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24.12.2015, 15:26 Uhr KOLUMNE

In der Osnabrücker Frühgaststätte - Eine ausgedachte Geschichte


Die Frühgaststätte am Osnabrücker Hauptbahnhof ist eine Institution: für Frühaufsteher, Nachtschwärmer und für Menschen, die nicht nach Hause wollen. Foto: imago/Westend61Die Frühgaststätte am Osnabrücker Hauptbahnhof ist eine Institution: für Frühaufsteher, Nachtschwärmer und für Menschen, die nicht nach Hause wollen. Foto: imago/Westend61

Die Frühgaststätte am Osnabrücker Hauptbahnhof ist eine Institution: für Frühaufsteher, für Nachtschwärmer und für Menschen, die nicht nach Hause wollen. Eine ausgedachte Geschichte. Von Laura Elisa Nunziante

Es ist bereits nach sechs, als ich in Gerdas Frühgaststätte einkehre. Ich sehe deinen vorwurfslosen Blick auf dem Papier, während du diese Zeilen liest; als ob du nicht auch schon bei Gerda gelandet wärst, nachdem die Clubs und Feiernden dicht waren und die Stadt ihre Lautstärke an die einfahrenden Züge am Hauptbahnhof angepasst hatte.

Ein letztes Bier

So ein letztes Bier, das hast du dir damals gesagt, das hat schon jedem von uns geschadet und auf maximalen Schaden sind wir nach der Montag-bis-Freitag-Tristesse nun wirklich alle aus.

Der Club der Frühaufsteher hat sich bei Gerda versammelt. Da steht der grinsende Schwarze im hellblauen Adidas-Shirt an der Theke; da sitzt die Alte mit den zerzausten Haaren in der Tigerstrickjacke, über die sie einen roten Schal geworfen hat.

„WE Hamburch“

Ein paar BWL-Studenten, denen es an jeglicher Tragik im Leben fehlt, finden es richtig cool hier zu sein, um diese Uhrzeit, das erzählen sie morgen in ihren erbärmlichen WhatsApp-Gruppen, die „WE Hamburch“ oder „JGA Tina“ heißen. Oder sie erzählen es beim Sonntagsbraten, um ihren Eltern bloß nicht das Gefühl zu vermitteln, sie hätten irgendwas richtig gemacht. Später lachen alle zusammen in den Chats und beim Mittag und die Frau im Tigershirt wird wohl immer noch bei Gerda sitzen und an ihrer Zigarette ziehen.

Es ist nach sechs, ich bin bei Gerda. Ich weiß nicht, ob die Stammgäste mir winken oder mich mit schnellen Handbewegungen dazu auffordern, den Laden zu verlassen. Aber ich nehme beide Einladungen gerne an, da es mich gleichzeitig nach vorne und nach hinten zieht in meiner charakteristischen Frühsportkoordination einer Betrunkenen.

Eisbär im Krokodilkostüm

„Ich nehme ein Herrengedeck“, schreie ich in den Laden und finde das urkomisch, aber keiner lacht. Ich habe dieses Wort mal in einem Helge Schneider Film gehört und so lange benutzt, bis meine Mutter mir sagte, dass das eigentlich ein urdeutsches Wort sei. Da glaubst du, du hättest die Welt durch Schneider und Slimani verstanden und am Ende sind Udo Jürgens und Nana Mouskouri die Retter des Generationskonflikts.

Ich bekomme ein Wasser hingestellt, offenbar sorgt man sich um meine bevorstehende Dehydration. Ich nicke dankend. Ich bin aufgeregt und versuche meine Erinnerung festzuhalten, damit ich sie später in diesem Text wiedergeben kann. Ein Eisbär im Krokodilkostüm betritt die Bar. Okay, das stimmt so nicht. Soviel zu meiner Erinnerung, aber immerhin werde ich von einem Lkw-Fahrer angesprochen.

Direkt auf die Brüste

Er ist ein sehr vorausschauender Fahrer: Er schaut mir direkt auf die Brüste. Die Zigarette, die er in der Hand hält, ist Asche, aber er zieht weiter daran. „Willst du nicht was Härteres?“ Dann lacht er laut; dann hustet er, als würde er gleich sterben. Ich frage ihn, ob er für mich was klarmachen kann.

„Gerda, nun gib der jungen Dame doch mal einen Klaren“, sagt er und ich möchte ihm ob meines Vaterkomplexes in die Arme springen. Gerda würdigt mich keines Blickes und überreicht mir ein Schnapsglas mit einer transparenten Flüssigkeit.

„Jetzt hau ab“

Ich nippe. Ahja, wieder Wasser. Es ist beeindruckend, wie an den Gästen hier fähige Pflegeeltern verloren gegangen sind; ich fühle mich wirklich wohl bei Gerdi. Ich frage mich, warum ich nicht öfter hierherkomme, als ein Mädchen neben mir unter die Theke bricht. Es ist eine BWL-Studentin mit braunen Extensions und George Gina & Lucy-Tasche, die jetzt zur Hälfte vollgebrochen ist. „Tschuldigung“, sagt sie und torkelt an mir vorbei. Diese Jugend ist wirklich sauanstrengend. Da will man ein Mal einen Morgen in erfahrener Runde verbringen, und dann kotzen sie dir in jugendlicher Sensationsgeilheit auf die Schuhe, weil sie denken, sie wären dem ansässigen Klientel überlegen.

Gerade als der Lkw-Fahrer einen spritzigen Dialog über die Ukrainekrise mit mir führen will, beschließe ich, aufgrund einer leichten Magenverstimmung, das Etablissement zu verlassen.

„Danke Gerda! You rock!“, rufe ich in den Laden. Wieder von überallher diese schwer auszumachenden Handbewegungen. „Jetzt hau ab“, sagt da einer und ich fühle mich verstanden als erfolglose Schriftstellerin im Kreise misanthropischer Kneipenphilosophen. Ich möchte sie alle umarmen.

So ist das eben

Im Taxi erzähle ich dem italienischen Fahrer, der zufällig meinen Vater kennt und mir die Fahrt hastig für umsonst verspricht, von meinen Erfahrungen. Er zeigt mit dem Finger auf mich und sagt: „Ey, du doch bist diese kleine Frau, die schreibt Liebesbriefe?“ So ist das eben. Wenn du einen schlechten Ruf weghast, kriegst du ihn nicht mehr glattgeleckt. Das wissen auch die Frühaufsteher bei Gerda. Ich denke über Vorurteile nach, während wir in die Straße meiner Eltern einfahren; während ich den Schlüssel so lange richtig in das Loch stecke, bis sie sich einfach von selbst öffnet. Als ich vornüber in die Arme meiner Mutter falle, riecht es nach Sonntagsbraten.

Laura Elisa Nunziante ist freie Autorin und Texterin in Frankfurt am Main. Zudem schreibt sie als Ghostwriter Liebesbriefe für Menschen, die sich selbst nicht trauen.