Deutsch-namibisches Theater „Oshi-Deutsch“ erzählt von einstigen „DDR-Kindern“


Osnabrück. Die deutsch-namibische Theater-Kooperation für das groß angelegte Rechercherprojekt „Oshi-Deutsch – Die DDR-Kinder von Namibia“ erzählt das geschichtliche Schicksal von rund 400 namibischen Kindern, die in der DDR zum Sozialismus erzogen wurden. Erste Reise-Eindrücke des Osnabrücker Theater-Teams von den Begegnungen mit den einstigen Kindern.

So richtig heiß war es, ab 35 Grad aufwärts und üppig grün überall: Im Januar ist zwar Sommer – aber eben auch Regenzeit in Nambia. Was die Einheimischen nicht daran hindert, bis zu zwei Stunden täglich überall die Straßen entlang zu Fuß zur Arbeit zu laufen, weil es an öffentlichem Nahverkehr mangelt.

Das war ein erster, starker Eindruck vom südwestlich in Afrika gelegenen Land, den die kleine Theater-Delegation bekam.Die Osnabrücker Schauspiel-Dramaturgin Marie Senf , die Emma-Techniker Reinhard Habeck und Dieter Hallmann sowie Raphaela Weeke vom Controlling des Theaters waren für zehn Tage nach Namibia gereist.

Rund zehn Stunden Flugzeit zur Hauptstadt Windhoek, noch mal neun Stunden Autofahrt ins nördliche Owamboland nach Oshakati, einem künftigen Aufführungsort, weil ein Flughafen gesperrt war: So weit hat die Bühne künstlerischer Austausch mit anderen Ländern nach Kooperationen mit den russischen Städten Twer oder Wolgograd , sowie dem bulgarischen Russe noch nicht geführt. Ziel der Anstrengung dieses Mal: das Rechercheprojekt „Oshi Deutsch – Die Kinder von Namibia“ von Gernot Grünewald und Sandy Rudd, eine Kooperation mit dem College of the Arts Windhoek.

Erziehung im Dienste des DDR-Sozialismus

Anlass des Projekts ist eine geschichtliche Episode, an die sich heute kaum Jemand erinnert und damals eben auch kaum an die große Glocke gehängt worden sein dürfte: Ab 1979 wurden rund 400 namibische Kinder in die damalige DDR in Sicherheit gebracht: auf Bitten der Swapo, einer marxistisch ausgerichteten Befreiungsbewegung gegen die Besatzungsmacht Südafrika und deren Apartheidspolitik. Die Kinder durchliefen im idyllisch gelegenen, aber abgeschotteten Jagdschloss Bellin beim mecklenburgischen Güstrow und später in der „Schule der Freundschaft“ in Staßfurt (Sachsen-Anhalt) eine Erziehung im Dienste des DDR-Sozialismus.

Elf Jahre lang kümmerten sich zwar überwiegend deutsche, aber auch namibische, selbst fern der Heimat sozialisierte Erzieher um die Kinder – bis zur Wende 1990, bis zur Unabhängigkeit auch des afrikanischen Landes, das einst mal deutsche Kolonie gewesen war. Die 400 jungen Leute, mittlerweile überwiegend in der Pubertät, wurden nach Namibia zurückgeschickt – und hingen buchstäblich zwischen allen Welten. Ihre Identitätskrisen entwickelten sich individuell unterschiedlich: Ein Teil fasste auch beruflich erfolgreich Fuß, andere „gingen verloren“, das heißt auch: Sie gerieten völlig aus dem Blick, so drückt es Marie Senf aus. Sie weiß, wovon sie spricht, denn für die geplante Theaterproduktion hat sie mit Regisseur Gernot Grünewald Interviews mit zwölf der ehemaligen „DDR-Kinder“ und auch ihren Erziehern geführt.

Die Rückkehrer wurden ausgelacht

Fanden sich die Jugendlichen nach DDR-Laborbedingungen und zurück in Namibia schon selbst kaum zurecht, so wurden sie auch noch von ihrem sozialen Umfeld ausgelacht, erzählt Marie Senf von ihren Gesprächen mit ihnen. Sie galten als verwöhnt, weil sie andere Lebensstandards als die namibischen gewohnt waren. Sie sprachen perfekt Deutsch, können heute noch die Pionierlieder der DDR singen und einige von ihnen besuchten weiße Privatschulen. „Dieser einzigartigen, nicht teilbaren und deshalb schwer vermittelbaren Erfahrung“ der heute Mitte- bis Enddreißiger, erläutert Marie Senf, will sich das deutsch-namibische Theaterprojekt annähern.

Ein erster Teil soll dokumentarisch sein. Das aus deutschen und namibischen Schauspielern, Tänzern und Musikern gemischte Ensemble will das in den Interviews dokumentierte Material nachspielen und sich nicht um jeden Preis in die „DDR-Kinder“ einfühlen. „Weil es eben Material ist und nicht ihr eigenes Leben“, sagt Marie Senf und nennt das bevorzugte Verfahren von Gernot Grünewald „Reenactment“ (Nachstellung).

Aufführungen auch in Namibia

Den zweiten Teil über die Rückkehr nach Namibia spielen nicht etwa die Betroffenen selbst, sondern auch die Darsteller. Gespielt wird auf Deutsch und Englisch, der Amtssprache in Namibia, um keinem der örtlichen Sprachen den Vorzug zu geben. Nach der Osnabrücker Premiere am 27. Mai im Rahmen des 10. Afrika-Festivals soll das Stück auch in Güstrow und Staßfurt sowie in einer Vorstellungsserie in Namibia gezeigt werden. Kooperationspartner sind das College of the Arts (COTA) Windhoek, das Afrika-Festival Osnabrück, das Goethe-Zentrum Windhoek und die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Windhoek.

Das Projekt wird vom Fonds „TURN“ der Bundeskulturstiftung gefördert (Fonds für künstlerische Kooperationen zwischen Deutschland und afrikanischen Ländern). Es soll seit 2012 möglichst viele Institutionen in Deutschland anregen, sich mit dem künstlerischen Schaffen und den kulturellen Debatten in afrikanischen Ländern zu befassen.


Viel Erfahrung mit Dokumentartheater: Gernot Grünewald, 1978 in Stuttgart geboren, gewann mit seiner auf Interviews mit Sterbenden basierende Diplominszenierung „Dreileben“ 2011 den Körber Preis Junge Regie und schloss damit sein Studium der Schauspielregie an der Theaterakademie Hamburg ab. Mit seiner Inszenierung „Kinder/Soldaten“ auf der Grundlage von Interviews (wie „Oshi-Deutsch“) am Theater Bremen wurde er 2015 zu den Lessingtagen des Thalia Theaters und zu Augenblick mal! nach Berlin eingeladen. Für seine Inszenierung von „Palmer – ein Political“ am Landestheater Tübingen, einer realen Kohlhass-Geschichte aus dem Schwabendland, wird er 2015 für den FAUST in der Kategorie Regie Schauspiel nominiert. In dieser Spielzeit hat Gernot Grünewald am Hamburger Thalia Theater mit minderjährigen Flüchtlingen aus Somalia, Afghanistan, Pakistan und dem Benin das autobiografische Projekt „anˌkɔmən. Unbegleitet in Hamburg“ erarbeitet, in dem die Flüchtlinge über ihre Erfahrung des Ankommens in Deutschland berichten.

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