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Handgiftentag 2016 im Rathaus OB Griesert: „Flüchtlinge werden uns verändern“


Osnabrück. Zu den Ritualen am Jahresbeginn gehören der Handgiftentag und zwingend das Foto von den Honoratioren der Stadt, die sich im Friedenssaal die Hand reichen. Oberbürgermeister Wolfgang Griesert regte am Montag an, darüber hinaus zur Selbstkontrolle auch hin und wieder ein Selfie zu machen.

„Wir selbst müssen die Kraft haben, immer wieder mal ein Selfie von uns zu machen, um zu sehen, wie wir gesehen werden und wie wir gesehen werden wollen“, sagte das Stadtoberhaupt am Ende seiner Rede zum Handgiftentag, ehe sich die Fotografenschar zum obligatorischen Handschlagfoto aufbaute. Das Selfie, das Selbstporträt mit der eigenen Kamera, als Metapher für die eigene Wahrnehmung in einer sich rasch verändernden Welt: Griesert schwor auch damit die Zuhörer im Friedenssaal auf die große Aufgabe ein, die Flüchtlinge zu integrieren. „Und glauben wir nicht, dass wir dieses Integrationsprojekt gleichsam als Außenstehende nur beobachten. Wir müssen viel von den Menschen erwarten, die zu uns gekommen sind und bei, mit und unter uns leben wollen. Aber diese Menschen werden irgendwie auch uns verändern, wir wissen nur noch nicht wie.“

Zuvor war Griesert an den großen kommunalpolitischen Themen wie den Neumarkt, die Kommunalwahlen oder die Finanzen „wie an der Auslage eines Schaufensters“ nur eilig vorübergegangen, um sich der Flüchtlingsintegration als dem zentralen Thema des Jahres 2016 zu widmen. Er dankte den zahlreichen ehrenamtlichen Helfern und den Mitarbeitern der Verwaltung, die den Ankommenden bei den ersten Schritten in Deutschland geholfen haben, als die notwendigen Strukturen in den Verwaltungen und bei den Hilfsorganisationen noch nicht vollständig aufgebaut waren. Griesert: „Sie haben der internationalen Öffentlichkeit ein Land selbstbewusster Humanität vorgestellt. Vielleicht darf ich es so sagen: Ein Land, in dem die Herzenshöflichkeit Geschichte geschrieben hat.“

Im Moment falle der Austausch mit den Flüchtlingen noch schwer, weil wir zu wenig voneinander wissen und noch keine gemeinsame Sprache haben. Um sich in die Lage der Flüchtlinge versetzen zu können, helfe ein Blick auf die eigene Geschichte, sagte Griesert – und aus dem Off zitierte Stadtsprecher Sven Jürgensen Zeugen, die Flucht und Vertreibung aus Nazi-Deutschland erlitten haben: Erich Maria Remarque, Felix Nussbaum, Hannah Arendt. Die Botschaft: Damals wurden Menschen in Deutschland versklavt, gefoltert, ermordet – und heute suchen Vertriebene eben dieses Land auf, weil sie hier Frieden und Sicherheit, Freiheit und Toleranz, Achtung und Perspektive finden. Griesert ignorierte die Probleme nicht, zeigte sich aber gewiss, dass der Streit darüber in „freiheitlicher Toleranz“ geführt werde.

Mehr Einwohner

In diesem Sinne ließen sich auch die im Vergleich dazu eher kleinen Probleme des politischen Alltags lösen, sagte Griesert, und blickte dann doch noch mal in eines der „Schaufenster“, an denen er eingangs eilig vorbeigegangen war: die Finanzen der Stadt. Nach dem vorläufigen Rechnungsergebnis schließt das Jahr 2015 mit einem Defizit von mehr als 30 Millionen Euro ab – nach Grieserts Worten das zweitschlechteste Ergebnis seit 20 Jahren. Die Gewerbesteuereinnahmen, die auf 106 Millionen Euro kalkuliert waren, erreichten nur einen Stand von 81 Millionen Euro.

Doch einen Lichtblick gebe es: Die Zahl der Einwohner ist nach dem Melderegister der Stadt im vergangenen Jahr um 6000 Menschen gestiegen. Nach diesen Daten leben in Osnabrück (Stand 31.12.2015) 165626 Menschen – so viele wie nie zuvor.


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