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Nach Überfällen in Osnabrück Juweliere fordern besseren Schutz vor Räuberbanden

Von Sebastian Stricker


Osnabrück. Die deutschen Juweliere schlagen Alarm. Nach brutalen Überfällen wie zuletzt mehrfach in Osnabrück pocht die Branche auf besseren Schutz. Gefordert wird mehr Polizeipräsenz vor den Läden, eine weniger bürokratische Strafverfolgung sowie Änderungen im Datenschutz. Präventionsexperten nehmen außerdem die Geschäftsinhaber selbst in die Pflicht.

Die Politik sei mehr denn je gefordert, Sicherheit in den Innenstädten zu gewährleisten, heißt es in einer aktuellen Mitteilung des Bundesverbands der Juweliere, Schmuck- und Uhrenfachgeschäfte (BVJ). Nach Angaben von Geschäftsführer Joachim Dünkelmann müsse „verhindert werden, dass deutsche Einkaufsstraßen zum Selbstbedienungsladen für organisierte Kriminalität und gewalttätige Räuberbanden werden“. Der BVJ vertritt die Interessen von über 9000 Einzelhandelsunternehmen.

„Bedrohung ist real und akut“

In den vergangenen Wochen seien bundesweit vermehrt Geschäfte mit Uhren und Schmuck während der Öffnungszeiten überfallen und dabei Mitarbeiter und auch Kunden verletzt worden, stellt der Verband fest. Allein in Osnabrück hat es zwischen Juli und September 2015 vier Juweliere erwischt. Die steigende Zahl der gemeldeten bewaffneten Überfälle bezeichnet der BVJ als „höchst besorgniserregend“.

„Es geht hier nicht um Sachwerte, sondern den Schutz von Leib und Leben“, sagt Dünkelmann. „Die Bedrohung ist real und akut. Wenn unbescholtene Bürger nach einem Überfall im Krankenhaus landen, kann an der Dringlichkeit der Lage kein Zweifel bestehen. Von den psychischen Spätfolgen für die Betroffenen ganz zu schweigen.“ (Weiterlesen: Wie der Osnabrücker Juwelier Dirk Kolkmeyer die Raubüberfälle verkraftet)

Unzulässige Beweismittel

Investitionsbedarf sehe der BVJ nicht nur bei der personellen und technischen Ausstattung der Polizei. Die Verfolgung der laut Ermittlungsberichten oftmals osteuropäischen und südosteuropäischen Tätergruppen erfordere grenzübergreifende Handlungsfähigkeit der Behörden, heißt es weiter.

Eine Förderung und Unterstützung der Präventionsmaßnahmen des Handels sei ebenso dringend erforderlich wie die Beseitigung bürokratischer Hürden. „Die Juweliere haben massiv in Sicherheits- und auch Überwachungstechnik investiert. Es kann aber nicht sein, dass wir Beweismittel wie Bild- und Filmaufzeichnungen aus Datenschutzgründen nicht verwenden können“, stellt der Verbandsgeschäftsführer fest. Wenn Täterbilder von Überwachungskameras der Juweliere in der Branche nicht als Warnhinweise an Kollegen verbreitet werden dürften, sei das „absurd“.

Datenschutz gleich Täterschutz?

Dringlich seien auch Änderungen in Bezug auf Aufbewahrungsfristen. „Die gültigen Datenschutzregeln behindern die Strafverfolgung. Stand heute müssen Aufzeichnungen von Sicherheitskameras schon nach kurzer Zeit gelöscht werden“, bemängelt Joachim Dünkelmann. „Aufnahmen der Tatvorbereitung und vom Ausspähen der Geschäfte gehen so unwiderruflich verloren. Wenn Datenschutz zum Täterschutz wird, muss das Gesetz korrigiert werden.“ Ähnlich hatte sich bereits der Osnabrücker BVJ-Vizepräsident Hans Heinrich Kolkmeyer nach dem Überfall auf sein eigenes Geschäft geäußert. (Weiterlesen: Warum Juwelier Kolkmeyer den Überfall kommen sah)

Martin Winckel, Betreiber des Internationalen Juwelier-Warndienstes in Lünen und nach eigenen Angaben selbst Juwelier in fünfter Generation, erinnert darüber hinaus an die gesetzliche Fürsorgepflicht der Einzelhändler. „Geschäftsinhaber sind für die Sicherheit des Personals und der Kunden verantwortlich“, erklärt er im Gespräch mit unserer Redaktion. Ausschlaggebend für das nötige Maß an Schutzvorkehrungen sei die „individuelle Gefährdung“. Das höchste Risiko, Opfer eines Überfalls zu werden, trügen gegenwärtig Juweliere mit hochwertigen Markenuhren. (Weiterlesen: Überfälle auf Juweliere: Leichte Beute in Osnabrück?)

„Täter suchen leichte Ziele“

Ihnen empfiehlt Winckel nicht nur den Einbau von Schaufenstern und Vitrinen aus schlag- und bruchfestem Glas sowie die Verwendung von Zeitschlössern, sondern vor allem die Sicherung des Eingangs mittels Schleuse. Anders als von vielen Juwelieren – auch in Osnabrück – befürchtet, stelle diese weder eine „Hemmschwelle“ für Kunden noch eine Gefahr im Brandfall dar. Auch eine Geiselnahme habe es deswegen noch nie gegeben.

Täter würden sich immer ein leichtes Ziel aussuchen, so der Warndienst-Macher. „Leicht bedeutet in diesem Fall, schnell an die begehrten Waren zu gelangen, das Objekt schnell wieder zu verlassen und keine Gegenwehr zu erwarten.“ Winckel glaubt, dass es sich bei den jüngsten Vorkommnissen in Osnabrück um organisierte Kriminalität aus Litauen handelt. Seinen Daten zufolge würden hierzulande sowie in Österreich und der Schweiz fast alle Diebstähle, Einbrüche und Überfälle auf Juweliere von reisenden Tätern aus Osteuropa oder Südosteuropa begangen. (Weiterlesen: Nach Überfall auf Osnabrücker Juwelier – Hinweisschild „verwundert“ Polizei)


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