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Tränen im Osnabrücker Arbeitsgericht Chefarzt-Rausschmiss macht Patienten wütend

Blick von außen in den überfüllten Saal des Arbeitsgerichts Osnabrück durch das Kameraauge von os1.tv. Foto: hinBlick von außen in den überfüllten Saal des Arbeitsgerichts Osnabrück durch das Kameraauge von os1.tv. Foto: hin

Osnabrück. Der fristlos entlassene Chefarzt der Onkologie und das Klinikum Osnabrück haben sich im Gütetermin vor dem Arbeitsgericht nicht einigen können. Frühere Patienten empörten sich im Gerichtssaal: „An uns denkt offenbar keiner.“

Saal 1 des Arbeitsgerichts Osnabrück kann am Freitagvormittag nicht alle Besucher aufnehmen, die das erste öffentliche Aufeinandertreffen des Chefarztes und der Klinikum-Geschäftsführung nach der fristlosen Kündigung im August erleben wollen. Unter den etwa zwei Dutzend Zuhörern sind Patienten des Krebsmediziners, die auf dessen baldige Rückkehr in den Dienst hoffen. Als Arbeitsrichter Martin Holzmann den Gütertermin für beendet erklärt und einen Verhandlungstermin in der Sache auf den 27. Januar 2016 festlegt, bricht die Empörung aus einem Zuhörer heraus: „An uns denkt offenbar niemand“, ruft Hans-Richard Siese unter Tränen in den Saal, „uns wurde der Arzt entrissen, auf den wir unsere Hoffnung setzen.“

Beide Geschäftsführer des Klinikums, Frans Blok und Alexander Lottis, sind zur Güteverhandlung erschienen. Zu den Kündigungsgründen wollen sie in diesem Stadium des Verfahrens nichts sagen. Auch der Arbeitsrichter enttäuscht zu Beginn alle, die mehr über die Hintergründe erfahren wollen: „Die Vorwürfe kann und will ich heute nicht vertiefen“, sagt Holzmann. Zu erörtern seien allenfalls die formalen Bedingungen der insgesamt drei Kündigungen. Fraglich ist zum Beispiel, ob der Betriebsrat formgerecht angehört worden ist. Das Klinikum muss bis Mitte November schriftlich die Kündigungsgründe darlegen und nachweisen, dass die formellen Kriterien eingehalten wurden. Der entlassene Chefarzt weist alle Vorwürfe zurück, will sich aber nicht öffentlich äußern.

Die Klinikum-Geschäftsführung hatte den Chefarzt der Onkologie im August fristlos gefeuert. Sie wirft dem renommierten Krebsmediziner Betrug vor. Er soll Behandlungen von Privatpatienten zum Nachteil der Patienten, Kostenträger und des Arbeitgebers abgerechnet haben. Außerdem wirft ihm die Klinikleitung „geschäftsschädigende und herabwürdigende Äußerungen“ vor, wie es in der Pressemitteilung des Arbeitsgerichts heißt. Betriebsrat und Aufsichtsrat hatten der Kündigung zugestimmt.

Patienten und deren Angehörige lassen auf den Chefarzt nichts kommen. Er sei „immer einsatzbereit und ansprechbar“ für die Patienten gewesen, sagt Hans-Richard Siese. „Er ist unser Lebensretter“, ergänzt Anne Schumacher, für viele Kranke sei der Mann „der Strohhalm“ im Kampf gegen den tödlichen Krebs. Und Johanna Giersch macht sich große Sorgen, seit der Mediziner nicht mehr zur Verfügung steht: „Wir schlafen alle schlecht“.

Im Fadenkreuz der Kritik steht die Klinik-Geschäftsführung. Der Chefarzt sei als unbequemer Geist und Kritiker bekannt gewesen. Einer der Unterstützer ist überzeugt, dass dem Chefarzt übel mitgespielt werde: „Die haben etwas gesucht, um ihn loszuwerden.“


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