Vom Simulator in den Stall Warum ein Osnabrücker Stadtkind Landwirt werden will


Osnabrück. Die klassische Karriere: Der Hof wird von Generation zu Generation weitergegeben. Landwirtschaft bleibt in der Familie. Nicht so bei Tim Minnerup. Der gebürtige Osnabrücker geht als Stadtkind einen ungewöhnlichen Weg: Der 17-jährige hat die Lehre zum Landwirt ohne familiären Hintergrund und eigenen Hof begonnen.

Was fasziniert kleine Jungs? Bagger, Feuerwehrautos und Traktoren. Bei den meisten Stadtkindern verschwindet nach und nach das Interesse an den großen Maschinen - bei Tim Minnerup blieben die Traktoren.

Vom analogen Spielzeug ging es mit zehn Jahren an den Computer. „Bereits seit 2008 spiele ich am liebsten einen Landwirtschaftssimulator. In meiner Freizeit habe ich gerne auf den Höfen in der Nachbarschaft ausgeholfen.“ Mit Unterstützung einer Berufsberaterin und nach weiteren Praktika stand der Entschluss zum Ende der Schulzeit schnell fest: Es kommt nur die Lehre zum Landwirt in Frage.

Vater und Großvater waren anfangs skeptisch. „Ich habe wahrscheinlich schon irritiert geschaut: Ist ja auch mal was anderes“, sagt Vater Axel Minnerup rückblickend. „Aber Tim geht völlig darin auf und daher bekommt er unsere Unterstützung.“

Der Weg zum Landwirt

Im August dieses Jahres begann Tim seine Lehre. „Ich bin jetzt auf dem Betrieb Johannes und Petra Konnemann in Hopsten-Halverde. Die haben knapp 180 Sauen im geschlossenen System, das heißt sie erzeugen ihre Ferkel selbst und mästen vor Ort.“ Der Hof ist spezialisiert auf konventionelle Landwirtschaft: Neben der Sauenhaltung gibt es noch Getreidebau und Körnermais für das Tierfutter. Hier kommt Tims Begeisterung zum tragen: Der Umgang mit Tieren und speziell mit Schweinen.

Die Ausbildung zum Landwirt erfolgt in einem dualen System: im Ausbildungsbetrieb und der Berufsschule. Für die praktische Ausbildung müssen die Lehrlinge drei Höfe in drei Jahren durchlaufen. Früher wurde Nachwuchs der Landwirte für ein Jahr getauscht. Das sogenannte „Auswohnen“ war bis in die 60ger Jahre traditioneller Bestandteil der Ausbildung. Das Berufsbildungsgesetz von 1969 hat diese Regelung übernommen. Dadurch soll eine möglichst breite Praxiserfahrung gewährleistet werden. Viele Höfe bieten den Azubis auch heute noch an, direkt auf dem Hof zu wohnen. Tim macht davon Gebrauch und lebt derzeit auf dem Hof der Konnemanns.

In den Folgejahren lernt er dann Höfe mit Bullenhaltung und Fleckviehkälberaufzucht kennen. Aber der 17-jährige weiß jetzt schon, dass seine Begeisterung der Sauenhaltung und Schweinemast gilt. (Weiterlesen: Bauern im Osnabrücker Land in Sorge)

Im Stall

Im Stall kommt Tims Leidenschaft für den Beruf richtig durch. Seine Augen leuchten, wenn sich der 17-jährige im Abferkel-Stall um die kleinen Ferkel kümmert. „Das macht hier alles sehr viel Spaß“, bestätigt Tim. „Ich fühle mich sehr wohl.“

„Trotz fehlenden familiären Hintergrunds bringt Tim viel praktische Erfahrung mit“, meint auch sein Chef, Johannes Konnemann, der bereits seit zehn Jahren Landwirte auf dem Familienhof ausbildet. „Tim ist fleißig und zuverlässig“, sagt auch Gerhard Konnemann, der Vater von Johannes Konnemann. Die Familie ist bereits seit vier Generationen in der Landwirtschaft tätig und auch die kommende Generation strebt Ausbildung und Studium in diese Richtung an. (Weiterlesen: Landwirtschaftliche Ausbildung mit Familienanschluss)

Weihnachten auf dem Bauernhof

Über die Feiertage ist Tim übrigens zu Hause. „Alle Vorräte, die zur Versorgung der Tiere notwendig sind, werden jetzt schon bestellt und gelagert“, erklärt Konnemann. „Wer keine Abferkelungen über Weihnachten haben will, musste schon 120 Tage vorher beim Absetzen der Sauengruppe an die Feiertage denken!“

Rosige Zukunftsaussichten nach der Lehre

Nach der Lehre zum Landwirt hat Tim verschiedene Möglichkeiten: Abhängig von der schulischen Leistung während der Ausbildung kann er nach einem Praxisjahr noch zwei Jahre die „Höhere Landbauschule“ besuchen und hier seinen staatlich geprüften Landwirtschaftsbetriebswirt oder „Bachelor Professional“ werden. Alternativ steht ihm auch der Betriebshilfsdienst Saerbeck offen http://www.betriebshilfsdienst.de/impressum/. Hier sind circa 50 Landwirte angestellt und helfen den Landwirten in der Region unter anderem im Krankheitsfall und anderen Not- und Sondersituationen. Vor allem für Landwirte ohne Familienhof ist der Betriebshilfsdienst eine gute Möglichkeit das Praxisjahr nach der Ausbildung zu absolvieren.

Laut der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen sind die Aussichten für Landwirte aktuell sehr gut. „Es gibt keine arbeitslosen Landwirte!“, erzählt der zuständige Ausbildungsberater für den Bereich Warendorf, Münster, Steinfurt, Burkhard Schulte-Bories . Zwar gibt es immer weniger Familienbetriebe, aber die Höfe wachsen. Daher haben die Höfe oftmals ein oder mehrere Angestellte. Die Arbeit in der Landwirtschaft wird dabei immer abwechslungsreicher und anspruchsvoller.

Auch die Zahlen der Azubis steigen laut Schulte-Bories stetig. Haben 2014 1092 zukünftige Landwirte ihre Ausbildung begonnen, waren es dieses Jahr schon 1111 Azubis – Tendenz seit 15 Jahren steigend.

Auch die Lehre ohne eigenen Hof ist längst keine Seltenheit mehr. Laut Schulte-Bories haben 50% aller Azubis heute keinen eigenen Familienhof. (Weiterlesen: Landwirte bewegt die Frage: Verkaufen oder verpachten?)

Tims Plan

„Ich habe auf der Messe „Agrartechnica“ mit dem größten Lohnunternehmer Deutschland ‚Oster und Voß‘ gesprochen“, sagt Tim über seine Pläne nach der Ausbildung. „Sie sagten mir, ich soll mich nach meiner Ausbildung mal zum Probearbeiten melden und wenn es klappt dann dahin (Plattenburg, Brandenburg, Anm. D Red.) ziehen und Arbeiten. Das habe ich nach der Ausbildung erst einmal vor.“

Seine Freunde, mit denen sich Tim immer noch regelmäßig trifft, waren von seiner Entscheidung Landwirt zu werden nicht sonderlich überrascht „Sie kennen mich ja nicht anders“, meint Tim. Man trifft sich immer noch regelmäßig zum „chillen“. Für sein Hobby Fußballspielen und dem Trainieren von Jungendmannschaften bleibt allerdings wenig Zeit. Auch den Landwirtschaftssimulator spielt Tim mittlerweile immer seltener. „Ich bin lieber draußen in der Natur“, sagt Tim mit einem Blitzen in den Augen.


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