Familie, Formel 1 und Fußball Leben in der Jungen Pflege des Osnabrücker Paulusheims

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Osnabrück. Thorsten Mösing lebt auf knapp 20 Quadratmetern. Eine Ein-Zimmer-Wohnung, könnte man sagen. Die weiße Decke ist mit roten, blauen und gelben Mustern verziert. Ein paar bewusst gesetzte Farbkleckse für den jungen Mann, der seit rund zehn Jahren in der Jungen Pflege des Paulusheims wohnt.

Thorsten Mösing war gerade einmal 28 Jahre alt, als sich sein Leben durch eine Gehirnblutung von einer Minute auf die andere komplett gewandelt hat. Der junge Vater wurde zum Pflegefall. Seinen Beruf als Gas- und Wasserinstallateur konnte er nicht mehr ausüben, seine kleine Tochter nicht mehr zur Schule bringen, auch das Leben zu Hause konnte nicht mehr so stattfinden wie vorher. Denn Laufen, Sprechen, Bewegen und anfangs auch das Essen – all das funktionierte seit der Gehirnblutung und dem damit verbundenen Koma nicht mehr.

Vor rund zehn Jahren ist der junge Mann in das Paulusheim an der Magdalenenstraße gezogen. Erst kurz vorher, 2004, hatte dort die Abteilung „Junge Pflege“ neu eröffnet. Thorsten Mösing ist also fast seit Anfang an dabei.

Man kabbelt sich auch mal

„Hier knallt es auch manchmal“, sagt die Leiterin der Jungen Pflege, Adele Falk, und lacht, „das ist hier wie zu Hause.“ Man kabbelt sich, man diskutiert und man verträgt sich wieder. Vor allem, wenn es um Fußball geht. Und zwischendurch hat man zusammen auch eine Menge Spaß.

Rund 40 Plätze stehen derzeit für junge, pflegebedürftige Menschen zwischen 20 und 60 Jahren zur Verfügung. Die Geschichten dieser Bewohner sind mitunter sehr verschiedenen. Die einen sind so wie Thorsten Mösing wegen einer Gehirnblutung im Heim, die anderen wegen eines Unfalls oder wegen Multiple Sklerose oder einer anderen Krankheit, die ein eigenständiges Leben unmöglich macht. Was sie in ihrem neuen Zuhause jedoch alle verbindet: ein eigenes Zimmer, das sie so einrichten dürfen, dass sie sich wohlfühlen.

Großer Fan von Bayern München

Welche Dinge Thorsten Mösing in der Einrichtung am wichtigsten sind, sieht der Besucher gleich. Da gibt es ein großes Regal mit allerlei Fan-Artikeln des FC Bayern München und von der Formel 1. Eine mechanische Stimme ertönt im Raum: „Robben“. Mithilfe eines Sensors auf seiner Brille hat Thorsten Mösing den Sprachcomputer an seinem Rollstuhl bedient und diesen den Namen seines Lieblings-Bayernspielers aussprechen lassen. Fußball und Rennwagen – beides ist ganz wichtig für den 42-Jährigen. „Wenn ein Tor fällt, dann schellt Thorsten erst mal, sodass alle Bescheid wissen“ erzählt Adele Falk und lacht. Logisch, dass er auch Sky auf seinem Zimmer hat. Die Bundesliga- und Champions-League-Spiele der Münchener sind für ihn ein Muss.

Neben der Fan-Artikel-Wand hat Thorsten Mösing eine von zwei Fotowänden. Die andere ist neben seinem Bett. Seine inzwischen erwachsene Tochter, seine Lebensgefährtin, seine beiden Brüder, Freunde und Kinder von Freunden – es finden sich allerhand Bilder von Menschen, die ihm viel bedeuten in seinem Zimmer. Und während wir uns die Bilder genau ansehen, ertönt wieder die mechanische Stimme: „Geburtstag im Café“. Adele Falk erklärt den Zusammenhang: Jana, die Tochter von Thorsten Mösing, die auf mehreren Bildern zu sehen ist, hatte einen ihrer jüngsten Geburtstage gemeinsam mit ihrem Papa im Café des Paulusheims gefeiert.

Adele Falk und Thorsten Mösing verbindet ein gutes und vertrauensvolles Verhältnis. Die beiden kennen sich seit zehn Jahren und wissen genau, wie der jeweils andere tickt. Kein Arzt habe etwa vor zehn Jahren daran geglaubt, dass Thorsten Mösing je wieder feste Nahrung zu sich nehmen könnte. „Damit habe ich mich nie zufriedengegeben“, bemerkt Adele Falk. Im Paulusheim hätten sie den Zungen-Muskel immer wieder trainiert. Mit Eiswürfeln, mit Übungen und mit jeder Menge Kraft und Ausdauer. Und siehe da: Inzwischen isst Thorsten Mösing jeden Nachmittag ein Stück Torte. Am liebsten Schwarzwälderkirsch. „Bald wollen wir mal Pizza essen gehen“, sagt Adele Falk. Das sei ein Ziel gewesen, auf das sie lange hingearbeitet haben. „Thunfisch“ tönt es da wieder aus dem Sprachcomputer. Eine entsprechend belegte Pizza möchte Thorsten Mösing sich dann bestellen. Am liebsten mit Zwiebeln.

Besuch im „Hyde Park“

Zurück zur Fotowand. Die Familie spielt nicht nur in der Raumgestaltung eine zentrale Rolle. Mehrmals die Woche bekommt der junge Mann Besuch von seiner Mutter, von seiner Patentante und seiner Lebensgefährtin. Auch die Tochter kommt oft vorbei. Alle zwei Wochen sei er sogar mal einen Tag zu Hause in Ibbenbüren. „Hyde Park“ tönt es jetzt wieder aus dem Computer. Adele Falk erklärt: Vor einiger Zeit sei er mit seiner Freundin und einer Mitarbeiterin des Heims bei Andreas Bourani im Hyde Park gewesen. Thorsten Mösing freut sich immer sichtlich, wenn er auf ein besonderes Ereignis wie den Konzertbesuch zurückblickt. Er ist ein lebensfroher Mensch, der sich von alldem, was ihm zugestoßen ist, nicht unterkriegen lässt.

Unter seinem Fernseher hat er sich ein kleines Parfüm-Regal eingerichtet. Noch so ein Hobby von ihm. Immer wieder verschiedene, tolle Düfte um sich zu haben, das ist dem jungen Mann wichtig. Auch hat er seinen Humor nicht verloren. „Wie alt sind Sie denn, Herr Mösing?“, fragen wir ihn im Laufe des Gesprächs. Ohne mit der Wimpern zu zucken, geht er mit seinem Computer in Interaktion und lässt ihn „Siebenundzwanzig“ aussprechen. „Natürlich, Thorsten, siebenundzwanzig“, sagt die Leiterin der Jungen Pflege und lacht. Und er grinst mit. Sie sind ein gutes Team.


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