Klinikum Osnabrück Warum ein teurer OP-Roboter in Osnabrück nicht benutzt wurde

Von Wilfried Hinrichs

Operation mit dem „Da Vinci“-System im Klinikum Osnabrück. Foto: Klinikum/van AhlenOperation mit dem „Da Vinci“-System im Klinikum Osnabrück. Foto: Klinikum/van Ahlen

Osnabrück. Das Klinikum Osnabrück hat den millionenteuren OP-Roboter „Da Vinci“ fast zwei Jahre aus wirtschaftlichen Gründen abgestellt. Jetzt arbeitet er wieder – sehr Freude der Patienten und Ärzte. Was ist da passiert?

„Da Vinci“ steht für einen Kernkonflikt im Gesundheitswesen: Wirtschaftlichkeit gegen medizinischen Fortschritt. Das Operationssystem ist in Anschaffung und Unterhalt teuer, wird aber von Medizinern und Patienten hochgelobt. „Die Da-Vinci-Technologie erlaubt eine bisher nie da gewesene Präzision in der minimalinvasiven Chirurgie, die mit konventionellen Techniken nicht erreichbar ist und damit unmittelbar dem Patienten zu Gute kommt“, sagt der Chefarzt der Urologie, Prof. Dr. Hermann van Ahlen.

Zwei Millionen Euro

Das Klinikum Osnabrück hat seinen „Da Vinci“ im Oktober 2011 gekauft. Der Preis: rund zwei Millionen Euro. Der OP-Roboter kam primär in der Urologie bei Tumoroperationen und plastisch-rekonstruktiven Eingriffen zum Einsatz. van Ahlen schwärmt geradezu von seinem OP-Helfer: Vor allem bei komplexen Tumor-Eingriffen könne das System mit seinen präzisen und fein zu steuernden Gliedern seine Vorteile ausspielen. Die dreidimensionale Optik, die perfekte Ausleuchtung und Geräte, die deutlich beweglicher als die menschliche Hand seien, erleichterten dem Operateur die Arbeit. Ein Chirurg lerne schnell, mit dem System umzugehen, und selbst schwierige Operationen seinen für den Arzt „körperlich und feinmotorisch weniger belastend“.

Patienten schneller auf den Beinen

Den größten Vorteil hätten aber die Patienten, so van Ahlen. Dieser Eingriff sei schonender als alle anderen Methoden. Die Liegezeit der Patienten reduzierte sich nach seinen Angaben im Vergleich zu offenen Operationen im ersten Jahr um 1,5 Tage, im zweiten Jahr um fast zwei Tage. ( Weiterlesen: Hermann van Ahlen über Prostatakrebs )

Einer, der es beurteilen kann, ist Wolfgang Klimm, Sprecher der Selbsthilfegruppe Prostataerkrankungen in Osnabrück. „Patienten laufen nach einer solchen OP bereits am nächsten Tag problemlos herum und können schmerz- und beschwerdefrei die Klinik in aller Regel nach vier Tagen verlassen“, sagt Klimm. Er selbst habe nach einer herkömmlichen Operation mit Bauschnitt zwei Wochen im Krankenhaus gelegen, teilweise „unerträgliche Schmerzen“ erlitten und sei erst nach einem Monat wieder „einigermaßen auf den Beinen“ gewesen.

Hohe Betriebskosten

„Da Vinci“ hat aber einen großen Nachteil: Jede OP ist extrem teuer. Denn spätestens nach zehn Eingriffen müssen Scheren und andere Verbrauchsmaterialien ausgetauscht werden. Das geht ins Geld. van Ahlen spricht von Zusatzkosten von bis zu 2000 Euro pro Fall, die der Kostenträger nicht vergütet.

2013, als das Klinikum in seiner bisher größten wirtschaftlichen Krise steckte, zog die neue Geschäftsführung mit dem Sanierer Frans Blok den Stecker. Um Kosten zu sparen, wurde „Da Vinci“ im September 2013 eingemottet. Bis dahin war das Gerät 145 Mal zum Einsatz gekommen. Die Entscheidung sei angesichts der „dramatischen Zahlen“ und der prekären Lage des Klinikums unvermeidlich gewesen, so Blok heute. Chefarzt van Ahlen verhehlt nicht, dass er die Stilllegung für einen Fehler hielt, musste sich den wirtschaftlichen Zwängen aber – zunächst – beugen.

