„Super-Gau für Integration“ Die Folgen der Kölner Silvesternacht für Osnabrück

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Osnabrück/Bad Laer. Viele Muslime in der Region Osnabrück sehen sich nach den Übergriffen in der Silvesternacht von Köln einem Generalverdacht ausgesetzt, weil die Tätergruppen als arabisch oder nordafrikanisch aussehend beschrieben wurden. Die Osnabrücker Integrationsbeauftragte sagt: „Köln war der Super-Gau für die Integrationsarbeit“.

Der 23-jährige Syrer Lalesch al Kahlaf aus Bad Laer berichtet, dass er sich auf Facebook für die Taten rechtfertigen muss. Der 18-jährige Ahmed Can ist in Osnabrück geboren, sieht aber seinem syrischen Vater ähnlich. „Wegen meines Aussehens werde ich im Bus schief angeguckt“, berichtet er.

Weiterlesen: Was geschah wirklich in der Silvesternacht von Köln?

In anderen Zeiten hätte man ihn als Schwiegermamas Liebling beschrieben: Lalesch al Khalaf lacht viel, redet leise, fragt vor einem Interview höflich und in perfektem Deutsch, ob er sein Handy vorher ausschalten und beiseite legen kann und engagiert sich sozial in der Flüchtlingshilfe Bad Laer.

„Auf Facebook wurde ich angesprochen, ob ich diese Tat in Köln okay finde“

Jetzt wird er gefragt, ob auch er Taten gut findet, bei denen Frauen begrapscht, beklaut und mindestens eine Frau mit einem Finger vergewaltigt wurde. „Auf Facebook wurde ich angesprochen, ob ich diese Tat in Köln okay finde. Das ärgert mich“, sagt er mit versteinerter Miene. So werde ihm unterstellt, dass er die sexuellen Übergriffe am Kölner Bahnhof gut finde, weil auch er Syrer ist.

Seit 16 Jahren gut integriert

Es regt ihn auf, dass er, der im Alter von sieben Jahren mit seiner Familie aus der syrischen Hauptstadt Damaskus nach Deutschland kam, er, der sich hier seit 16 Jahren gut integriert hat, für Flüchtlinge aus dem Arabischen dolmetscht und in Dissen als Auszubildender zum Lebensmitteltechniker arbeitet, nun mit Kriminellen von Köln in einen Topf geworfen wird und sich dazu gezwungen sieht, sich zu rechtfertigen. Dabei habe er mit solchen Taten genauso wenig zu tun wie die große Mehrheit der Syrer, Flüchtlinge und Muslime.

„Ihr müsst jetzt ein besonders gutes Vorbild sein“

Da er nun aber um die Vorbehalte und die aufgeheizte Stimmung gegen Flüchtlinge weiß, sagt er den Asylbewerben aus der Flüchtlingshilfe Bad Laer: „Ihr müsst jetzt ein besonders gutes Vorbild sein.“ Er motiviert sie, sich gut zu benehmen und dankbar zu sein. „So kann man vielleicht die negative Meinung umbiegen“, hofft er. So zeige man am wirkungsvollsten, dass die Täter von Köln nichts mit „dem Flüchtling“, „dem Syrer“ oder „dem Muslim“ zu tun haben, den viele nun zu kennen scheinen, weil die Täter arabisch oder nordafrikanisch aussahen.

„Ich habe mir gedacht: Wie undankbar sind die eigentlich?“

Al Khalaf, den viele vielleicht auch als arabisch aussehend beschreiben würden, war selbst erschrocken, dass bei den Tätern auch von Flüchtlingen aus Syrien gesprochen wurde. „Da habe ich mir gedacht: Wie undankbar sind die eigentlich?“ Wenn man bedenke, welche Hilfsbereitschaft sie in Deutschland bekämen, „dann ist das für mich unvorstellbar“.

„Auch unter den Deutschen gibt es Leute, die ausrasten und kriminell sind.

Für ihn ist es vielleicht sogar noch unvorstellbarer als für viele Deutsche, weil er selbst so glücklich in Deutschland ist und das Leben hier so wertschätzt. Deshalb ordnet er ein: „Auch unter den Deutschen gibt es Leute, die ausrasten und kriminell sind.“ Deshalb würden aber auch nicht alle Deutsche über einen Kamm geschoren.

Osnabrücker Integrationsbeauftragte: „Köln war der Super-Gau für die Integrationsarbeit“

Die Integrationsbeauftragte der Stadt Osnabrück, Seda Rass-Turgut, sagt: „Köln war der Super-Gau für die Integrationsarbeit“. Jetzt würden alle Kritiker in ihren Vorurteilen bestärkt. „All das, was in den letzten Monaten von AfD oder Pegida gesagt worden ist, dass muslimische Männer ihre Frauen nicht achten und nicht demokratische sein können, das wurde jetzt in dieser Nacht bestätigt.“ Das sei hart, weil sie und ihr Team wieder erklären müssten, dass ihre Erfahrungen und die Alltagsarbeit mit den Flüchtlingen positiv seien.

