„Ich will Aufmerksamkeit erregen“ Osnabrücker bloggt aus dem Flüchtlingslager in Calais

Von Benjamin Beutler


Osnabrück. Hammed Khamis reist regelmäßig in den „Dschungel“ von Calais, seine Ambition: Er will auf die Situation vor Ort aufmerksam machen. Etwa 5000 Flüchtlinge leben in der französischen Küstenstadt in einem autonomen Lager und hoffen auf ihre Chance illegal nach Großbritannien zu kommen. Seine Eindrücke schildert Khamis in einem Blog. Wir haben ihn interviewt.

Der „Dschungel“ in den Dünen von Calais, ist eine von Flüchtlingen errichtete Siedlung. Tausende leben dort unter widrigsten Umständen und warten auf eine Chance nach Großbritannien zu kommen. Wie kommt man auf die Idee, dorthin zu fahren?

Ich arbeite seit einem Jahr ehrenamtlich in einer Flüchtlingsunterkunft in Berlin Moabit. Ich übersetze, leiste den Menschen dort Gesellschaft und beschäftige mich mit ihnen. Dabei ist mir bewusst geworden, dass ich allein durch meine Gegenwart den Menschen etwas gebe. Das hat mich dazu angetrieben, mehr zu machen und als ich durch Zufall einen Artikel über den Dschungel in Calais las, stand für mich fest - da will ich hin. Ich fand das aufregend. Ich wollte etwas finden, das noch nicht gezeigt wurde, worüber noch nicht gesprochen wurde. Mein Ziel ist Aufmerksamkeit für die Menschen, die sich in so einer Lebenssituation befinden. (Hier geht es zum Blog von Hammed Khamis)

Wie wurdest du dort empfangen?

Ich bin zwar Deutscher, doch durch die Herkunft meiner Eltern (Anm. d. Redaktion: Libanon), sehe ich orientalisch aus. Am Anfang hielten mich die Dschungelbewohner, aber auch die Menschen in Calais und die Polizei für einen Flüchtling. Das war Fluch und Segen zugleich. Bei den Flüchtlingen habe ich mit meinen arabischen und türkischen Sprachkenntnissen schnell Vertrauen gewonnen, während die Polizei mich zurückgewiesen hat, bis ich meinen deutschen Pass gezeigt habe. Im Lager habe ich Zugang zu vielen Menschen und Einrichtungen, der anderen Journalisten verwehrt wird.

„Es gibt eine Kirche, eine Moschee, Restaurants, ein Fitnessstudio“

Wie kann man sich den Dschungel von Calais vorstellen?

Freunde von mir, die nur die Fotos von dort gesehen haben, dachten, ich wäre in Afrika. In meinen Augen wirkt es wie ein Slum, in dem verschiedene Nationalitäten leben: Afghanen, Sudanesen, Eritreer, Äthiopier, Pakistaner und ein kleiner Anteil von Syrern und Irakern. Das hat nichts mit Europa zu tun. Es ist wild dort, es gibt keine Gesetze, jeder kann tun, was er möchte. Ich habe mich dort mit vielen Menschen unterhalten und gespürt, dass sie die Gespräche mit mir als Deutschen oder Europäer wertschätzen. Ich bin gerne dort, obwohl es emotional ist bis unter die Zähne.

Wie ist die Versorgung? Gibt es Strom und Wasser?

