zuletzt aktualisiert vor

Organisierte Kriminalität Überfälle auf Juweliere: Leichte Beute in Osnabrück?

Von Sebastian Stricker

Rolex und andere hochwertige Markenuhren gehören zur bevorzugten Beute von Räubern. Das hätten auch die Überfälle auf Juweliere in Osnabrück gezeigt, sagt Martin Winckel vom Internationalen Juwelier-Warndienst. Foto: Jörn MartensRolex und andere hochwertige Markenuhren gehören zur bevorzugten Beute von Räubern. Das hätten auch die Überfälle auf Juweliere in Osnabrück gezeigt, sagt Martin Winckel vom Internationalen Juwelier-Warndienst. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Vier Raubüberfälle auf Juweliere in Osnabrück binnen elf Wochen: Das ist kein Zufall, sagt Martin Winckel vom Internationalen Juwelier-Warndienst. Den Tätern werde es hier zu leicht gemacht. Osnabrücker Juweliere weisen diesen Vorwurf zurück.

Am 9. Juli 2015 nahm die mysteriöse Serie mit dem Überfall auf das Geschäft 123-Gold am Domhof ihren Lauf. Am 29. Juli erwischte es Kolkmeyers „Haus der Weltzeituhren“ an der Georgstraße, am 1. September Juwelier Thünemann am Markt. Und schließlich am 28. September das Uhren- und Schmuckgeschäft „Heinrich Kolkmeyer“ an der Großen Straße. In fast allen Fällen hatten es die Räuber auf teure Uhren abgesehen, und immer war ihr Vorgehen brutal. Für Martin Winckel deutliche Hinweise darauf, dass es sich um organisierte Kriminalität handelt – mit Ursprung in Osteuropa. (Weiterlesen: Warum Juwelier Kolkmeyer den Überfall kommen sah)

Nationalität kein Tabu

„Wir haben kaum noch einheimische Täter“, sagt der Gründer des Internationalen Juwelier-Warndienstes mit Sitz in Lünen. „Die gesamte Branche wird europaweit von Tätern aus Osteuropa und Südosteuropa heimgesucht.“ Während etwa Rumänen für „Trickdiebstähle am laufenden Band“ verantwortlich zeichneten, seien es bei den Überfällen vor allem Litauer, erklärt Winckel – und schiebt hinterher, wissend dass seine Festlegung auf bestimmte Nationalitäten in der Verbrechensfrage polarisiert: „Aber das will in der Öffentlichkeit ja keiner hören.“

In der Tat gibt es für seine Behauptung, dass auch die jüngsten Überfälle auf Juweliere in Osnabrück auf das Konto von Litauern gingen, keine offizielle Bestätigung. Bei der Polizei Osnabrück heißt es lediglich, die beiden Ende September gefassten Täter stammten aus Osteuropa. Konkreter wollen die Sprecher auch auf wiederholte Nachfrage nicht werden. Martin Winckel glaubt aber, es genauer zu wissen. Dabei beruft er sich auf „Recherchen und Quellen“, die in höheren Ermittlerkreisen und weltweiten Netzwerken zu suchen seien. „Ich arbeite mit Interpol und Europol zusammen“, erklärt der Unternehmensberater im Gespräch mit unserer Redaktion. (Weiterlesen: Nach Überfall auf Osnabrücker Juwelier – Hinweisschild „verwundert“ Polizei)

Umfassendes Lagebild

Mit seinem 1970 gegründeten Juwelier-Warndienst hat er sich auf die Auswertung von Überfällen in dieser Branche spezialisiert. Dazu listet Martin Winckel auf seiner teilweise kostenpflichtigen Internetseite tagesaktuell alle Straftaten im Schmuck- und Uhrenhandel auf, von denen er Kenntnis erlangt: Raub, Einbruch, Diebstahl, Betrug. So liefert er ein umfassendes Lagebild für Deutschland, Österreich und die Schweiz.