„Die Übergriffe waren eine absolute Ausnahmeerscheinung“

Es gebe junge Flüchtlingssozialarbeiterinnen, die teilweise als einzige Frau mit 100 Männern in den Unterkünften sei und denen in der Sprechstunde noch nie etwas passiert sei. Die männlichen Flüchtlinge in der Stadt Osnabrück seien alle sehr freundlich, höflich und wollen deutsch lernen. Die Übergriffe seien eine absolute Ausnahmeerscheinung gewesen.

Wie kann man Flüchtlingen deutsche Werte vermitteln?

Dennoch müsse man solche Vorfälle ernst nehmen und sich vielleicht noch mehr hinterfragen, wie man den Flüchtlingen die deutschen Werte vermitteln könne. Sie nimmt in ihrem Büro im Stadthaus einen Flüchtlings-Guide in die Hand, der in verschiedenen Sprachen auf ihrem Schreibtisch liegt. Das sei zum Beispiel ein Mittel. In der „Orientierungshilfe für das Leben in Deutschland“ steht, dass Männer und Frauen in Deutschland die gleichen Rechte genießen und dass es nicht erlaubt ist, männliche und weibliche Mitmenschen zu belästigen.

Exil: Flirtkurs für muslimische Männer

Andreas Neuhoff vom Verein Exil habe im Arbeitskreis Integration sogar den Vorschlag zu einem Flirtkurs für muslimische Männer gemacht, weil es hier auch wirklich Nein bedeute, wenn eine Frau einmal Nein gesagt habe, in arabischen Ländern sei das oft nicht so.

„Macho-Kultur und Dominanz des Mannes“

Rass-Turgut, die selbst Muslima ist, weiß, dass es in vielen Herkunftsländern der Flüchtlinge eine Emanzipation der Frau wie etwa in Westeuropa in den vergangenen 30 Jahren nicht gegeben habe. „Diese Errungenschaften, die wir in Deutschland erlebt haben, auch den Flüchtlingen nahezubringen, ist wichtig“, konstatiert sie. Denn in arabischen Ländern gebe es eine gewisse Form der Macho-Kultur und der Dominanz des Mannes im öffentlichen Raum.

„Diese Ereignisse können überall passieren: Im Kölner Karneval in Einzelfällen genauso wie auf Schützenfesten“

Sie ist aber fest davon überzeugt, dass sexuelle Übergriffe nichts mit der Kultur oder dem Islam zu tun haben: „Diese Ereignisse können überall passieren: Im Kölner Karneval in Einzelfällen genauso wie auf Schützenfesten.“

Osnabrückerin: „Wer einzelne arabische Männer kennt, der weiß, dass sie nicht alle so sind“

Ähnlicher Meinung ist die 47-jährige Osnabrückerin Barbara Denker, die Stammgast im arabischen Restaurant Arabesque im Zentrum von Osnabrück ist. Sie wartet an einem Januarabend auf das Essen, das der syrische Koch Mohamad Shihab zubereitet, und sagt: „Es ist idiotisch, für jeden einzelnen arabisch aussehenden Mann dieses Bild anzunehmen, was wir jetzt gewonnen haben. Wer einzelne arabische Männer kennt, der weiß, dass sie nicht alle so sind.“

Muslim Mohamed Shihab: „Diese Leute sollen wieder nach Hause, Deutschland braucht diese Menschen nicht“

Shihab, der vor 19 Jahren aus Damaskus nach Osnabrück geflüchtet ist, wird von Mitarbeitern hier nur bei seinem Spitznahmen „Hamudi“ gerufen. Den 42-Jährigen ärgern die Übergriffe in der Silvesternacht. Er will nicht, dass der Ruf der Syrer wegen der Kriminellen von Köln leidet und sagt: „Diese Leute sollen wieder nach Hause, Deutschland braucht diese Menschen nicht. Sie müssen sich hier benehmen. Wir sind Gast hier.“

So sieht es auch die 26-jährige Anne Klingenberg, die als Servicekraft im Arabesque arbeitet, und einen muslimischen Freund hat: „Die Täter von Köln haben hier nichts verloren, denn sie haben nichts mit den Muslimen zu tun, die sich hier seit Jahren gut integriert haben.“

Osnabrücker Ahmed Can wird im Bus schief angeguckt, weil er seinem syrischen Vater ähnelt

Nur einen Steinwurf entfernt im Café Orient raucht Ahmed Can eine Shisha mit seinen Freunden. Auch er verurteilt die Übergriffe scharf. Der 18-Jährige ist in Osnabrück geboren und ähnelt seinem syrischen Vater. Daher würden auch ihn manche als arabisch aussehend beschreiben. „Ich merke das jetzt im Bus. Da werde ich gerade von älteren Leuten schief angeguckt“, schildert er.

„Mit Religion hat das nichts zu tun, sondern mit organisierter Kriminalität“

Dabei sei das in Köln gar keine Sache der Kultur gewesen. „Das ist eine Sache der Menschlichkeit, dass man so etwas nicht macht. Man begrapscht keine Frauen.“ Er, seine Freunde sind die Serviceleiterin des Café Orient, die Muslima New Roz Ograk, sind überzeugt: „Zu 99 Prozent sind Muslime nicht so. Und mit Religion hat das sowieso nichts zu tun, sondern mit organisierter Kriminalität.“


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