Der Dschungel besteht aus zwei Teilen: es gibt eine ehemalige Jugendherberge mit Platz für 200 bis 300 Menschen. In dem Gebäude sind Schlafplätze für Frauen und Kinder, die Essensausgabe findet dort statt, es gibt Duschen und Toiletten und Stromanschlüsse, um zum Beispiel Handys aufzuladen. Die Wartezeit beträgt allerdings zwei bis drei Stunden. Zu diesem Teil des Lagers haben nur Flüchtlinge Zutritt. Alternativ gibt es im zweiten offenen Teil des Camps Wasserstellen und Dixiklos, die von Ehrenamtlichen aufgebaut wurden. Dieser Teil gleicht einer Zeltstadt, in der die Nationalitäten eigene Viertel haben. Die Afghanen leben zusammen, die Sudanesen, die Äthiopier und so weiter. Es gibt dort provisorische Restaurants und Imbisse, eine Kirche, eine Moschee, einen Billardraum, ein Fitnessstudio und eine Schule - das haben die Bewohner mit einfachsten Mitteln alles selbst aufgebaut.

Wie funktioniert das Miteinander im Camp, gibt es so etwas wie eine Hierarchie?

Die Afghanen sind sehr fleißig und geschäftstüchtig. Die betreiben das Restaurant und 24-Stunden-Kioske. Finanziell sind sie am besten aufgestellt, wenn man das überhaupt so sagen kann. Aber die Afghanen sind schon sehr gut organisiert. Den größten Anteil der Dschungel-Bewohner stellen die Sudanesen, gleichzeitig verfügen sie über den geringsten Besitz. Das Miteinander ist insgesamt friedlich. Man hilft sich untereinander.

Wie würdest du die Menschen, die dort leben beschreiben?

Größer als wir - ich glaube, es sind bessere Menschen, als wir es sind. Ich habe einen Mann gesehen, der in dem Dreck neben seinem Zelt einen Gebetsteppich ausrollt, auf die Knie geht, seine Hände in den Himmel hebt und anfängt sein Gebet zu sprechen. Ich war erstaunt über die Stärke dieses Mannes, der trotz seiner aussichtslosen Lage am Glauben festhält - das hat mich sehr beeindruckt. Ebenso wie die Gastfreundschaft. Eine Gruppe von Irakern hat mich zum Essen eingeladen- obwohl diese Menschen nichts haben und unter niedrigsten Verhältnissen leben, bestehen sie darauf, dass du die Einladung annimmst, eine Gegenleistung oder Geld lehnen sie vehement ab.

„Mich kostet die Fahrt 14 Euro, Flüchtlinge bezahlen mit Leben.“

Welche Einzelschicksale haben dich am meisten berührt?

Ich möchte mich da nicht auf eins festlegen. Es gibt nicht die schönste Frau oder den schnellsten Mann. Aber um ein Beispiel zu nennen, das mich sehr schockiert hat: Eine Frau ist beim Versuch nach England zu kommen, vom Zug gefallen und brach sich dabei ein Bein. Sie kann sich nur noch hinkend im Lager bewegen. Ihr Mann hat es nach England geschafft. Die Frau wurde während ihrer Genesung im Lager vergewaltigt und war anschließend schwanger. Als ihr Mann davon erfuhr, setzte er einen Mann auf sie an, der sie umbringen sollte. Als der Täter sie mit einem Messer töten wollte, konnten andere Flüchtlinge sie gerade noch retten. Das ist eine Geschichte von vielen.

In deinem Blog schreibst du, dass du am Eurotunnel warst, wo die Flüchtlinge versuchen, auf den fahrenden Zug aufzuspringen. Wie kann man sich das Gebiet vorstellen?

Das ist ein riesiges Areal. Die Flüchtlinge brauchen vom Dschungel bis dorthin zwei bis drei Stunden zu Fuß. Vor Ort erwarten sie Polizeistaffeln, Hunde und mehrere Zäune, der letzte Zaun steht laut den Erzählungen der Flüchtlinge unter Strom. Wenn es einer schafft, diese Hürden zu überwinden, besteht die nächste Herausforderung darin, auf den fahrenden Zug aufzuspringen. An der Tunneleinfahrt liegt die Geschwindigkeit bei etwa 40 km/h. Selbst, wenn man es auf den Zug schafft, ohne von der Polizei geschnappt zu werden, muss man sich als blinder Passagier auf einer Strecke von 50 Kilometern irgendwo am Zug festhalten - dann ist man am Ziel. Mich würde diese Fahrt 14 Euro kosten, seit Anfang Juni haben mindestens zwölf Menschen mit ihrem Leben bezahlt. (Kommentar: Flüchtlinge am Eurotunnel: Menschenunwürdige Szenen)

Welche Erfahrungen hast du mit der Polizei gemacht?

