Zeitreise Haster Mühle: Nach dem Getreide kam der Wein


Osnabrück. „Haster Mühle! Endstation! Alles aussteigen!“ So hieß es in den Wagen der „roten“ Straßenbahnlinie, der späteren Linie 2, in den Jahren zwischen 1928 und 1948. 1948 wurden die Gleise nämlich noch einmal um gut 600 Meter bis in „das Herz von Haste“, in die Bramstraße hinein, verlängert.

Das war dem zunehmenden Autoverkehr auf der Bramscher Straße geschuldet, der durch das langwierige Rangieren im Bereich der Endstation „Haster Mühle“ jedes Mal behindert wurde. Vor der Rückfahrt in die Gegenrichtung musste nämlich „umgesetzt“, also der Triebwagen vor das andere Ende des Beiwagens gekuppelt werden. Auf der verkehrsärmeren Bramstraße lief das vergleichsweise problemlos ab. Am 29. Mai 1960 endete der Straßenbahnverkehr. Haste war danach nur noch über eine Buslinie mit der Innenstadt verbunden.

Die Hauptgebäude der Mühle sind fast unverändert erhalten

Das historische Foto zeigt einen Straßenbahnzug vor der Haster Mühle. Links neben der Straßenbahn erkennen wir einen mit Mehlsäcken beladenen Anhänger, der unter den Aufzugluken des Mühlengebäudes parkt. Die beiden im Winkel zueinander stehenden Hauptgebäude der Mühle sind fast unverändert erhalten. Die davor verlaufende Bramscher Straße hat jedoch einen tief greifenden Wandel erlebt. In den 1960er-Jahren mussten sich die Verkehrsplaner Gedanken machen, wie der Zubringerverkehr zur Autobahn „Hansalinie“ Richtung Bremen zu verkraften sei. Klar war, dass die engen Baufluchten der Bramscher Straße, jenes uralten Handelswegs, auf dem als Reichsstraße und später Bundesstraße 68 der Hauptverkehr nach Norden aus Osnabrück abgeführt wurde, dies nicht mehr leisten konnten. So projektierten sie parallel einen vierspurigen Ausbau und eine Verlängerung der Hansastraße bis zur Haster Mühle. Das Straßenniveau im Bereich der Kreuzung wurde um einen halben Meter angehoben, die Nettebrücke erneuert und die Bramscher Straße vor der Mühle auf insgesamt sieben Spuren aufgeweitet. In dem Zuge wurden die landwirtschaftlichen Nebengebäude der Mühle (im Foto links zu erkennen) abgerissen.

Die Hauptgebäude der Mühle stammen aus dem Jahr 1909. Sie gründen auf viel älteren Vorgängerbauten. Bereits 1230 ist der Mühlenstandort am Nette-Übergang des alten Heerweges nach Bramsche belegt. Die Mühle gehörte dem Zisterzienserinnenkloster Harste (Haste), später Rulle. Durch die Säkularisierung fiel die Mühle 1803 an die Klosterkammer. Es folgten wechselnde Verpachtungen. Nach 1828 stellten die Gebrüder von Gülich hier Tuche und Stoffe für das Militär her. Ihre Tuchmanufaktur galt als die größte im Königreich Hannover. Weil die Wasserkraft der Nette nicht ausreichte, wurde zusätzlich eine Dampfmaschine von 14 PS installiert.

Getreidemühle mit drei Schrotgängen

1868 mietete die Stadt einen Flügel und ließ ihn auf Rechnung der Armenverwaltung für Notwohnungen umbauen. Ab 1907 pachtete der aus Alfeld/Leine stammende Müller August Kirk die Haster Mühle und betrieb sie wieder als Getreidemühle mit drei Schrotgängen, drei Walzenstühlen und einer Haferquetsche. Der Antrieb wurde von den zwei bisherigen unterschlächtigen Wasserrädern auf eine Wasserturbine umgestellt. Weil das Mühlrad nun nicht mehr klapperte, sondern höchstens noch murmelte, nannte Kirk sein Anwesen liebevoll „Schloss Murmeljan“, wie der Autor Wido Spratte in der Haster Chronik schrieb. Eine Gewerbestraße in unmittelbarer Nachbarschaft der „Kirkschen Mühle“ heißt seit 1958 Kirksweg. August Kirks Nachkommen führten den Mahlbetrieb noch bis 1971 weiter.

Mühlentechnik und Mahlgänge blieben danach erhalten und dienen seit 1981 als urige Staffage der Osnabrücker Niederlassung von „Jacques’ Weindepot“. Die Weinverkostung setzt eine Tradition aus dem 18. Jahrhundert fort. Bereits zu Mösers Zeiten gab es hier eine von Gelehrten und Honoratioren gern besuchte Weinstube. Spratte berichtet, die Weinfreunde hätten die Zahlung der Einfuhrsteuer (Akzise) an die Stadt umgangen, indem sie sämtliche Vorräte als für das Kloster bestimmten Messwein deklarierten. Die heutige Pächterin Elke König versichert hingegen, dass sie sämtliche Abgaben ordnungsgemäß entrichtet.


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