Die Wiederbelebung

Dann kam „KOS-Work“. Hinter diesem Namen verbirgt sich ein von Blok eingeführtes Programm, in dem in ressortübergreifenden Arbeitsgruppen nach Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung und neuen Einnahmequellen gesucht wird. Ein Ergebnis war die Reanimierung von „Da Vinci“. Seit Juni dieses Jahres arbeitet das System wieder.

„Wir haben erfolgreich Nachverhandlungen mit dem Lieferanten geführt, um die Unterhaltskosten zu senken“, erklärt Geschäftsführer Frans Blok. Außerdem werde das System jetzt über die Urologie hinaus in der Allgemeinchirurgie eingesetzt. „Die Kostenreduzierung und der Mengeneffekt“ – diese beiden Faktoren zusammen böten eine wirtschaftliche Perspektive, so Blok. Ein Freibrief ist das nicht: Es müsse aber weiterhin geprüft werden, ob sich die Erwartungen erfüllen, sagt der Geschäftsführer.

Im Wettbewerb wichtiger Faktor

Chefarzt van Ahlen und Patientensprecher Wolfgang Klimm sind überzeugt, dass das Klinikum „Da Vinci“ braucht – zum Wohle der Patienten und des Krankenhauses. Im heutigen Medizinbetrieb finde eine Abstimmung mit den Füßen statt, sagt van Ahlen. Die Patienten sei die räumliche Nähe weniger wichtig als die medizinische Kompetenz. Vor allem in der Behandlung des Prostatakrebses gebe es einen „drastischen Trend“ zugunsten des „Da Vinci“-Systems.

Marktanteil wächst

Kliniken mit „Da Vinci“ können nach seinen Angaben ihre Zahlen halten oder ausbauen und gleichzeitig die Technologie für andere Indikationsgebiete nutzen. Kliniken ohne „Da Vinci“ hätten einen Rückgang der Patientenzahlen um 30 Prozent pro Jahr zu verkraften. Der Marktanteil der Methode sei von 2008 bis 2012 von unter fünf Prozent auf über 28 Prozent geklettert. In Frankreich und den skandinavischen Ländern würden 60 bis 80 Prozent der urologischen Operationen mit „Da Vinci“ vorgenommen, in den USA sogar 95 Prozent. Im Klinikum Osnabrück werde die Methode von den Patienten „sehr bereitwillig“ angenommen, so van Ahlen. 90 Prozent der Prostata-Operationen wurden in der ersten Anwendungsphase mit dem System durchgeführt.

Patienten wandten sich ab

Nach Angaben einer bundesweiten Patienten-Selbsthilfegruppe verfügen 64 Kliniken in Deutschland über „Da Vinci“. Als das Klinikum Osnabrück das System abstellte, wurde das Hospital in Gronau zur ersten Adresse für Prostata-Patienten aus der Region Osnabrück.

Patienten-Sprecher Wolfgang Klimm sagt jetzt: „Als Leiter der Selbsthilfegruppe werde ich jährlich mindestens 60 bis 80 Mal in Beratungen gefragt, wo man sich am besten operieren lassen kann, und meiner Empfehlung wird meist gefolgt. Mit dem ,Da Vinci‘ kann ich guten Gewissens auch wieder das Klinikum empfehlen.“


Da Vinci

Das Operationssystem ist kein eigenständig agierender Roboter, sondern der verlängerte Arm des Operateurs – allerdings ein hochsensibler Arm. Der Chirurg führt die Instrumente von einem Steuerungspult aus, das gar nicht im OP-Saal stehen muss. Treibende Kraft zur Entwicklung war das US-Militär. Weil im Irakkrieg verwundete Soldaten nicht optimal versorgt werden konnten, wurde die Idee der ferngesteuerten Operation weiterentwickelt: Der Operateur saß in den USA und lenkte die „Da Vinci“-Arme im irakischen Feldlazarett. Die amerikanische Herstellerfirma Intiutive Surgery verfügt noch über eine Monopolstellung. Experten gehen davon aus, dass Konkurrenzprodukte bald marktfähig sein werden. Das werde zu sinkenden Preisen bei der Investition und beim Betrieb führen.