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„Wall-Fahrt“ mit dem Papamobil Als Papst Johannes Paul II. Osnabrück besuchte



Osnabrück. Spötter witzelten damals, der Papst sei als Geisterfahrer auf Wall-Fahrt – denn sein Papst-Mobil befuhr die falsche Fahrbahn des Heger-Tor-Walls. Doch das störte nicht weiter, denn auf der zuvor für den päpstlichen Autokorso ordnungspolizeilich festgelegten Route fuhr natürlich sonst kein Normalsterblicher.

So hatten Tausende Zuschauer am Straßenrand und in den Fenstern einen ungehinderten Blick auf den Heiligen Vater in seinem umgebauten Mercedes 600.

Nach fast 200 Jahren betrat 1980 erstmals wieder ein Papst zu einem offiziellen Pastoralbesuch deutschen Boden. Karol Wojtila war zwei Jahre zuvor zum Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche gewählt worden. Er stand im 61. Lebensjahr, war also für einen Papst noch recht jung und in guter körperlicher Verfassung. Mehr als hundertmal verließ er heimlich den Vatikan, um ohne Medienrummel Ski fahren zu können. Das alles verhalf ihm gerade auch bei Jugendlichen, denen Glaubensinhalte und Lehrmeinungen nicht so wichtig waren, zu großer Popularität. Die Osnabrücker und ihre von weit angereisten Gäste durften sich auf anrührende Auftritte einer charismatischen Persönlichkeit freuen.

Am Sonntag, 16. November 1980, läuft morgens um 4.46 Uhr der erste von 23 Sonderzügen im Hauptbahnhof ein. Menschen kommen aus Norddeutschland, der DDR, den Niederlanden und sogar aus Skandinavien, um „ein historisches Ereignis mitzuerleben, das einem vielleicht nur einmal im Leben begegnet“, wie es eine Landfrau aus dem Kreis Cloppenburg ausdrückt. Osnabrück pflegt schon vor 35 Jahren eine perfekte „Willkommenskultur“: Auf dem fahnengeschmückten Bahnhofsvorplatz werden die Pilger per Lautsprecher freundlich begrüßt und zu den mit offenen Türen bereitstehenden Shuttle-Bussen geleitet, die für den Transport zur Illoshöhe sorgen. Viele entscheiden sich aber auch für den lila ausgeschilderten Fußweg, denn es ist ja noch viel Zeit bis zum Beginn der Eucharistiefeier. Entlang der Route bieten zahllose Stände heiße Getränke und Essbares an.

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3000 Polizeibeamte und 1100 Freiwillige von den Maltesern, Johannitern und dem DRK sorgen für reibungslose Abläufe. Die Innenstadt ist für privaten Autoverkehr abgeriegelt. Park-and-ride-Busse nehmen die Ankommenden an den Ausfallstraßen auf. Ab 7 Uhr füllt sich das Stadion Illoshöhe zusehends. Wie ein gelber Lindwurm bewegen sich die Menschenmassen in ihren „Ostfriesen-Nerzen“ die Ernst-Sievers-Straße hinauf und betreten singend das Stadion. Domkapitular Hanneken bittet über Lautsprecher, enger zusammenzurücken. Das Regenwetter kann der erwartungsfreudigen Stimmung nichts anhaben.

Um 8.30 Uhr dann die ersehnte Nachricht: „Der Papst ist gelandet.“ Aus Köln kommend, setzt ihn ein Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes auf dem Sportplatz hinter dem Gymnasium „In der Wüste“ ab. Der Pilot hat das schwere Fluggerät zentimetergenau neben den ausgelegten roten Teppich dirigiert, sodass der Heilige Vater keine Bekanntschaft mit dem nassen Rasen machen muss und die wenigen Schritte bis zum bereitstehenden Glaskuppel-Mercedes trockenen Fußes zurücklegen kann. Mercedes-VIP-Fahrer Wolfgang Wöstendieck aus Stuttgart chauffiert seinen Fahrgast über den Blumenhaller Weg zur Illoshöhe.

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Dort muss der Papst einen protokollarisch nicht vorgesehenen 50-Meter-Fußweg machen, denn bei einer Probe-Vorfahrt kurz zuvor hatte sich gezeigt, dass der schwere Wagen zu tief in den durchgeweichten Rasen einsackte.

Der Papst nimmt es mit Humor, so wie er auch später bei der Messfeier mehrfach auf den Dauerregen zu sprechen kommt und sich bei der 140.000-köpfigen Gemeinde dafür entschuldigt, dass es ihm trotz guter Kontakte nach oben nicht gelungen sei, für besseres Wetter zu sorgen. Ohne Pause geht es nach dem Open-Air-Gottesdienst weiter in die Innenstadt und zum Dom. Vor dem Hauptportal empfangen ihn Oberbürgermeister Ernst Weber und Landrat Josef Tegeler und bitten ihn um Eintrag in die Goldenen Bücher von Stadt und Landkreis. Daraufhin zelebriert der Papst eine Messe im Dom „mit Behinderten“, wie man damals politisch durchaus korrekt sagte, und betet mit ihnen das Gebet „Der Engel des Herrn“. Gebärdendolmetscher übersetzen seine wiederum auf Deutsch gehaltene Andacht in die Sprache für Gehörlose. Begleiter zeigen sich tief beeindruckt, wie es Johannes Paul gelingt, trotz des dichten Programms mit solcher inneren Sammlung vor die Menschen zu treten. Am Nachmittag fliegt er weiter nach Mainz – und hält noch am Abend den nächsten Gottesdienst vor 200.000 Menschen.

Der Pontifex hat Osnabrück zeit seines Lebens mit schlechtem Wetter in Verbindung gebracht. Als er sechs Jahre später in Rom bei der Seligsprechung von Niels Stensen hört, ein Osnabrücker sei anwesend, fragt er schmunzelnd: „Ah, Osnabrück! Regnet es da immer noch?“


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