Osnabrück „Lieber sterben als zurückgehen“ – Uni interviewt Flüchtlinge

Wie erleben Geflüchtete aus dem Kosovo die Flucht nach Deutschland? Osnabrücker Studentinnen führten in Bramsche-Hesepe jetzt Interviews. Landesaufnahmebehörde für Flüchtlinge in Bramsche-Hesepe. Foto: Michael GründelWie erleben Geflüchtete aus dem Kosovo die Flucht nach Deutschland? Osnabrücker Studentinnen führten in Bramsche-Hesepe jetzt Interviews. Landesaufnahmebehörde für Flüchtlinge in Bramsche-Hesepe. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Wie erleben Geflüchtete aus dem Kosovo die Flucht und ihr Asylverfahren in Deutschland? Die Studentinnen Verena Biskup, Gesa Duden, Maria Jaschick, Kathrin Sautter und Lucia Thumm haben zu diesem Thema Interviews mit Geflüchteten geführt.

Die Untersuchung entstand im Rahmen des Seminars „Qualitative Methoden“ im Masterstudiengang „Interkulturelle Psychologie“ der Universität Osnabrück unter Leitung von apl. Prof. Dr. Dr. Josef Rogner. “Unser Ziel war es, den Geflüchteten Raum zu geben, ihre Perspektive auf die Fluchtgründe und das Asylverfahren in Deutschland darzustellen.

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Was hat die Kosovaren zur Flucht bewegt?

Im Mai 2015 wandten sich einige Menschen, die in der Erstaufnahmeeinrichtung in Bramsche-Hesepe lebten, an die flüchtlingspolitische Gruppe No Lager in Osnabrück. Sie berichteten von problematischen Zuständen in der Einrichtung und vor allem von drohenden Massenabschiebungen in den Kosovo. “Daraus ergab sich die Möglichkeit, mit mehreren Bewohnern Interviews zu führen, in denen sie ihre Lebenssituation im Kosovo beschrieben, die sie zur Flucht getrieben hatte, und ihre Lage in Deutschland.“ ( Weiterlesen: Ohne Perspektive - Wie Roma in Belgrad leben )

Die Interviews wurden in der Erstaufnahmeeinrichtung durchgeführt. “Mit der Zustimmung der Interviewten zeichneten wir die Interviews auf Tonband auf und transkribierten anschließend die Aufnahmen“, so die Arbeitsgruppe. Zunächst berichteten die Geflüchteten von den Lebensbedingungen im Kosovo.

Flucht als letzter Ausweg

Die Betroffenen gaben individuell sehr unterschiedliche und vielfältige Gründe an: von Arbeitslosigkeit und Korruption im Kosovo über politische Unterdrückung bis hin zu Auswirkungen des Konflikts zwischen Serben und Albanern, der noch immer andauere. Die Interviewten berichteten auch von Morddrohungen und Gewalt, die ihr Leben in Gefahr brachten. Die Flucht wurde als letzter Ausweg betrachtet.

Die Geflüchteten erzählten, wie sie für die Finanzierung der Flucht allen Besitz aufgeben und ihre Familie zurücklassen mussten. Der Fluchtweg selbst wurde erschwert durch körperliche Belastung sowie Kälte und Krankheit. Nicht alle Menschen überlebten den beschwerlichen Weg. Meist ging die Flucht zu Fuß über Ungarn. Von dort wurden schwere Menschenrechtsverletzungen berichtet. ( Weiterlesen: Immer mehr Fluchtwege werden zur Sackgasse )

Ernüchterung im Lager Bramsche-Hesepe

Nach der risikoreichen Flucht empfanden viele Kosovaren den Aufenthalt im Lager als ernüchternd:Zusammenleben auf engstem Raum, unzureichende medizinische Versorgung, mangelhafte Verpflegung, knappe Sozialleistungen und die Isolation von der Außenwelt. Vor allem jedoch wurde die ‚Unsicherheit und Hoffnungslosigkeit dargestellt, die durch den Asylprozess entstand. Zumeist mündete der Asylprozess in einen Ablehnungsbescheid und die Aufforderung zur sogenannten freiwilligen Ausreise. Auf eine lange und schwere Flucht nach Deutschland und ein zermürbendes Asylverfahren folgte die schnelle Rückreise. ( Weiterlesen: Schnelle Hilfe für Gesundheitsdienst in Hesepe )

Hoher Leidensdruck führt zur Flucht

Insgesamt zeigen viele Interviews, wie stark der Leidensdruck der Flüchtlinge vor ihrer Flucht war. “Besser ich lasse mich hier vom Zug überrollen, als mich vor meinem Vater oder meiner Mutter [im Kosovo] töten zu lassen“, erklärte einer der Flüchtlinge.

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Für die Studierenden zeigt sich aus ihren Interviews vor allem eines: “Wir glauben, dass durch das beschleunigte Asylverfahren schutzbedürftige Menschen aus dem Kosovo keine Zuflucht mehr in Deutschland finden. ( Weiterlesen: Mahnwache vor der Landesaufnahmebehörde in Bramsche )

„Die vorliegende Analyse macht deutlich, welche Faktoren das Erleben der Geflüchteten auf der Flucht und im Asylprozess beeinflussen. Weiterhin wurde ein systematischer Zusammenhang zwischen diesen Faktoren erkennbar. Dieser lässt sich als geschlossener Kreislauf beschreiben, der ausweglos wirkt.“