Ich bin selbst drei mal mit der Polizei in Konflikt geraten. Als ich mir den Bereich am Eurotunnel angeschaut habe, bekam ich einen Platzverweis. Beim zweiten Mal war ich mit einem Holländer und einem türkischen Journalisten auf einer Hauptstraße unterwegs, auf der Flüchtlinge sich nicht aufhalten dürfen. Die Straße ist gesäumt von unzähligen Zäunen. Ich habe den Eindruck, in Calais gibt es mehr Zäune als Menschen. Als wir da lang liefen und Fotos machten, hielten uns Polizisten an und setzten uns zwei Stunden fest. Das dritte Mal geriet ich auf einer Autobahn, die genau am Camp entlang führt, mit einem Polizisten aneinander. Bei Stau alarmiert ein Flüchtling die anderen im Lager und innerhalb kurzer Zeit rennen Hunderte auf die Fahrbahn und versuchen, sich in den LKWs zu verstecken. Ich habe einigen dabei geholfen, die Frachträume zu öffnen. Bei solchen Vorfällen sind sofort viele Polizisten da, die die Flüchtlinge gewaltsam zurückhalten. Ein Polizist hat mich wohl für einen Flüchtling gehalten und schlug mit einem Schlagstock auf mich ein, obwohl ich mit einer Kamera ausgerüstet war und deutsch mit ihm gesprochen habe.

Wie lange willst du weiterhin nach Calais reisen?

Ich mache das immer von den Finanzen abhängig, weil ich das selber nicht bezahlen kann. Vieles ist mittlerweile von selbst entstanden und ich bekomme regelmäßig Spenden. Ich warte derzeit in Berlin auf meine nächste Abreise. Ein Transporter steht bereit, Kleidung und Essen ebenfalls. Es fehlt nur noch das Geld für den Sprit, dann fahr ich los.

Hast du noch andere Pläne um Flüchtlinge zu unterstützen?

Ich möchte als Nächstes nach Marokko. Derzeit herrschen dort wohl mit die schlimmsten Verhältnisse für Flüchtlinge weltweit. Ich war vor drei Jahren schon einmal da. Das ist ähnlich wie in Calais nur verstreut und ohne Zelte. Dort möchte ich gerne hin, um von vor Ort zu bloggen, als Vorläufer. In zweiter Instanz möchte ich Hilfe leisten, wie in Calais, Spenden sammeln und die dort hinliefern. Anschließend möchte ich mich immer weiter an andere Grenzgebiete herantasten, Ungarn, Griechenland und irgendwann nach Kobane in Syrien.


Hammed Khamis ist 1978 als elftes von 14 Kindern libanesischer Eltern in Osnabrück geboren. Die Familie lebte in der Gastarbeitersiedlung in der Sandgrube im Stadtteil Wüste. Khamis brach das Gymnasium ab und rutschte ins kriminelle Milieu ab. Er beging bandenmäßig Einbrüche, Körperverletzungen und Erpressungen. 2006 gelang ihm der Ausstieg, 2009 veröffentlichte er eine Autobiografie mit dem Titel „Ansichten eines Banditen“.

Khamis lebt mittlerweile in Berlin und engagiert sich für die Integration Jugendlicher mit Migrationshintergrund. Er macht Präventionsarbeit und leitet eine Integrationsschule im Haus der Jugend in Berlin/Wedding.

Seit August bloggt er für das Seinsart Magazin über seine Erlebnisse im Dschungel von Calais. Ein Buch mit den Inhalten ist in Planung.