Drogerie und Radiohändler Typisches Osnabrücker Geschäftshaus im Wandel der Zeit

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Osnabrück. Ein Haus wie zahlreiche andere ist das an der Martinistraße 14. Die dreieinhalb Geschosse sind typisch für Osnabrücks Ausfallstraßen. Das Erdgeschoss beherbergt straßenseitig Läden, dahinter und darüber bietet der schlichte Nachkriegsbau viel Wohnraum. Was dieses Allerweltshaus dennoch zum Ziel einer „Zeitreise“ macht, ist der Umstand, dass schöne Fotografien davon existieren und wir auch einen Blick in das weihnachtlich dekorierte Schaufenster des Jahres 1956 werfen können.

Auf dem ältesten Bild, das zwischen 1945 und 1953, wahrscheinlich um 1950 entstand, erkennt man den ausgebombten Altbau, der etwas hinter der Baufluchtlinie zurücksprang. Mit den dekorativen Ziegelstein-Friesen und den Segmentbogenfenstern erhob er höhere architektonische Ansprüche als der in den frühen 1950er-Jahren hochgezogene Neubau, dem es in erster Linie um die rasche Schaffung von möglichst viel Wohnraum in der zerstörten Stadt ging. Die Ruine des alten Hauses Martinistraße 14 geriet eher zufällig auf das Bild. Der Zeitungsfotograf hatte den Auftrag, die Neubepflanzung der südlichen Haltestellen-Insel des Arndtplatzes zu dokumentieren. Heute kann sich jedermann davon überzeugen, dass die Anpflanzung erfolgreich war. Die hier noch bohnenstangendünne Kastanie ist zu einem mächtigen Baum herangewachsen.

Neues Quartier im Behelfsbau

Das älteste Bild gibt Auskunft darüber, dass die Drogerie Mattern im eingeschossigen Behelfsbau an der Ecke zur Arndtstraße bereits ein neues Quartier gefunden hat. Vor dem Krieg führte Richard Mattern im Eckhaus gegenüber (Martinistraße 19; heute Martini-Apotheke) seine „Drogenhandlung“. Tochter Lore Mattern setzte das Drogistengeschäft bis in die 1960er-Jahre fort, verpachtete dann an den „Adler-Drogisten“ Peter Strick, der sein Hauptgeschäft in der Johannisstraße hatte. In den 1970ern war die große Zeit der Drogerien vorbei. Schnellimbiss Hoffmann hieß der neue Pächter. Heute stillt der „Uni-Döner“ den Hunger der Studenten, die aus den nahegelegenen Instituten auf einen Snack herüberkommen.

Rechts neben der Drogerie betrieben im Haupthaus Horst und Margot Wischott ein Rundfunk- und Fernseh-Fachgeschäft. Die 50er- und 60er-Jahre waren die große Zeit der Aufrüstung fast aller Haushalte mit Radios, Plattenspielern und Fernsehgeräten. „Damals bei den Röhrengeräten ging ja auch noch mehr kaputt, da lohnte es sich, eine große Werkstatt zu unterhalten“, erklärt Klaus Trezeciak, seines Zeichens Radio- und Fernsehtechnikermeister. „Meinen Beruf gibt es heute gar nicht mehr, das sind heute alles Informationselektroniker, die tauschen nur noch Module aus oder werfen das Gerät sofort weg.“

Als die Preisbindung wegfiel

Klaus Trezeciak und seine Frau Christel hatten das Geschäft 1973 von Wischotts übernommen, als Horst Wischott das Rentenalter erreichte. Er starb 1980. Seine Witwe Margot ist für ihre 92 Jahre noch erstaunlich gut beieinander. „Sie gehört praktisch zu unserer Familie, ich besuche sie jede Woche zweimal“, erklärt Christel Trezeciak.

Der Einzelhandel mit Bild- und Tongeräten wurde nicht einfacher, als Anfang 1974 die vertikale Preisbindung aufgehoben wurde. Die Hersteller durften den nachgelagerten Handelsstufen nicht mehr vorschreiben, zu welchen Preisen sie die Markengeräte etwa von Schaub-Lorenz, Grundig, Graetz, Nordmende, Telefunken, Saba, Loewe-Opta, Blaupunkt oder Metz anzubieten hatten. Die großen Ketten wie zunächst Brinkmann, später Saturn und Media-Markt hatten es dank hoher Abnahmezahlen leichter, Sonderkonditionen zu erlangen und an die Kunden weiterzugeben. Die Werkstattumsätze gewannen für die Trezeciaks an Bedeutung. „In der Spitze hatten wir bis zu 15 Mitarbeiter“, erinnert sich Christel Trezeciak nicht ohne Stolz, „fast alle unsere Azubis, egal ob die aus der Werkstatt oder vorne im Laden wurden Innungssieger.“ Zwei rote VW-Bullis und ein VW-Käfer standen bereit, um den Werbeslogan „Kein Bild? Kein Ton? Wir kommen schon!“ im Bedarfsfall auch schnell mit Leben erfüllen zu können.

Weiterlesen: Mehr Berichte aus der Osnabrücker Stadtgeschichte lesen Sie auf unserer Themenseite.

1991 gaben Trezeciaks den Standort Martinistraße 14 auf, weil der inhabergeführte Einzelhandel in der Phonobranche keine Chance mehr gegen die großflächigen Märkte hatte. „Mir hat die Arbeit aber so viel Spaß gemacht, dass wir auf kleinerer Flamme in unserem Wohnhaus in Hellern noch weiter gemacht haben“, erzählt Klaus Trezeciak. Anfang 2013 – Klaus war 70 Jahre alt geworden – habe man dann aber den vielen alten Stammkunden erklärt, dass nun endgültig Schluss sei, und die Werkstatt im Keller aufgegeben. Das Leben im Laden Martinistraße 14 ging aber natürlich weiter. Über mehrere Zwischenstationen wie unter anderem die „HiFi-Galerie“ für Autobeschallungen ist heute dort der Franchise-Friseur „Hairkiller“ ansässig.


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