Strafverteidiger Thomas Klein Osnabrücker Anwalt: Vor einem Urteil ist niemand ein Mörder


Osnabrück. Der Anwalt Thomas Klein hat sich auf Strafrecht spezialisiert. Er verteidigte unter anderen einen Arzt, der heimlich seine Patientinnen filmte. Was ihn noch schockt und warum er keine Rechtsradikalen verteidigt, erzählt er im Interview.

Herr Klein, gibt es Straftaten, die Sie noch schocken können?

Selbstverständlich! Wenn ich mir eine Akte ansehe, sind die Folgen der Tat sehr deutlich zu sehen, zum Beispiel, wenn da eine Leiche am Boden liegt. Oder wenn die Obduktion durchgeführt wird. Klar schockt mich das. Vor ein paar Wochen hat ein Mandant mir am Telefon gesagt: ,Ich habe gerade auf jemanden geschossen, und wir gehen jetzt zur Polizei.‘

Sie meinen den Fall, wo in einem Supermarkt an der Iburgerstraße in Osnabrück ein 45-jähriger Mann erschossen worden ist.

Ja, genau. Natürlich lässt mich das überhaupt nicht cool , kein bisschen.

Wie haben sie auf den Anruf reagiert?

Erst habe ich geschluckt. Dann habe ich gesagt: Okay, dann kommen Sie mal vorbei und dann gehen wir zur Polizei. Zu dem Zeitpunkt war noch nicht klar, ob die Person getötet worden war oder nicht . Natürlich ist das eine schwere Straftat. Das ist ja auch ein Verfahren, bei dem Angehörige, zum Beispiel Kinder betroffen sind.

Das Opfer hinterlässt Kinder.

Fünf Kinder. Aber ich denke auch an die Kinder meines Mandanten. Das sind Dinge, die mich natürlich berühren.

Strafverteidiger müssen sich bisweilen dafür rechtfertigen, warum Sie bestimmte Mandate überhaupt annehmen. Finden Sie das nachvollziehbar?

Das kann ich zwar nachvollziehen, ist aber nun mal aus guten Gründen unsere Rechtsordnung. Jeder hat das Recht, engagiert und fachkundig verteidigt zu werden, selbst wenn ihm das schlimmste Verbrechen vorgeworfen wird. Der Verteidiger ist häufig die einzige Person, die noch zu ihm steht. Man darf nicht den Fehler machen, den Verteidiger mit der Tat seines Mandanten in einen Topf zu werfen.

Stehen Sie bisweilen selbst unter Rechtfertigungsdruck?

Ja, das kommt vor. Als es um den Arzt aus Osnabrück ging, der seine Patientinnen heimlich gefilmt hatte, war das so. Da bin ich angesprochen worden, wie kannst du so jemanden verteidigen? Aber das ist mein Beruf. Ein Arzt behandelt auch Patienten, die Schlimmes begangen haben und dabei verletzt wurden. Der kann auch nicht sagen: Den lasse ich mal liegen.

Braucht ein Strafverteidiger ein dickes Fell?

Ganz bestimmt. Man braucht einerseits ein dickes Fell, aber auch Sensibilität und Empathie, um den Mandanten zu verstehen, um zum Beispiel abschätzen zu können, wie das Gericht auf ihn reagieren wird. Man muss sein Handwerkszeug beherrschen, also die Gesetze kennen. Man muss flexibel sein, wenn ein Verfahren anders läuft als erwartet und auf Neues reagieren können.

Wie ist es, wenn man einen Mörder verteidigt?

Zunächst: Vor einem Urteil ist niemand ein Mörder. Es ist ein Mensch, der unter Mordanklage steht. Wenn ich solch ein Verfahren übernehme, dann lerne ich einen Menschen kennen, den man sicherlich nicht auf Begriffe wie Mörder oder Totschläger reduzieren kann. Ich sehe den Menschen dahinter. Ich sehe, wie es dazu gekommen ist. Ich sehe, wie es zu einer Tragödie kommen konnte, wie und was sich da alles entwickelt hat.

Können Sie sich in einen solchen Menschen hinein fühlen?

Ich versuche mich nicht in die Person als solche hinein zu fühlen. Ich glaube, das würde meine Fähigkeiten übersteigen. Aber ich versuche zu verstehen, wie es zu der Tat kommen konnte und das auch psychologisch zu ergründen. Aber ich bin bislang nicht in einer Situation gewesen, in der ich die Tat praktisch mit den Augen meines Mandanten gesehen hätte.

Sie haben Piraten verteidigt, Rocker und gewalttätige Jugendliche. Gibt es Mandanten die Sie ablehnen?

