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Bau eines elektronischen Stellwerks Bahnverkehr rund um Osnabrück monatelang gestört


Osnabrück. Wegen des Neubaus eines elektronischen Stellwerks in Osnabrück kommt es in der zweiten Jahreshälfte 2016 zu starken Beeinträchtigungen im Nah- und Fernverkehr. Die Deutsche Bahn hat Streckensperrungen für den Zeitraum von Anfang August bis Anfang November angekündigt. Besonders betroffen sind Pendlerzüge von und nach Münster (Teuto-Bahn) und Bielefeld (Haller Willem).

Wie die DB am Montag bekannt gab, sollen die Arbeiten für das neue, elektronische Stellwerk (ESTW) in Osnabrück im Frühjahr beginnen. 17 Betriebsstellen, deren Relaissteuerung mittlerweile 50 Jahre alt ist, werden dann auf den heutigen Stand der Technik gebracht. Damit Signale und andere Anlagen künftig auch über zig Kilometer rund um den Hauptbahnhof digital gestellt werden können, nimmt die Bahn viel Geld in die Hand: Laut einer Broschüre der DB Projektbau (Stand Januar 2014) belaufen sich die Kosten für das ESTW Osnabrück auf 171 Millionen Euro.

Ausfälle und längere Fahrtzeiten

Von Anfang August bis Anfang November sollen nun zwischen Osnabrück und Lengerich die Leit- und Sicherungstechnik erneuert sowie Weichenarbeiten durchgeführt werden. Hierfür seien „verschiedene Sperrzustände“ erforderlich, heißt es. Zusätzlich werde der Abschnitt Osnabrück – Hasbergen von Mitte August bis Anfang November jeweils in der Nacht von Sonntag auf Montag komplett gesperrt.

Infolgedessen würden einzelne Fernverkehrszüge ohne Halt in Münster und Osnabrück über Herford/Bünde geführt, was die Fahrtzeit um 22 Minuten verlängere. Nahverkehrszüge fahren laut der DB-Mitteilung mit einem reduzierten Angebot zwischen Osnabrück und Lengerich (RB 66, Teuto-Bahn) bzw. Wellendorf (RB 75, Haller Willem) und längeren Reisezeiten von bis zu elf Minuten. (Lesen Sie auch: HKX und DB-Fernzüge machen seltener Halt in Osnabrück)

Busse als Ersatz

Auf Nachfrage unserer Redaktion bei den jeweiligen Streckenbetreibern teilte die Nordwestbahn dazu am Dienstag mit, dass auf der Haller-Willem-Linie voraussichtlich vom 8. bis 17. Oktober im genannten Abschnitt ein Schienenersatzverkehr eingerichtet werde. „Dann sind zwischen Osnabrück und Wellendorf nur Busse unterwegs“, sagte Sprecher Maik Seete. Die Reststrecke Richtung Bielefeld werde regulär nach Fahrplan bedient. Über Details werde die Nordwestbahn rechtzeitig informieren.

Wie sich die ESTW-Bauarbeiten auf die Regionalbahnlinie Osnabrück – Münster auswirken, ist hingegen offen. Westfalenbahn-Sprecher André Rahmer teilte am Mittwoch mit: „Fakt ist, wir werden von den Baumaßnahmen in dem genannten Zeitraum betroffen sein. Das Ausmaß ist aber noch nicht absehbar.“ Fahrplanänderungen würden früh genug bekannt gemacht. Die Fahrgäste der RB 66 sind leidgeprüft: Erst im vergangenen Jahr hatten Gleisbauarbeiten wiederholt zu wochenlangen Beeinträchtigungen geführt.

Einzelheiten zum ESTW

Für Bremen und Niedersachsen stehen nach Angaben der Deutschen Bahn bis 2019 zwei Milliarden Euro zur Investition in die Infrastruktur bereit. Geplant sei die Erneuerung von 73 Brücken, fast 1900 Kilometern Schienen und insgesamt 1070 Weichen. Einzelheiten zu den für 2016 vorgesehenen Baumaßnahmen in Niedersachsen, insbesondere zum elektronischen Stellwerk Osnabrück, waren am Dienstag von der DB nicht zu erfahren. Eine Sprecherin teilte auf Nachfrage unserer Redaktion mit, dass es dazu am 10. Februar in Hannover eine Pressekonferenz geben werde.


Stellwerke

Nach Angaben der Deutschen Bahn sind tagtäglich rund 40.000 Personen- und Güterzüge auf dem deutschen Schienennetz unterwegs. Wie aber werden sie gesteuert?

In den Anfängen der Eisenbahn wurden Signale und Weichen einzeln und händisch vor Ort gestellt. Ende des 19. Jahrhunderts gingen dann die ersten mechanischen Stellwerke in Betrieb. Signale (bis 1800 Meter Entfernung) und Weichen (bis 800 Meter Entfernung) werden bei dieser Bauart über Hebel und Drahtzüge gestellt. Stellwerksmitarbeiter müssen sich per Augenschein davon überzeugen, ob das Gleis, in das ein Zug fahren soll, auch wirklich frei ist. Größere Bahnhöfe erfordern deshalb stets mehrere dieser Stellwerke. Laut DB gibt es 839 mechanische Stellwerke in Deutschland (Stand Juli 2015), das entspricht 27 Prozent des Gesamtbestandes.

Elektromechanische Stellwerke, die seit Beginn des 20. Jahrhunderts im Einsatz sind (zurzeit 339 Stück in Deutschland), machen die schwere körperliche Arbeit ihrer Vorläufer entbehrlich. Sie wandeln mechanische Bedienhandlungen des Personals in elektrische Impulse um. So können Weichen und Signale automatisch gestellt werden. Auch die Kontrolle der Anlagen fällt leichter, denn ihre Betriebszustände werden im Stellwerk über verschiedenfarbige Lichtpunkte angezeigt. Allerdings muss sich der Fahrdienstleiter auch bei dieser Bauart augenscheinlich davon überzeugen, dass die Gleise für Zug- oder Rangierfahrten frei sind. Anlagen, die Gleise automatisch frei melden, sind hier nur in Ausnahmefällen vorhanden.

Das erste rein elektrische Stellwerk (Relaisstellwerk) wurde 1949 fertiggestellt. Gleispläne sind hier schematisch auf Stelltischen abgebildet, an denen alle Bedienhandlungen über Drucktasten vorgenommen und Betriebszustände angezeigt werden. Gleise werden weitgehend automatisch freigemeldet. Mit dieser Bauform sind Stellentfernungen bis fast sieben Kilometern möglich. Relaisstellwerke sind nach Bahn-Angaben in Deutschland am meisten verbreitet (1397 von insgesamt 3090 Stück, sprich: 45 Prozent).

Elektronische Stellwerke (ESTW) sind bei der DB seit 1988 im Einsatz. Sie stellen Signale und Weichen in weitem Umkreis mit Computertechnik per Mausklick. Fahrdienstleiter können dadurch größere regionale Bereiche steuern und überwachen. Der Infrastruktur-Zustandsbericht 2014 listet bundesweit 424 ESTW auf (13 Prozent), außerdem 91 Stellwerke sonstiger Bauform.

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