Winckel führt Statistiken, schildert im Detail, wie die einzelnen Taten ablaufen, gibt Personenbeschreibungen und fügt Bilder bei, wann immer es geht. Warum? „Es geht um Prävention – also darum, zukünftige Opfer zu warnen und zu schützen.“ Einzelheiten seien eine wichtige Voraussetzung, um Täter wiederzuerkennen – idealerweise, bevor sie erneut zuschlagen. (Weiterlesen: Wie Juwelier Dirk Kolkmeyer die Raubüberfälle verkraftet)

Luxusuhren bevorzugt

Was Martin Winckel festgestellt hat: Auf Luxusuhren der Marken Rolex und Breitling haben es die Räuber besonders abgesehen. Offenbar ließen sich diese auf dem Hehlermarkt leicht zu viel Geld machen. Dazu handelten die Täter üblicherweise im Auftrag. „Die meisten Straftaten sind bestellt“, sagt der Warndienst-Experte. Wer die Kriminalität auf diesem Gebiet bekämpfen wolle, müsse deshalb „die Hintermänner ausrotten“. Aber die säßen nun einmal nicht hier, sondern weit weg im Baltikum. „Da kommt man nicht ran.“ So sei die schnelle Verhaftung nach dem letzten Überfall in Osnabrück nur auf den ersten Blick ein Erfolg für die Polizei.

„Vor Ort arbeiten diese Gruppen mit sogenannten Residenten, die zum Beispiel die Tatorte und Fluchtwege auskundschaften“, erklärt Winckel. Im Internet-Zeitalter, wo Uhrenhersteller ausdrücklich auf Verkaufsstellen hinweisen, Juweliere ihre Auslagen mit bunten Bildern anpreisen und Online-Kartendienste fotorealistische Darstellungen von Straßen und Orten liefern, sei das ganz einfach geworden. „Sie können einen Überfall am Computer planen.“ Die Täter selbst würden dann in der Regel nur für den Raubzug einreisen und seien unmittelbar nach Übergabe oder Verstecken der Beute wieder über alle Berge – sofern sie nicht sofort gefasst würden.

Täter immer brutaler

Und noch etwas ist Martin Winckel aufgefallen: „Die Brutalität hat seit Öffnung der innereuropäischen Grenzen ganz extrem zugenommen.“ Mit Äxten in einen Laden zu stürmen und Menschen sofort mit Pfefferspray anzugreifen, wie zuletzt immer wieder in Osnabrück geschehen, habe es früher nicht gegeben. „Es ist furchtbar, was abgeht.“ Und warum ist ausgerechnet Osnabrück so stark ins Visier von organisierten Kriminellen geraten? „Weil es dort so leicht ist, Beute zu machen“, sagt Winckel. Kaum ein Juwelier würde sein Geschäft angemessen vor Überfällen schützen. „Dabei ist es laut Versicherern die am meisten gefährdete Branche: sehr hohe Werte auf sehr engem Raum.“

Schleusen für mehr Sicherheit?

Den meisten Uhren- und Schmuckhändlern fehle das Kapital, sich ihrem Risiko entsprechend zu wappnen. Eine Ein- und Ausgangsschleuse zur Gesichtskontrolle etwa koste einige Zehntausend Euro, biete aber zusammen mit Vitrinen aus Sicherheitsglas den wirksamsten Schutz. Martin Winckel: „Sie können einen Raub nur verhindern, wenn sie für die Täter den Faktor Zeit unkalkulierbar machen.“ Und noch etwas hätte seiner Meinung nach abschreckende Wirkung: die unmittelbare öffentliche Fahndung mit Fotos – was bislang durch strengen Datenschutz nahezu verunmöglicht werde. „Das würde es bringen“, ist der Warndienst-Macher überzeugt. „Dann wäre die Stadt bei den Tätern sofort unten durch.“

Kolkmeyer weist Mutmaßungen zurück

Juwelier Dirk Kolkmeyer, dessen Geschäft an der Georgstraße im Juli überfallen wurde, weist die Mutmaßungen Winckels zurück, in Osnabrück werde es den Tätern leicht gemacht. Die Sicherung mit Schleuse und Einlasskontrolle sei für Geschäfte im hohen Preissegment vielleicht sinnvoll, nicht aber für die Mehrheit der Juweliere, die wie er ein breites Angebot vom Trendartikel bis zu teurem Schmuck im Angebot habe. Die Schleuse wäre eine zu hohe Hemmschwelle für viele Kunden. Kolkmeyer befürchtet, dass Schleusen in kritischen Situationen sogar zu einem Sicherheitsrisiko werden: „Wenn ein Räuber nicht weg kann, was macht er dann? Er nimmt sich eine Geisel.“ Auch im Brandfall könnten die Schleusen zu einer gefährlichen Falle werden.

Den Juwelier-Warndienst hält Kolkmeyer „im Prinzip für eine nützliche Sache“. Dass Winckel die Nationalität der mutmaßlichen Täter thematisiere, sei „zumindest grenzwertig“. Es sei nicht auszuschließen, dass die Hintermänner Deutsche seien.


0 Kommentare