Vortrag von Tobias Hoffmann Felix-Nussbaum-Haus: Konkrete Kunst bleibt vital

Von Dr. Stefan Lüddemann

Referierte zum Thema Konkrete Kunst: Museumsleiter Tobias Hoffmann. Foto: Egmont SeilerReferierte zum Thema Konkrete Kunst: Museumsleiter Tobias Hoffmann. Foto: Egmont Seiler

Osnabrück. Wo steht Konkrete Kunst heute? Tobias Hoffmann referierte dazu im Osnabrücker Felix-Nussbaum-Haus“ - und verwies auf Friedrich Vordemberge-Gildewart.

Was haben die Häftlinge von Guantanamo ausgerechnet mit der vermeintlich kühlen Konkreten Kunst zu tun? Für Dieter Villinger jede Menge. Sein Werk „Schluss mit Guantanamo“ komponierte er 2008 aus rechteckigen Fotopapierbögen in jenem Orangerot, das als Signalfarbe ihrer Overalls zum Erkennungszeichen der Häftlinge von Guantanamo wurde. Das wandfüllende Bildwerk bietet die strenge Komposition einer in sich geschlossenen Kunst. Gleichzeitig avancierte es zum Appell gegen unmenschliche Haftbedingungen. In seinem Vortrag über Konkrete Kunst am 9. September 2015 im Osnabrücker Felix-Nussbaum-Haus zitierte Tobias Hoffmann „Schluss mit Guantanamo“ als Musterbeispiel für überraschende Entwicklungen eines vermeintlich abgeschlossenen und nur von Experten verstehbaren Feldes der modernen Kunst. (Hier weiterlesen: Warum fasziniert Vordemberge-Gildewart immer noch?) .

Der Referent, bis 2013 Leiter des Museums für Konkrete Kunst in Ingolstadt und inzwischen Direktor des Bröhan-Museums in Berlin, ist in Osnabrück kein Unbekannter. 2007 verfasste er ein Gutachten zur Bedeutung des Osnabrücker Konstruktivisten Friedrich Vordemberge-Gildewart (1899-1962). „Er war einer der spannendtsten konstruktiven Künstler der Zwischenkriegszeit“, lobte Hoffmann den in Osnabrück „VG“ genannten Künstler. Vordemberge-Gildewart habe als Professor für visuelle Kommunikation an der Hochschule in Ulm das „Erscheinungsbild der jungen Bundesrepublik wesentlich mit geprägt“. (Hier weiterlesen: Zehn Fragen und Antworten zur „VG-Initiative“) .

Tobias Hoffmann, übrigens „weder verwandt noch verschwägert“ mit Siegfried Hoffmann, dem Initiator der Osnabrücker „VG-Initiative“, bescheinigte der Konkreten Kunst auch nach ihrer Hochzeit in den vierziger bis sechziger Jahren weiterhin künstlerische Kraft und Bedeutung. Allerdings helfe es nicht weiter, aus den geometrischen Grundformen dieser Kunst ein Dogma zu machen. „Idee und künstlerische Haltung sind das Entscheidende der Konkreten Kunst“, sagte Hoffmann und präsentierte eine Reihe von Beispielen für das Fortwirken dieser Kunstrichtung, die vor allem darauf abgehoben habe, das Kunstwerk nicht mehr als Verweis auf eine außerhalb liegende Wirklichkeit, sondern als „mit sich selbst identisches Objekt“ zu konzipieren. (Hier weiterlesen: Konkrete Kunst heute - „Konkret mehr Raum“ in Osnabrück) .

Tobias Hoffmann zeigte aktuelle Beispiele, die belegen, in welchem Maß aktuelle Künstler Prinzipien der Konkreten Kunst mit Zeitkritik verbinden. So formte Documenta-Künstlerin Mona Hatoum einen glatten Kubus - aus Stacheldraht. Faszinierend auch Beat Zoderers ineinander gefügte, transparente Aktenhüllen. Als Kunstwerk ergeben die farbigen Hüllen eine faszinierende Wirkung. Zugleich formuliert das Werk eine Persiflage auf die Welt der Bürokratie. Tobias Hoffmann abschließend: „Konkrete Kunst ist ein Hilfsbegriff, aber auf keinen Fall ein Label“.