Schwarze Schafe nutzen Angst aus Selbstverteidigung: Nachfrage in der Region teils gestiegen


Osnabrück. Nach den Vorfällen in Köln in der Silvesternacht sind zahlreiche Menschen verängstigt. Vielerorts steigt die Nachfrage nach Selbstverteidigungskursen. Der Osnabrücker Kampfsportlehrer Dirk Linnemeyer hat noch einen anderen Trend ausgemacht. Und der ist bedenklich.

In der Silvesternacht sind Frauen in Köln von hunderten Männern überfallen und sexuell belästigt worden. Die Vorfälle sorgten deutschlandweit für Aufsehen – und scheinen Angst ausgelöst zu haben. Vielerorts steigt die Nachfrage nach Selbstverteidigungskursen.

„In Großstädten läuft das groß an. Ich habe das zum Beispiel von Kollegen aus München und Bremen gehört“, sagt Roland Maggs von der Wing Tsun-Akademie in Osnabrück. Maggs selbst verzeichnet nach eigenen Angaben noch keinen erhöhten Zulauf. Im Gegensatz zu Dirk Linnemeyer, dem Betreiber von Shinden Dojo in Osnabrück. Während er sonst etwa ein oder zwei Anfragen in der Woche verzeichnet, seien es allein am vergangenen Freitag sieben auf einmal gewesen. Dazu kämen einige Neuanmeldungen. „Bei einigen ist das, was an Silvester in Köln passiert ist, der Grund. Sie sagen, sie fühlten sich bedrohter“, sagt Linnemeyer. Das gestiegene Interesse an Selbstverteidigung spiegelt sich auch an der Nachfrage nach seinem Buch zum Selbststudium wider: Laut Linnemeyer haben sich die Verkaufszahlen zuletzt verdreifacht. (Weiterlesen: Pfefferspray und Co. nach Vorfällen in Köln stark gefragt)

Regelmäßiges Training nötig

Wer lernen möchte, sich selbst zu verteidigen, sollte jedoch nicht nur einen kurzen Wochenendkurs besuchen. Das sei nicht zielführend, darin sind sich Maggs, Linnemeyer und auch Stefan Thias vom Aespro-Trainingscenter in Osnabrück einig.

„Ein Schnupperkurs ist ein guter Einstieg, wenn dieser das Ziel hat, zu einem regelmäßigen Training hinzuführen“, sagt Thias. Nur ein paar Stunden hereinzuschnuppern, „so funktioniert Selbstverteidigung nicht“. „Es ist wie mit dem Autofahren: Man nimmt Fahrstunden, macht die Prüfung, aber richtig lernt man es erst beim regelmäßigen Fahren“, erklärt Linnemeyer. Und: Eine absolute Sicherheit gebe es auch nicht, wenn man Selbstverteidigung macht. (Weiterlesen: Schwere Entzündungen mit Sehverlust durch Pfefferspray möglich)

Geschäft mit der Angst

Linnemeyer, der sich seit 1980 mit Kampfkünsten beschäftigt, hat einen gefährlichen Trend ausgemacht: „Viele Leute versuchen nach diesen Ereignissen auf den Zug aufzuspringen und mit der Angst der Menschen zu arbeiten“, sagt er. „Das will ich nicht.“ Auch Thias rät, sich genau anzusehen, bei wem man Selbstverteidigung lernt. Denn da „Kampfsportausbilder“ laut Thias kein geschützter Begriff ist, darf jeder eine Kampfsportschule eröffnen. In seiner Schule hat er bislang keine erhöhte Nachfrage festgestellt. „Ich glaube aber schon, dass sich mehr Menschen Gedanken darüber machen.“ Während die Nachfrage nach Kursen auch im Emsland nicht gestiegen ist, verzeichnen Delmenhorster Sportvereine vermehrt Anfragen.

Schreien üben

Sich mit dem Thema zu beschäftigen, dazu rät auch eine Sprecherin der Polizei Osnabrück. Es sei grundsätzlich gut, sich entsprechende Methoden oder Griffe zeigen zu lassen. Nur einen Selbstverteidigungskurs zu besuchen, reiche ihrer Meinung nach aber nicht aus. „Man muss sich bewusst sein, dass man angegriffen werden kann. Ein Selbstverteidigungskurs nutzt nichts, wenn man im Ernstfall in Schockstarre fällt.“ Doch nur wer entsprechende Handlungsmuster durch regelmäßiges Training verinnerlicht hat, kann sie auch im Notfall abrufen. Gerade Frauen hätten allerdings häufig eine Hemmschwelle, wenn es darum geht, laut zu schreien. Nur so könnten sie aber auf sich aufmerksam machen. „Das lässt sich gut vor dem Spiegel üben“, sagt die Polizeisprecherin. (Weiterlesen: Wie schütze ich mich vor Übergriffen?)


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