Ich würde keine Rechtsradikalen verteidigen. Die haben natürlich auch ein Recht auf einen Verteidiger, aber keinen Anspruch auf Verteidigung durch mich.

Warum nicht?

Weil das meinen Überzeugungen zutiefst zuwider laufen würde. Ich müsste mich für diesen Mandanten einsetzen. Das kann ich nicht, und deshalb wäre ich ihm kein guter Verteidiger.

Spiegel Online hat Sie mal damit zitiert, dass Rocker ganz nette Leute seien. Da haben Sie Mitglieder der Rockergang Bandidos verteidigt.

Na ja, solche Zitate sind natürlich immer verkürzend. Natürlich kann ich nicht pauschal sagen, Rocker sind ganz nette Leute. Ich kann auch nicht sagen, Journalisten oder Anwälte sind alles nette Leute. Das ist natürlich verkehrt. Aber es hatte sich ja um die konkreten Mandanten gehandelt, und die habe ich als ganz nette Leute kennengelernt. Gar keine Frage. Das war so.

Läuft man als Anwalt Gefahr, sich mit Mandanten gemein zu machen?

Die Gefahr besteht sicherlich. Das muss man selbst auch immer wieder hinterfragen und sich mit Kollegen austauschen, ob man die professionelle Distanz einhält. Es gibt leider immer wieder Kollegen, die diese Distanz nicht einhalten und dann in große Schwierigkeiten geraten.

Inwiefern?

Ein alltägliches Beispiel: Die Post von Mandanten wird kontrolliert, wenn sie in Untersuchungshaft sind. Die Post, die nicht kontrolliert wird, ist die Verteidigerpost. Also liegt es nahe, dass der Mandant seinen Verteidiger bittet: ,Hier, ich gebe ihnen einen Brief mit, den geben sie mal meiner Frau‘, weil der Brief dann schneller ankommt. Das ist natürlich verständlich, aber wenn der Anwalt dem nachkommt, missbraucht er sein Verteidigerprivileg und macht sich gegebenenfalls sogar strafbar. An diesem Punkt kommen immer wieder Kollegen in Schwierigkeiten. Es gibt auch Fälle, in denen Anwälte von Mandanten aufgefordert werden, Absprachen mit Zeugen zu treffen. Es gab Fälle, wo Verteidiger Handys ins Gefängnis geschmuggelt haben oder sogar Waffen und Drogen.

Sie haben ja sehr viel mit schweren Gewalttaten zu tun, mit extremer Brutalität. Hat sich Ihr Blick auf die Gesellschaft verändert?

Natürlich prägt mein Beruf meine Einstellung zur Gesellschaft, ganz klar. Bei allen Erfahrungen mit schlimmen Gewalttaten, kann ich bisher sagen, dass kein Mensch nur schlechte Seiten hat – ebenso gibt es vermutlich keinen Menschen, der ausschließlich „gut“ ist. Ein anderes Beispiel aus der Drogenkriminalität: Wenn ich immer wieder sehe, welche Karriereknicks es in den Lebensläufen junger Menschen gibt, die verurteilt wurden, weil sie etwas mit Marihuana zu tun hatten. Daraus habe ich schon lange die Auffassung abgeleitet, dass man diese Kriminalisierung beenden sollte.

Sie haben in dem Prozess, in dem sie einen somalischen Piraten verteidigt haben, eine Morddrohung erhalten.

Ja, ich habe eine scharfe Patrone eines Kalaschnikow-Gewehrs zugeschickt bekommen, verbunden mit der Forderung, ich solle das Mandat niederlegen. Die Kollegin, die diese Post geöffnet hat, bekam einen Riesenschreck. Wir haben die Polizei informiert, die das dann sehr ernst genommen hat. Rausgekommen ist nichts. Das war zwar ein blödes Gefühl, nachhaltig beeindruckt hat es mich aber nicht.


Thomas Klein wurde 1955 in Bremen geboren. 1981 wurde er als Rechtsanwalt in Osnabrück zugelassen. Während seines Studiums in den 70-er Jahren beeindruckten ihn Anwälte wie die späteren Politiker Christian Ströbele und Otto Schily, die damals unter anderem RAF-Mitglieder verteidigten. Er ist Fachanwalt für Strafrecht und gründete 1994 zusammen mit seinem Kollegen Jens Meggers die „Kanzlei für Strafrecht“. Für die Grünen sitzt er im Stadtrat Osnabrück. 2013 trat er für seine Partei als Kandidat für das Amt des Oberbürgermeisters an.

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