Kinderarzt fordert Konsequenzen Auch in Osnabrück machen Luftschadstoffe Kinder krank


Osnabrück. In Stuttgart müssen sich die Autofahrer auf Fahrverbote einstellen, in Peking trauen sich Fußgänger an manchen Tagen nur noch mit Atemschutzmasken auf die Straße – und in Osnabrück steigen die Stickstoffdioxidwerte, obwohl die Autos theoretisch immer sauberer werden. Der Kinderarzt und Pneumologe Dr. Thomas Lob-Corzilius macht Luftschadstoffe für schwere Krankheiten und vorzeitige Todesfälle verantwortlich. Er hielt einen Vortrag vor dem Arbeitskreis Stadtentwicklung der Lokalen Agenda 21

Fast alle größeren Städte Italiens bekämen die Feinstaubwerte nicht in den Griff, erklärte der Umweltmediziner. In keinem anderen Land der Europäischen Union müssten so viele Menschen vorzeitig an Atemwegserkrankungen sterben. Durch Luftschadstoffe sinke die Lebenserwartung in belasteten Zentren um ein bis zwei Jahre.

Nicht nur der Verkehr sei für den Feinstaub verantwortlich, erklärte Lob-Corzilius. Beim Blick auf die Werte in Osnabrück sorgten das Silvesterfeuerwerk und die Osterfeuer für Ausreißer nach oben, aber auch durch das Heizen mit Holz, durch Reifenabrieb, Mineralien und Insektenrückstände würden mikroskopisch kleine Bestandteile freigesetzt. Diese feinen und ultrafeinen Partikel gelangten in die Lunge, in die Blutbahnen und den Körper. Sie seien mitverantwortlich für Embolien und damit auch für Todesfälle. Rund 47000 Menschen in Deutschland stürben vorzeitig durch Feinstaub.

Kinder noch stärker gefährdet

Der Kinderarzt hob hervor, dass Kinder doppelt so schnell atmeten wie Erwachsene und entsprechend mehr Schadstoffe aufnähmen. Jeder zehnte bis zwanzigste Mensch unter 18 Jahren leide an Asthma. Durch die eingeatmeten Partikel erhöhe sich die Empfindlichkeit der Schleimhäute, zugleich reagiere der Körper noch empfindlicher auf andere Schadstoffe. Die Folge sei ein geringeres Lungenwachstum bei Kindern unter zehn Jahren.

Auch bei Erwachsenen komme es zu einer Verschlechterung der Lungenfunktion. Das zeige sich etwa bei der Einwirkung von Pollen. Die seien zwar zu groß, um in die Lunge zu geraten, meinte der Mediziner, aber die Partikel nähmen Allergene aus den Pollen mit in die tieferen Lungenbereiche.

Nur durch die konsequente Politik der Europäischen Union sei dem Feinstaub der Kampf angesagt worden, befand Lob-Corzilius. Aber es sei ein langer Weg, um die Gefährdungen herunterzufahren. Das zeige sich auch beim Stickstoffdioxid (NO2) in Osnabrück. Seit 1990 sei der Wert für den Asthma verursachenden und krebsverdächtigen Schadstoff gesunken, doch seit einigen Jahren steige er wieder an.

Kinderzimmer „nach hinten raus“

Beim NO2 sei der Autoverkehr für 70 bis 80 Prozent der Immissionen verantwortlich, vor allem der wachsende Anteil von Dieselmotoren mache sich bemerkbar, erklärte der Umweltmediziner. Es sei höchste Zeit, die tatsächlich ausgestoßenen Schadstoffe (Real Drive Emissions) zur Voraussetzung für die Zulassung von Autos zu machen statt praxisfremde Berechnungen der Hersteller.

Systematische Untersuchungen hätten gezeigt, dass Kinder, die in der Nähe von Hauptverkehrsstraßen wohnen, in besonderer Weise gefährdet seien für atopische Erkrankungen. Gemeint ist eine Überempfindlichkeit des Immunsystems gegen körperfremde Stoffe. Eltern sollten darauf achten, möglichst „nach hinten raus“ gelegene Räume als Kinderzimmer zu nutzen. Die Stadt sei aber gefordert, weiterhin auf eine Reduzierung der Luftschadstoffe zu drängen.

Weniger Auto fahren

Detlef Gerdts, der Leiter des Fachbereichs Umwelt und Klimaschutz der Stadt Osnabrück, stimmte Lob-Corzilius zwar zu, nannte aber auch die Hemmnisse für eine konsequente Luftreinhaltung. Es fehle an rechtlichen Möglichkeiten, um zum Beispiel Dieselfahrzeuge aus dem Stadtzentrum zu verbannen. Eine blaue Plakette sei zwar im Gespräch, aber sie werde das Problem nicht lösen, so lange selbst fabrikneue Autos die vorgeschriebenen Grenzwerte um das Siebenfache überschritten.

Die anschließende Diskussion drehte sich um die Frage, ob durch die Sperrung des Neumarkts mehr Schadstoffe die Luft anreichern oder weniger. Deutlich weniger, meinte Gerdts, das zeigten die Auswertungen der vergangenen Jahre. Aber einige Mitglieder des Arbeitskreises meinten, die Belastung werde sinken, wenn es wieder freie Fahrt gebe. Der Arbeitskreisvorsitzende Thomas Polewsky sprach sich für weniger Autoverkehr aus: „Wenn wir die Hälfte der Wege nicht mehr mit dem Auto zurücklegen, wäre viel gewonnen!“


1 Kommentar