Auch Stimmen können sich vererben Das Timbre fällt nicht weit vom Stamm

Meine Nachrichten

Um das Thema Osnabrück Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Wie im Chor: Wenn Susanne Pohlmann (links) und ihre Mutter Rosemarie Pohlmann zusammen sind, wird viel gelacht. Foto: David EbenerWie im Chor: Wenn Susanne Pohlmann (links) und ihre Mutter Rosemarie Pohlmann zusammen sind, wird viel gelacht. Foto: David Ebener

Osnabrück. Wenn das Baby rabäht, hört man’s noch nicht. Später schon. Innerhalb eines Clans ähneln sich nicht nur Nasen und Wesen, auch die Stimme liegt manchmal „in der Familie“. Gerade am Telefon grübelt man oft: Wen habe ich jetzt bloß an der Strippe? Die Mutter oder die Tochter, den einen oder den anderen Bruder?

Dabei ist sie doch individuell und scheinbar unverwechselbar: Wer Angela Merkel hört, dem ist sofort klar, dass die Bundeskanzlerin spricht. Und sobald Pippi Langstrumpf aus dem Hörbuch quasselt, weiß jedes Kind, dass der Kleine Onkel und Herr Nilsson nicht weit sind – ganz ohne Krummelus-Pillen.

Trotzdem: Wer bei Familie Pohlmann anruft, kommt ins Grübeln. Wer spricht denn da? Mutter oder Tochter? „Das fing schon an, als ich 13 war“, erinnert sich Susanne Pohlmann. „Stimmt“, ergänzt ihre Mutter Rosemarie. „Deine Freundinnen wollten mir immer gleich alles erzählen, was eigentlich für dich bestimmt war.“ Hat die Teenie-Mutter der 70er-Jahre das ausgenutzt? „Nein, natürlich nicht“, erklärt Rosemarie Pohlmann im Brustton der Überzeugung.

Heute ist Susanne 54, ihre Mutter 78 Jahre alt. „Das mit der ähnlichen Stimme zieht sich durch unser Leben – obwohl wir selbst unsere Stimmen total unterschiedlich finden.“ Bei einem Ferienjob in der Firma, in der auch ihre Mutter beschäftigt war, schallte es Susanne Pohlmann gleich am ersten Tag am Telefon entgegen: „Rosi, schön, dass du wieder da bist.“

Rosi und Susi sind kaum noch zu unterscheiden

Seit Rosi Pohlmann nach 50 Jahren mit dem Rauchen aufgehört hat, ist der Gleichklang sogar noch ausgeprägter. Das Reibeisen hat sich geglättet, Rosi und Susi sind kaum noch zu unterscheiden. Aber immer mit Vor- und Nachnamen melden? Dazu möchte die Bad Iburger Pohlmann-WG dann doch nicht übergehen.

Aber woher kommt diese Ähnlichkeit der Stimme, gerade am Telefon? „Das Telefon schneidet den Grundton und hohe Frequenzen ab“, erklärt Nicola Schälicke von Sonus, Praxis und Studio für Stimme und Sprache in Osnabrück. „Fehlen die individuellen Frequenzen, ist der Klang ähnlich“ – gerade in Familien. Live sei das Ganze dann schon viel klarer.

Ähnlichkeiten sind vorhanden

Aber Ähnlichkeiten sind vorhanden. „Funktional sind erst mal die anatomischen Gegebenheiten entscheidend: die Größe des Kehlkopfs, die Einspannung der Stimm-Muskulatur in ihn, die artikulatorischen und gesamtkörperlichen Bewegungsmöglichkeiten – und die Atmung. Die Anatomie dafür vererbt sich“, sagt Schälicke.

25000 Gene hat der Mensch, übrigens weniger als das Unkraut Ackerschmalwand. Durchschnittlich 50 Prozent genetische Übereinstimmung herrschen dabei zwischen Mutter und Kind oder zwischen Geschwistern, immerhin noch 25 Prozent zwischen Großeltern und Enkeln.

Bei Rosemarie und Susanne Pohlmann passt das: Mutter und Tochter ähneln sich in Gestik, Mimik, Gesichtszügen und Körperbau. „Kommt dann noch meine Tante hinzu, sehen wir aus wie drei Orgelpfeifen“, sagt Susanne Pohlmann.

Übereinstimmungen durch Gewohnheiten

Verstärkt werden die körperlichen Übereinstimmungen durch die Gewohnheiten, das, was man den Eltern als Kind unbewusst abguckt, erklärt Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin Schälicke. Stichwort: Spiegelneuronen. Das sind Nervenzellen im Gehirn von Menschen und Primaten, die beim Betrachten eines Vorgangs das gleiche Aktivitätsmuster zeigen wie bei der Ausführung. Sie sollen die Fähigkeit zur Empathie erzeugen.

Aber das Leben geht weiter. Und der Mensch entwickelt und verändert sich fortlaufend: Dabei hat vieles Einfluss auf die Stimme: Wie gestresst bin ich. Wie bewege ich mich? Nicola Schälicke erklärt das so: „Über neuronale Verschaltungen verändert sich mit der persönlichen Entwicklung die Stimme. Und über die Arbeit an der Stimme kann sich die Persönlichkeit entwickeln.“ Eine Wechselwirkung.

Und ihre Persönlichkeiten seien sowieso völlig unterschiedlich – finden zumindest die beiden. Nur gut, dass das dritte Familienmitglied eine völlig andere, unverwechselbare Stimmlage hat: Hund Püppi.


Unsere redaktionelle Serie „Familie mit allen fünf Sinnen erleben!“ findet vom 12. September bis Mitte Oktober 2015 statt. Auf dem Familienportal finden Sie weitere Artikel, Reportagen, Interviews, Videos und Bildergalerien, die sich mit dem Thema der Woche beschäftigen. Auch die kostenlosen Familienveranstaltungen werden dort aufgelistet.

Sie haben Fragen, Anregungen oder möchten uns Feedback zur Serie geben? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail an familienwochen@noz.de . Wir freuen uns auf Ihre Rückmeldung.

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN