Künstler vermessen die Stadt „Tangency“: Hasestraße wird Kiez und Kunstareal

Von Ralf Döring


Die Hasestraße pendelt zwischen Niedergang und Aufbruch. Alteingesessene Geschäfte ziehen weg, neue kommen. Das macht die Straße auch für die Kunst interessant: „Tangency - Stadtvermessung 2015“ heißt ein Projekt, in dem sich drei Künstler mit der Hasestraße auseinandersetzen.

Man muss nicht einmal besonders aufmerksam sein, um zu sehen, dass die Hasestraße pulsiert . Einige Ladengeschäfte stehen leer, klar, aber in vielen sind Handwerker zu Gange. Im ehemaligen Asia-Shop zum Beispiel werkelt einer an einer Wand; das Gebäude ist komplett entkernt, wo früher in Kühltheken tiefgefrorener Fisch und in Regalen exotische Saucen auf Käufer warteten, stehen jetzt Paletten mit Baustoffen. In einigen Wochen soll hier ein Club entstehen; derzeit plärrt die Musik noch lediglich aus einem Kofferradio.

„Ich bin Yuki“

Hier arbeitet seit einigen Tagen der japanische Künstler Yukihiro Taguchi. „Ich bin Yuki“, sagt er kurz und knapp zur Begrüßung; obwohl de Künstler seit einigen Jahren in Berlin lebt und arbeitet, spürt man, dass er im Deutschen noch nicht ganz zuhause ist. Außerdem ist es noch früh am morgen: „Yukihiro arbeitet bis spät nachts“, sagt Elisabeth Lumme, und wer lang arbeitet, muss lang schlafen. Er hat einen Kaffeebecher und eine Brötchentüte in der Hand. Frühstück.

Die Kuratorin hat zusammen mit Stadtplaner Dirk Manzke das Projekt konzipiert, an dem Taguchis Arbeit ein Drittel ausmacht. „Tangency - Stadtvermessung 2015“ heißt es, und es setzt sich das ambitionierte Ziel, den Stadtraum durch das Medium der Kunst neu zu erleben. Bei der ersten Auflage dieses Formats vor drei Jahren setzten sich sechs Künstler mit dem Rosenplatz auseinander . Drei Künstler haben Lumme und Manzke eingeladen, ihre Sicht auf die Stadt und die Hasestraße darzulegen: Kati Gausmann will den Verlauf der Hase auf die Bürgersteige der Hasestraße übertragen. Cheryl Pope hat für die Perfomancereihe „Was für eine Fest“ in der Kunsthalle Osnabrück Porzellan zerdeppert ; nun holt sie den Sternenhimmel über Osnabrück auf den Boden des Domvorplatzes herunter und baut ihn mit Blattgold nach.

Styropor wird zum Kunststoff

Taguchi aber arbeitet längst: Einen kurzen Stop-Motion-Film kann er schon auf dem Display seiner Kamera abspielen. Darauf zu sehen: Styropor-Tafeln, die er in dem Durchgang auslegt, der den einstigen Asia-Shop von der ehemaligen Parisiana-Bar, dort wo demnächst eine Brasserie öffnet , trennt. Stück für Stück legt er die Platten nach vorne und schichtet sie schließlich, als Finale, auf dem Bürgersteig zu einem Turm. „Mein Material habe ich hier gefunden“, sagt der junge Japaner und deutet in die dunkle Tiefe des Spezialitätenladens. Klar, ohne Styropor keine Dämmung, ohne Styropor keine bruchlose Lieferung filigranen Interieurs und wuchtiger Maschinen. Keine Baustelle ohne Styropor.

Auch an diesem Morgen baut er ein Styroportürmchen, aber auf dem Bürgersteig gegenüber des einstigen Aisa-Shops. Die Passanten müssen um ihn herumgehen, manch einem wird ein gelenkiges Ausweichmanöver abverlangt: Yukihiro Taguchis Kunst greift als kleine Irritation ein ins alltägliche Leben: „Intervention“ nennt man das wohl. Im Gegenzug erweist sich die Umwelt als harter Gegner. Denn der Wind bläst immer wieder Styroporteile weg; das Kunstwerk ist sehr flüchtig, oder wie Lumme sagt, „ephemer“. Aber Taguchi hat sich längst, eine Selbstgedrehte zwischen den Lippen, in seine Arbeit versenkt und sammelt gleichmütig die vom Winde verwehten Platten und Quader wieder auf. Ohnehin ist die Styropor-Installation nur ein Schritt auf dem Weg zum eigentlichen Kunstwerk: Das besteht aus dem Stopmotion-Film. Deswegen steht ein Stativ mit Fotoapparat neben der Installation, deswegen kauert Taguchi immer wieder hinter der Kamera.

Warum die Hasestraße?

Aber warum die Hasestraße? „Ich finde spannend, was hier passiert“, sagt Lumme. Neue Clubs und Cafés, der Schallplattenladen Shock Records, eingeführte Institutionen wie die Bar „Heimlich“ und das Hasetorkino mit der Kinokneipe 8 1/2 schaffen einen Mix, der Kiez-Qualitäten entwickeln kann. Am 5. September präsentiert Tangency seine Ergebnisse: Womöglich stellt sich dann heraus, ob in einer Nische dieses jungen Biotops die Kunst heimisch wird. Sie würde den Mix vielfältiger machen, und in der Regel sind ja vielfältige Biotope widerstandsfähiger als Monokulturen.


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