Ein Gefühl von Sicherheit 117 Flüchtlinge in Osnabrück-Hellern angekommen

Von Stefanie Preuin

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Osnabrück. Am Samstagmorgen starten 117 Flüchtlinge im bayerischen Feldkirchen, am Samstagabend erreichen sie nach einer langen Reise die Notunterkunft in Osnabrück-Hellern – einen ehemaligen Uhrengroßhandel.

Die Stadt Osnabrück leistet Amtshilfe für das Land Niedersachsen und bringt die Schutzsuchenden in Sicherheit. Insgesamt sind 13 Alleinreisende und 19 Familien aus Syrien, Afghanistan, Marokko und Irak angekommen. Sie leben nun in einer Halle im Gewerbegebiet. Schnell werden noch die letzten Betten verschraubt, Bettwäsche verteilt und Toiletten beschriftet. Die Helfer in der Notunterkunft richten bis zur letzten Minute den Raum her, so gut es geht.

Udo Kunze, Leiter des Fachbereiches für Soziales und Gesundheit, gibt den Dolmetschern und Helfern die letzten Instruktionen. „Einen Ausweis für die Unterkunft gebt ihr ihnen, wenn die Personalien aufgenommen sind. Und die Kinder sollen bitte immer bei ihren Eltern bleiben.“ Dann geht alles ganz schnell, der erste Bus fährt vor. Die Übersetzer begrüßen die Flüchtlinge: Mit Arabisch, Persisch und Kurdisch erreichten sie die meisten Menschen. Viele kommen aus Afghanistan und Syrien. Über die Balkanroute haben sie Deutschland erreicht.

Namen, Geburtsdatum, Nationalität und Familienzugehörigkeit werden zunächst erfasst, eine Registrierung erfolgt später. „Viele wissen ihr Geburtsdatum nicht oder können nicht schreiben. Ein ungeordnetes Chaos“, sagt Udo Kunze. Trotzdem sind die ersten 54 Menschen schnell in die Liste aufgenommen. Die Stadt leistet mit der Notunterkunft Amtshilfe für das Land Niedersachsen, dessen Erstaufnahmeeinrichtungen überfüllt sind. Die Schutzsuchenden werden in den nächsten vier Wochen an die Erstaufnahme übergeben, wo sie registriert werden.

Mehr Familien sind da

Ragaei El Shamarka von den Johannitern verteilt unterdessen Plüschtiere an die Kinder. „Mit ein paar einfachen Begriffen kann man sich schon gut verständigen“, berichtet der Ägypter. Entgegen der Ankündigung sind viele Familien gekommen und nur wenige männliche Alleinreisende. Der Informationsfluss aus Bayern, so heißt es, sei diesbezüglich spärlich und habe den Helfern keine Zeit gelassen, sich auf die Situation einzustellen und zum Beispiel Babynahrung zu besorgen. Die Helfer bauen daher weitere Bauzäune auf und verkleiden sie mit Plane – ein wenig Privatsphäre in einem Schlafraum für über 100 Menschen.

In einer Ecke hat sich Familie Horo niedergelassen. Ihr Weg führte sie aus Syrien über die Türkei und den Balkan nach Deutschland. Kahlil und Zacharia Horo verraten Dolmetscherin Dindar Mustafa ihre Wünsche. „Wir wollen eine Zukunft für unsere Kinder. Sie sind gut in der Schule und bekommen hoffentlich in Deutschland einen Platz“, sagt Kahlil Horo. Er war in Syrien Schneider und leitete 17 Jahre seine eigene Firma.

Wo ist Eisenhüttenstadt?

Die Strapazen sind den Flüchtlingen anzusehen. Einige legen sich direkt ins Bett, andere stillen ihren Hunger mit Gulaschsuppe. Die Syrer und Afghanen reisen meist nur mit Rucksack, deswegen fragen sie die Dolmetscher vor allem nach Waschmöglichkeiten und Windeln. Ein Handy haben aber fast alle dabei. An den zahlreichen Steckdosen laden die Geräte, um später Kontakt zu Verwandten aufzunehmen. Ein Flüchtling zeigt den Dolmetschern eine Nachricht auf Arabisch, ein Wort sticht hervor: Eisenhüttenstadt. Ob das weit sei, ob die Familie ihn besuchen könne, fragt er. An diesem Abend bleiben einige Fragen unbeantwortet.

Auch das Schicksal von Yussef, ein Junge mit Schultornister. Der 13-Jährige ist vor Bombenangriffen in Syrien geflohen. 20 Tage war er ohne Eltern unterwegs und wurde überfallen. „Ich möchte kein Haus, kein Geld, kein Essen, ich möchte nur meinen Vater, meine Mutter und meine Geschwister wiedersehen“, übersetzt Dolmetscher Mohamed Negmel-Din den Wunsch des Jungen. ( Weiterlesen: Immer mehr minderjährige Flüchtlinge ohne Begleitung )

Krank nach langer Reise

Viele Erkältungen und Infektionen gebe es nach der langen Reise, stellt Winfried Bisping vom Roten Kreuz fest. In schlimmeren Fällen bekommen die Flüchtlinge einen Kranken- und Medikamentenschein ausgestellt. ( Weiterlesen: Artpraxis im Osnabrücker Flüchtlingshaus. ) Die Notunterkunft bietet gute Wohnbedingungen: Klima und Lüftung funktionieren automatisch. Zwei Duschen sind eigentlich zu wenig, aber alles ist sauber, und die Fußbodenheizung sorgt für Wärme. Der frühere Tresorraum teilt die Halle in Schlaf- und Essbereich.

„Viele sind einfach im Wasser verschwunden“, erzählen Abdullah Habash und Rudi Osman aus Syrien. ( Weiterlesen: SOS Mediterranee wil Flüchtlinge im Mittelmeer retten. ) Neun Stunden seien sie auf einem Boot gewesen. Mit dem Bus und zu Fuß erreichten sie schließlich die Schweiz und danach Deutschland. Sie wirken auf den ersten Blick vital, die Freude, angekommen zu sein, überwiegt. Die Anspannung, Angst und Unsicherheit der vergangenen Wochen fällt bei den Flüchtlingen erst einmal ab. Ein Gefühl von Sicherheit macht sich breit. Nach der ersten Nacht haben sich 24 Flüchtlinge entschieden, weiter nach Belgien und Schweden zu reisen. (Alles zum Thema Flüchtlinge und Migration auf unserem Themenportal)


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