Unternehmen aus Osnabrück Die Bäckerei schweißt Familie Grave zusammen

Von Johannes Zenker

Präsentieren einige Leckereien aus ihrer Bäckerei (von links): Annette Grevemeyer, Kerstin Siegel sowie Günter, Erna, Renate und Andreas Grave. Foto: David EbenerPräsentieren einige Leckereien aus ihrer Bäckerei (von links): Annette Grevemeyer, Kerstin Siegel sowie Günter, Erna, Renate und Andreas Grave. Foto: David Ebener

Osnabrück. Seit 57 Jahren besteht die Bäckerei Grave in Osnabrück. Eine lange Zeit, in der nicht nur das Unternehmen, sondern auch der Zusammenhalt in der Familie gewachsen ist.

Die Tische sind benetzt von Mehl, die Öfen surren, und der Duft von frischen Backwaren schwirrt durch die Luft: In der Backstube der Bäckerei Grave an der Eduard-Perstel-Straße in Sutthausen herrscht Hochbetrieb, denn die 17 Filialen in Osnabrück und Umgebung warten auf die morgendliche Lieferung. „Wir backen zu 100 Prozent selbst und verwenden beim Brotbacken keinerlei Zusatzstoffe“, sagt Inhaber Andreas Grave stolz. Zudem werde das Brot im Werk fertiggebacken und nicht erst in der Filiale, wie es bei manchen Konkurrenten geschehe. „In den Filialen stehen in der Regel Umluftöfen. Brot schmeckt aber am besten, wenn es auf Steinplatten gebacken wird“, betont der Bäckermeister.

Gründung 1948

1948 haben seine Großeltern Walter und Erna Grave die Bäckerei im Schinkel an der Bremer Straße gegründet. Das Geschäft hat auch das Familienleben von Beginn an geprägt: So war es für die Kinder Günter und Annette selbstverständlich, morgens vor der Schule im Betrieb zu helfen. Als in den Siebzigern der Samstagsunterricht reduziert wurde, nutzten die Eltern sofort die Gelegenheit, um ihre Sprösslinge auch sonnabends in der Bäckerei einzusetzen. „Da wäre mir die Schule manchmal beinahe lieber gewesen“, erzählt Annette und lacht.

1973 übernimmt die zweite Generation

Als der Gründer 1973 starb, übernahm Sohn Günter, seines Zeichens Bäcker- und Konditormeister, mit 26 Jahren das Geschäft und eröffnete nach und nach neue Filialen in der Region. „Man ist da einfach hineingewachsen. Einen anderen Beruf zu ergreifen, stand gar nicht zur Debatte“, sagt Günter. Einen anderen Berufswunsch habe er aber auch nie gehegt. Wie schon Erna half auch Günters Frau Renate als Verkäuferin in der Bäckerei. Und Schwester Annette kümmert sich noch heute ums Personal.

Seit 2013 leitet dritte Generation

Seit Anfang 2013 leitet die dritte Generation in Person von Andreas Grave die Geschicke des Unternehmens. Auch er sei keineswegs dazu gezwungen worden, diese Karriere einzuschlagen; vielmehr sei es Ehrensache, die Geschichte der Firma fortzuführen. Trotz der Übergabe konnte sich Vater Günter noch nicht völlig von der Firma trennen: Als Fahrer beliefert er weiterhin die Filialen. „Er mischt sich aber nicht ein, sondern lässt mir freie Hand“, stellt Andreas Grave klar.

Handwerk ist gleich geblieben

Die Arbeit, vor allem das Handwerk, habe sich in den vergangenen vierzig Jahren kaum verändert, wie Vater und Sohn erklären. Nur die Büroarbeit habe zugenommen. „30 Prozent meiner Arbeitszeit verbringe ich am Schreibtisch. In den restlichen Stunden stehe ich ganz traditionell in der Backstube“, rechnet Andreas vor. Früher habe man es mit Dokumentationspflichten und gesetzlichen Aufgaben dagegen nicht so eng gesehen, meint Günter.

Konsolidierung heute wichtig

Ging es mit dem Geschäft unter dem Vater stetig bergauf, steht für seinen Sohn heute eher die Konsolidierung auf der Agenda. Das liegt allerdings nicht am fehlenden Unternehmergeist, sondern an den veränderten Gegebenheiten. „Die Konkurrenz durch Supermärkte und Discounter macht uns schon zu schaffen“, räumt Andreas ein. Dennoch ist ihm um die Zukunft seiner Firma nicht bange: „Wir sind ein gesundes Unternehmen und werden unseren Platz behaupten.“ Nur wer eines Tages seine Nachfolge antreten wird, steht noch in den Sternen. Zwar hat er selbst zwei Söhne im Teenageralter – so richtig begeistern konnte sich fürs Bäckerhandwerk aber noch keiner. „Den jungen Leuten geht es heute nicht mehr in erster Linie um einen sicheren, guten Job. Die Arbeitszeiten zum Beispiel schrecken viele ab“, sagt er.

Vorteile und Nachteile eines Familienbetriebs

Ein Vorteil daran, einen Familienbetrieb zu führen, seien die kurzen Wege, wie Andreas erklärt: „Wir können schnell auf Entwicklungen reagieren und Entscheidungen treffen.“ Ein Nachteil sei vielleicht, dass Geschäftliches und Privates schwer voneinander zu trennen seien. „Es gibt keinen klaren Feierabend, weil Gespräche über die Firma beim Abendbrot fortgeführt werden“, sagt Günter, wenngleich nicht alle Familienmitglieder diesen Umstand als negativ empfinden. Wenn die Frauen ihren Männern in den ersten beiden Generationen auch immer unter die Arme gegriffen haben, schätzt es Andreas, dass seine Frau nicht im Geschäft arbeitet: „So hat sie einen sehr guten Blick von außen und sieht manchmal Dinge, die ich nicht sehe“, schildert der Inhaber.

Aufstehen um 4 Uhr

Heute wie damals nehmen vor allem die besonderen Arbeitszeiten Einfluss auf das Familienleben: So steht Andreas zumeist zwischen 4 und 11 Uhr morgens in der Backstube und beliefert die Filialen. Gegen 11.30 Uhr steht das Mittagessen auf dem Tisch, bevor in der Regel für zwei, drei Stunden Mittagsschlaf gehalten wird. Am Abend schaut der Bäckermeister, welche Bestellungen eingegangen sind, und kalkuliert den Bedarf für den folgenden Tag, ehe es gegen 21 Uhr ins Bett geht.

„Nach der Schule mussten wir früher immer auf Zehenspitzen durch die Wohnung gehen, um die Eltern nicht zu wecken“, erinnert sich Andreas‘ Schwester Kerstin, die Konditormeisterin ist und heute als Berufsschullehrerin den Nachwuchs ausbildet. Sie erklärt auch, was so schön ist am Handwerksberuf: „Man schafft etwas mit den Händen und hat hinterher ein Ergebnis vor Augen.“

Großer Zusammenhalt

Dass die Bäckerei die Familie über die Jahrzehnte zusammengeschweißt hat, steht für alle außer Frage: So wohnen rund um das frühere Hauptgeschäft an der Bremer Straße in einem Radius von 300 Metern vier Parteien der Graves. Und die 91-jährige Erna kocht noch heute fast jeden Mittag für die ganze Familie. Auch treffen sich die Verwandten an fast jedem Samstag zum gemeinsamen Frühstück. Und sie besteuern: Selbstverständlich stehen immer nur Brötchen von Grave auf dem Tisch.


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