt.

Amazone: Hohe Zulieferpreise für Komponenten aus dem Ausland

Der Sprecher des Hasberger Landmaschinenbauers Amazone, Dirk Brömstrup, sagt, dass die Rubelschwäche den Absatz in Russland wegen der nun teureren Maschinen erschwere. Das Unternehmen gehe aber dennoch davon aus, „dass wir aufgrund unserer Fertigungsmöglichkeiten in Russland und unserer starken, russischen Vertriebsorganisation einen stabil hohen Umsatz in Russland erreichen werden.“ Weil der Rubelkurs auch in der Vergangenheit immer wieder starken Schwankungen unterworfen war, seien die Auswirkungen und die Maßnahmen, die zu treffen sind, bekannt. Außerdem seien Maschinen aus dem Amazone-Fertigungswerk in Samara davon weniger betroffen. Der Vorteil der Fertigung direkt in Russland werde durch hohe Zulieferpreise für Komponenten aus dem Ausland aber teilweise wieder aufgehoben. Zu berücksichtigen sei jedoch, dass russische Landwirte dank der Getreideexporte auf Weltmarktpreisniveau einen Teil der Rubel-Abwertung kompensieren könnten. Grundsätzlich sei Russland aufgrund der Größe des Landes und der Bevölkerungszahl ein sehr interessanter Markt.


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