Abschied der Museumsleiterin Lebensthema: Inge Jaehner und das Felix-Nussbaum-Haus


Osnabrück. Ein Leben mit und für Felix Nussbaum: Inge Jaehner, Direktorin des Osnabrücker Felix-Nussbaum-Hauses, beendet ihre Zeit an dem Museum. Ein Porträt.

Dieses Museum hat Charakter. Und ein Gesicht. Für den Charakter des Felix-Nussbaum-Hauses sorgt die schroffe Architektur von Daniel Libeskind. Das Gesicht des Museums hingegen ist Inge Jaehner. Seit 2000 hat sie das Haus mit großen Ausstellungen geformt, Person und Werk Felix Nussbaums international positioniert. Jetzt geht sie. Eine schwere Erkrankung erzwingt diesen Schritt. „Ich hätte gern noch weiter gemacht. Aber es geht halt nicht. Deshalb habe diese Entscheidung getroffen“, sagt sie. Am Donnerstag, 28. Januar 2016, wird die Museumsdirektorin im Friedenssaal des Osnabrücker Rathauses verabschiedet. Hier weiterlesen: Inge Jaehner gibt die Leitung des Felix-Nussbaum-Hauses ab.

Große Kunst von Hrdlicka bis Lehmbruck

Die Künstlernamen, die Inge Jaehner in ihrer Kuratorenlaufbahn präsentiert hat, erinnern an eine große, aus heutiger Sicht traurig weit zurückliegende Ära. Ob Alfred Hrdlicka, Hede Bühl, Jürgen Brodwolf oder Wilhelm Lehmbruck - vor allem im Gespann mit dem Sammler und Kunstenthusiasten Heribert Schulz gelangen Inge Jaehner in Museum und Kunsthalle Präsentationen von Format. Ihre Lebensaufgabe findet sie allerdings in und mit Felix Nussbaum. Der Osnabrücker, der 1944 in Auschwitz ermordet wird, gestaltet mit Bildern wie „Selbstbildnis mit Judenpass“ das Jahrhundertthema Exil und Vertreibung künstlerisch so überzeugend wie nur wenige andere Maler. Inge Jaehner macht Felix Nussbaum zu ihrem Lebensthema. Hier weiterlesen: Felix Nussbaum und sein „Selbstbildnis mit Judenpass“.

„Kein neutrales Kunstmuseum“

„Das Felix-Nussbaum-Haus ist kein neutrales Kunstmuseum“, sagt sie. In der Verneinung steckt das Programm. Kunst und Erinnerung, Schicksal und Holocaust: Person und Werk Felix Nussbaums, die Architektur Libeskinds mit ihren Scharten, Schrägen, Kanten und das Ausstellungsprogramm verbinden sich zu einer einzigen Praxis des tätigen Gedenkens. Inge Jaehner formt daraus mehr als ein Profil, sie lebt einen Stil des Umgangs mit Nussbaums Kunst vor, der seine Bilder vor allem als Unterpfand einer für die Gegenwart leitenden Erinnerung versteht. Das beweist sie bereits mit ihrer ersten Präsentation der Werke Nussbaums, als sie im Jahr 2000 die Leitung des 1998 eröffneten Museums von ihrem Vorgänger Thorsten Rodiek übernimmt. Jaehner fügt die diskontinuierlich, als immer wieder abbrechende Lebenslinie gehängte Werkfolge zu einem Äquivalent der Baugestalt, die Libeskind als Architektur der Widersprüche und Kontraste gestaltet hatte. Hier weiterlesen: Inge Jaehner über Felix Nussbaum in Auschwitz .

„Zeit im Blick“ und „Verborgene Spur“

In zwei großen Epochenausstellungen forscht sie weiter nach Nussbaums Stellenwert. Mit „Zeit im Blick“ verortet sie den Maler 2004 im Kontext der Moderne, mit „“Verborgene Spur“ legt sie die Verbindungslinien offen, die von Nussbaum zur Kunst der Gegenwart führen. Jaehner zeigt wieder Kunst der großen Namen von Ronald Kitaj bis Mark Rothko und Rosemarie Trockel. So richtig gedankt hat man ihr das nicht. Beide Großausstellungen werden im Hinblick auf ihr Budget in der Kulturpolitik kontrovers diskutiert. „Es war schwer, den Blick dafür zu öffnen, was der Stadt damit geboten wurde“, sagt Jaehner im Rückblick mit einem leisen Ton von Bitterkeit in der Stimme. Immerhin setzt sie mit beiden Formaten die Eckpunkte im bisherigen Programm des Nussbaum-Hauses. Hier weiterlesen: „Tanz an der Mauer“ - neues Bild für das Felix-Nussbaum-Haus .

Begegnung mit dem Zufallsbesucher

Seit 1984 legt sie für all das die tragfähige Basis. Sie konzipiert Wechselausstellungen zeitgenössischer Kunst für den Museums- und Kunstverein und für das Kulturgeschichtliche Museum. 1996 avanciert sie zur Kuratorin der Sammlung Felix Nussbaum, bis sie das Museum als Direktorin übernimmt. Im Herbst 2013 zwingt sie eine Erkrankung, ihre Lebensaufgabe ruhen zu lassen. „So eine Aufgabe kann niemals wirklich abgeschlossen sein“, sagt sie auch jetzt noch zu ihrer Arbeit für Felix Nussbaum und seine Kunst. Welche Kraft das alles geben kann, zeigte ihr vor Jahren die Begegnung mit einem Besucher im Felix-Nussbaum-Haus. Ihr sei der alte Mann aufgefallen, erinnert sich Inge Jaehner, und sie habe ihn angesprochen. „Er kam aus Washington, war bei einem Treffen von Holocaust-Überlebenden in Hannover“, erzählt sie rückblickend. „Am Ende führte er mich durch die Ausstellung und nicht ich ihn“, sagt Jaehner und berichtet, dass ihr dieser Besucher klar gemacht habe, wie lebensbejahend die Kunst Nussbaums sei. Hier weiterlesen: 25 Jahre Osnabrücker Felix-Nussbaum-Gesellschaft .


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