Dialogbereitschaft und Toleranz Annette Schavan würdigt Windthorst in Osnabrück

Von Joachim Dierks


Osnabrück. Der „genialste Parlamentarier, den Deutschland je besaß“ (Golo Mann), ist vor 125 Jahren gestorben. In vielen Städten Deutschlands wird des Rechtsanwalts, Justizministers, Zentrumspolitikers und Gegenspielers Bismarcks im Reichstag, Ludwig Windthorst, aus diesem Anlass gedacht. So auch in Osnabrück, wo der gebürtige Ostercappelner das Carolinum besuchte und später als Rechtsanwalt arbeitete.

Nach einem Pontifikalamt im Dom mit Weihbischof Johannes Wübbe legte Fritz Brickwedde als Vorsitzender des Ludwig-Windthorst-Kreises Osnabrück einen Kranz am Windthorst-Denkmal in der Kleinen Domsfreiheit nieder. „Wegen der Temperatur verlegen wir die Reden lieber ins Warme“, schlug Brickwedde vor und bat die Windthorst-Gemeinde ins Forum am Dom. Dort begrüßte er als Festrednerin die frühere Bundesbildungsministerin und jetzige deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl Annette Schavan.

Mutig bunte Jacke

Vielleicht vom Modedesign in ihrer neuen Heimat inspiriert, trat Schavan in einer elegant geschnittenen, mutig bunten Jacke auf. Das erschien durchaus angemessen, denn Feieranlass war nicht nur das 125. Todesjahr Windthorsts, sondern auch sein Geburtstag. Genau an diesem Sonntag vor 204 Jahren wurde Ludwig Windthorst nämlich auf Gut Caldenhof bei Ostercappeln geboren.

Fromm und politisch

Heutzutage würden Frömmigkeit und politisches Bewusstsein meistens als Gegensätze aufgefasst, meinte Schavan. Anders bei Windthorst: Er war ein katholisch frommer und politischer Mensch zugleich. Die Festigkeit im Glauben habe ihm die Basis geliefert, keiner inhaltlichen Auseinandersetzung aus dem Wege zu gehen. Andere Meinungen gehörten nicht unterdrückt, sondern müssten sich im Dialog auf Augenhöhe begegnen. Windthorst sei ein hochaktuelles Vorbild für den notwendigen Dialog der Religionen. Er stritt nicht nur für die freie Religionsausübung der Katholiken im „Kulturkampf“, sondern setzte sich genauso für die Rechte von Protestanten und Juden ein, wo es nötig war. „Wenn er heute lebte, würde er vehement für eine gleichberechtigte Rolle des Islam in unserer Gesellschaft eintreten“, war sich Schavan sicher. Wobei für ihn immer klar gewesen sei: „Wer Gewalt anwendet, darf sich nicht auf seinen Gott berufen.“

Staat und Kirche getrennt

Das sei schon deshalb geboten, weil Staat und Kirche voneinander zu trennen seien. Windthorst war überzeugt, dass der Staat nicht darüber zu wachen habe, ob seine Untertanen den rechten Glauben hätten. Genauso wenig dürfe die Religion den Staat in Anspruch nehmen. Das Problem mancher Spielarten des Islam sei, so Schavan, dass sie ihre Offenbarungsschrift wortwörtlich auslegten und nicht als historisches Dokument deuteten. In Rom habe man diesen Schritt aber auch erst vor gut hundert Jahren vollzogen: „Jede Religion braucht ihre Zeit. Wenn wir uns das bewusst machen, verstehen wir die anderen vielleicht besser“, meinte Schavan. Von Windthorst könne man lernen, dass ein anderer Glaube nicht Gegnerschaft bedeute.

Himmlische für Schavan

Als Dank für ihr Kommen überreichte Brickwedde ihr ein typisches Osnabrücker Produkt, das sie auch gern mit Papst Franziskus teilen möge: Pralinen der Sorte „Die Himmlischen“, denn die dürften sie dem Himmel näher bringen oder zumindest schon einmal einen Vorgeschmack davon bieten. Mit einem Augenzwinkern machte er der studierten Theologin gleich noch ein Kompliment: Sie habe nicht nur das Zeug zur deutschen Botschafterin beim Vatikan, sondern anders herum könne sie sicherlich ebenso gut als „Apostolische Nuntia“ den Papst in Berlin vertreten. Er wolle die anwesende Geistlichkeit aber nicht kompromittieren und deshalb diesen Gedanken nicht weiterverfolgen, sagte Brickwedde unter allgemeiner Heiterkeit.