Aktivität und Rituale wichtig Männer trauern, aber anders

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Osnabrück. Ein gemeinsamer Trauerprozess – vielleicht, weil ein Kind gestorben ist. Für Paare ist das eine der größten Belastungsproben, die es geben kann. Denn viele Männer, so ein oft geäußerter Vorwurf, könnten ihre Trauer kaum zeigen – jedenfalls nicht so, dass sie klar erkennbar wird.

„Mein Mann trauert gar nicht richtig“ heißt dann die Klage, der oft die Trennung folgt. Doch das stimmt nicht, wie der Seelsorger Günter Oberthür betont, der sich mittlerweile zu einem Spezialisten für Männertrauer entwickelt hat.

„Männertrauer findet statt“, betont der 58-jährige studierte Theologe: „Nur anders.“ Und: „Sie ist ein viel größeres Thema als man gemeinhin merkt und denkt“. Rund 15 Mal im Jahr hat der Seelsorger, der hauptberuflich vom Bistum Osnabrück in die Lingener Hedonklinik entsandt wurde, innerhalb der vergangenen Jahr einen Vortrag oder ein Seminar zu diesem Thema durchgeführt. Im Publikum sitzen dann vor allem Frauen, überwiegend aus Hospiz- und Trauergruppen. Die wollen verstehen, warum so selten Männer zu ihnen kommen. Wobei die Antwort, im Grunde genommen, ganz einfach ist: Männer brauchen andere Männer, betont der Seelsorger, der sich schon früh in seinem Leben für die Hospiz- und Palliativbewegung interessierte und sich als Trauerbegleiter spezialisierte.

Eine der größten Hürden bei diesem Thema ist es laut Oberthür, nicht in Plattitüden und Klischees zu verfallen. Denn die Unterschiede zwischen Mann und und Frau sind erstmal marginal: „ Verstanden werden wollen alle “, sagt der Experte.

Aber wie sich das Verständnis äußert, ist unterschiedlich: Was Frauen am liebsten im Gespräch bearbeiten, ist bei Männern gerne hinter Aktivität versteckt. Dass sie offensiv ihre Emotionen ausleben können, ist ganz klar ein großer Vorteil der Frauen, weiß Oberthür. Auch Männern täte das gut, allein, die Hemmnisse sind groß. Noch mit am besten geht das – unter Männern. Andererseits haben auch Männer einen Vorteil gegenüber den Frauen: Sie wollen stabiler bleiben (oder sich darum bemühen).

Nur zögerlich erzählt Oberthür von seinem eigenen Prozess der Trauer – denn auch er ist ein Witwer, der vor wenigen Jahren seine Frau verlieren musste. „Ich bin immer etwas unsicher, ob ich das mit angeben soll oder nicht“, gibt der Theologe zu. „Ich will weder bemitleidet werden noch ein Vorzeige-Witwer sein“. Andererseits weiß er, wie sich das anfühlt, wenn sich manche im Familien- oder Freundeskreis zurückziehen, weil sie mit dem Thema nicht vertraut sind („Das will ich gar nicht moralisch bewerten... das ist einfach so..“). Und wenn die Frage im Raum steht: Wer ist da, wenn das Leben schwer ist?

„Ich bin mit meiner Trauer offensiv umgegangen“, berichtet er. Seminare in der freien Natur. Das Verbrennen von Gegenständen, die mit der Trauer verbunden sind, im tiefen Schwarzwald, gemeinsam mit einer Männergruppe. Ins Feuer gucken und schweigend nebeneinander stehen. Solche und ähnliche Angebote haben dem Trauernden immer ein kleines Stück weitergeholfen auf seinem Weg.

Wie hilfreich das sein kann, wusste Oberthür schon aus seiner Arbeit als Männerreferent des Bistums Osnabrück . Als solcher war er von 2007 bis Anfang 2015 in Osnabrück tätig. Schon in dieser Funktion hatte er für Männer in Krisensituationen Pilgergänge in der Natur angeboten. Gerne auch nachts von Gründonnerstag auf Karfreitag. „Im Stockdusteren den Sternenhimmel angucken können, mitten in der Nacht“, solcherlei Angebote waren sehr gefragt. Das seien für ihn auch Momente gewesen, in denen der Glaube persönlich erfahrbar gewesen sei.

Trauernde Männer, hat Oberthür beobachtet, sind zum Beispiel oft bei Wallfahrten anzutreffen, sofern sie gläubig sind. Aber auch außerhalb des Kirchenkontextes ist das gemeinsame Gehen – nebeneinander – für Männer viel besser geeignet als ein direktes Sich-Angucken, das oft als zu offensiv empfunden wird, , sagt der Trauerbegleiter.

Ritualarbeit, in die Natur gehen, sich den Widerständen aussetzen (und sei es nur ein Regenschauer), all das sind Dinge, die Männern gut helfen können in einem Krisenprozess. Klare Sache: „Der Schlüssel für Männer ist es, die Dinge selbst im Griff zu behalten“, betont der Experte: „Auch dann, wenn man eigentlich am Boden liegt und die Ohnmacht einen niederdrückt.“

Aber warum ist das so? „Darüber könnte man endlos streiten“, winkt Oberthür ab. Ist es biologisch bedingt, ist es sozialisiert? Da gibt es einerseits die Evolutionswissenschaft, die zur Begründung die Steinzeitmenschen anführt: Während die Frauen die Kinder aufzogen und sich darüber austauschen mussten, liefen die Männer schweigend, weil jagend, nebeneinander, auf der Suche nach Essbarem durch die Steppen. Oder ist doch alles anerzeogen, wie es die Soziologen behaupten, die die Anerziehung männlicher Eigenschaften durch Gesellschaft und Eltern als Ursache sehen. Die Wahrheit, vermutet Günter Oberthür, liegt irgendwo dazwischen. Klar ist: Die Menschheit hat sich kulturell so schnell entwickelt, dass nicht alle emotionalen und gesellschaftlichen Mechanismen schnell genug hinterherkommen. Auch jetzt ist das wieder so: Der moderne Mann, irgendwo angesiedelt zwischem verständnisvollem Partner und Vater und trotzdem hartem Kerl mit Machismo-Qualitäten, stecke tatsächlich in einer Krise, sagt Oberthür. Aber nicht nur er, auch die Frauen: „Es gibt viel Verunsicherung auf beiden Seiten.“

Wenn Paare gemeinsam trauern, sollte der Schlüssel also lauten: Die Verschiedenartigkeit akzeptieren. Und darauf bauen, dass die Trauer ihren Weg nehmen wird. Denn sie ist da. Ganz sicher.


Einer der wenigen Männer, die sich ein öffentliches Trauern zugetraut haben, war Herbert Grönemeyer – in den Textzeilen seines im Radio oft gehörten Lieds „Der Weg“ bearbeitete der Sänger die Krebstode seiner Frau und seines Bruders. Mit dieser Offenheit sei Grönemeyer ein eher ungewöhnlicher Mann, betonte Helmut Kirschstein, Superintendent des Ev.-luth. Kirchenkreises Norden im April 2015 in einem Vortrag zum Thema „Männer trauern anders“: „Frauen trauern nach außen, Männer trauern nach innen“, mit dieser Formel bringt der evangelische Pastor auf den Punkt, was auch der Trauerbegleiter und katholische Seelsorger Günter Oberthür betont. (ache)

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