Heilung durch Contergan Lepra-Patientin las in Osnabrück aus ihrem Buch

Die mittlerweile geheilte Lepra-Patientin Evelyne Leandro las im Osnabrück Forum am Dom aus ihrem Buch. Foto: Hendrik SteinkuhlDie mittlerweile geheilte Lepra-Patientin Evelyne Leandro las im Osnabrück Forum am Dom aus ihrem Buch. Foto: Hendrik Steinkuhl

Osnabrück. Vor fünf Jahren kam die Brasilianerin Evelyne Leandro wegen ihres Mannes nach Deutschland. Vor drei Jahren brach bei ihr eine Krankheit aus, die in Industrienationen als ausgerottet gilt: Lepra. Über ihren harten Kampf gegen die Krankheit schrieb die 33-Jährige ein Buch, aus dem sie nun im Osnabrücker Forum am Dom gelesen hat.

Die Autorin ist da, die Stühle sind fast alle besetzt – und trotzdem geht es noch nicht los. „Wir warten noch auf eine wichtige Person“, sagt Evelyne Leandro, sichtlich unruhig, weil diese wichtige Person noch nicht da ist.

Knapp zehn Minuten nach dem offiziellen Beginn kommt er dann endlich: der Osnabrücker Autor Alfred Cordes, den Evelyne Leandro aus zwei Gründen so sehnlich erwartet hat: „Er ist mein Lektor. Und mein Schwager.“

Da Cordes‘ Frau mit ihr gemeinsam das Cover ihres Buches „Ausgesetzt, oder: Der Kampf mit einer längst vergessenen Krankheit. Ein Tagebuch aus dem heutigen Berlin“ gestaltet und Evelyne Leandros Mann das Buch aus dem Portugiesischen übersetzt hat, könne man laut der Autorin von einem Familienunternehmen sprechen. „Oder von der Mafia.“

Es ging los mit einigen Flecken

Das Publikum lacht, und Evelyne Leandro sowieso. Später wird sie sagen, dass ihr Humor und Selbstironie ganz sicher bei der Bewältigung ihrer Krankheit geholfen haben.

Leandros Krankheit, die im Jahr 2012 ausbrach, ist Lepra. Es begann mit einigen juckenden Flecken, die durch ein Antibiotikum zunächst wieder verschwanden. Als die Flecken wiederkamen und mehr wurden, wusste ihr Berliner Hausarzt nicht mehr weiter und überwies sie in die Charité.

Auch dort wussten die Ärzte zunächst nicht, woran Evelyne Leandro erkrankt war. Sie selbst hatte allerdings schon früh die richtige Vermutung und sprach sie dem Chefarzt gegenüber aus. „Er fragte mich, ob ich mich erinnern könne, längeren Kontakt zu einem Leprakranken gehabt zu haben. Als ich nein sagte, schloss er Lepra aus.“

Mit besonders schwerer Form der Lepra infiziert

Einige Tage später mussten die Ärzte zurückrudern, denn mittlerweile hatten Untersuchungen den Verdacht von Evelyne Leandro bestätigt. Was folgte, war ein Martyrium. Die junge Frau musste zahlreiche verschiedene Antibiotika und hochdosiertes Cortison schlucken. „In einigen Phasen habe ich 30 Tabletten am Tag genommen.“

Das Immunsystem rebellierte, Krankheit und Immunreaktionen waren weder für Evelyne Leandro noch für ihre Ärzte unterscheidbar, die Schmerzen wurden irgendwann unerträglich. Die gebürtige Brasilianerin hatte sich offenbar in ihrem Heimatland mit einer besonders schweren Form der Lepra infiziert. „Bei vielen Leprakranken reicht es, wenn sie einmal ein Antibiotikum nehmen.“

Hilfe ausgerechnet durch Contergan

Die einzige Hoffnung für Evelyne Leandro war ausgerechnet das Medikament, bei dessen Namensnennung viele Deutsche sofort zusammenzucken: Contergan.

Das Mittel mit dem Wirkstoff Thalidomid, das hierzulande für den größten Medikamentenskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte steht, wird in Leandros Heimatland seit vielen Jahren erfolgreich in der Lepra-Behandlung eingesetzt. Vor der Einnahme musste die junge Frau unterschreiben, dass sie keine Kinder bekommen will. Als sie das Medikament dann einnahm, wurde sie schließlich – langsam – gesund. Die Nebenwirkungen des Contergans setzten ihr allerdings furchtbar zu: „Ich konnte keinen Satz mehr zu Ende sprechen, mich überhaupt nicht mehr konzentrieren.“

Von der Krankheit geblieben sind einige taube Stellen

Auch die Begleiterscheinungen anderer Medikamente sind schwer zu ertragen – manche allerdings nimmt Evelyne Leandro zumindest heute mit Humor. „Ein Antibiotikum sorgte dafür, dass meine Haut rosa wurde – richtig barbie-rosa. Es war befremdend und belustigend zugleich.“

Außer ihrer Familie erzählte Evelyne Leandro niemandem von ihrer Diagnose. Wenn sie gefragt wurde, woher ihre Flecken stammten, erklärte sie, sie seien Folge einer Allergie. Verantwortungslos, wie manche meinen mögen, ist das nicht: „Sobald man das erste Antibiotikum gegen Lepra genommen hat, ist man nicht mehr ansteckend.“

„Ich lebe mit Lepra jeden Tag“

Heute hat Evelyne Leandro ihre Krankheit vollständig überwunden. Geblieben sind einige taube Stellen, an ihrem linken Unterarm etwa spürt sie nichts; Hände und Füße allerdings sind von der Taubheit verschont geblieben. Vergangenheit ist die Erkrankung für Evelyne Leandro damit aber noch lange nicht: „Ich bin zwar geheilt, aber ich bin noch betroffen. Ich lebe mit Lepra jeden Tag.“


Lepra

Bei der Lepra handelt es sich um eine chronische, bakterielle Infektion, die Haut und Nerven betrifft. Die Krankheit gilt als eine der ältesten der Welt. Nur selten verläuft Lepra tödlich, vor allem in Ländern wie Brasilien und Indien aber führt sie bis heute bei einer großen Zahl von Menschen zu schweren Behinderungen. In Brasilien werden jährlich rund 30.000 neue Leprakranke registriert, in Indien sind es 130.000.

Lepra gilt als Krankheit der Armen, die meisten Betroffenen leben in katastrophalen Verhältnissen. Um sich per Tröpfcheninfektion mit Lepra zu infizieren und daran zu erkranken, muss normalerweise eine langjährige Schwächung des Immunsystems etwa durch Unterernährung und schlechte Hygiene vorausgegangen sein. Es gibt aber auch immer wieder Fälle, in denen Menschen ohne erkennbare Beeinträchtigung des Immunsystems erkranken.

Mit Antibiotika ist Lepra in der Regel in einigen Monaten heilbar, bei schwereren Fällen kommt vor allem in Brasilien häufig das Medikament Contergan zum Einsatz. In Deutschland erkranken jährlich im Schnitt drei Personen an Lepra. Die Krankheit gilt in jedem dieser Fälle als aus dem Ausland mitgebracht.

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