Hochwasser in der Stadt 2010: Nach Flut schwappt Sperrmüllwelle durch Osnabrück

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Osnabrück. Großreinemachen in den Tagen nach der Jahrhundertflut vom August 2010: Etwa 700 Tonnen Sperrmüll sammeln die städtischen Entsorger ein. Das Parkhaus Vitihof meldet technischen Totalschaden, die Mindener Straße bleibt für mehrere Tage gesperrt.

Zum 1. Januar 2010 hatte der Osnabrücker Service Betrieb (OSB) die Sperrmüllabfuhr gebührenpflichtig gemacht. 29 Euro kostet seither jede Fuhre. Doch angesichts der Sperrmüllflut nach dem großen Regen vom 27. August haben Stadt und OSB ein Einsehen: Hochwasser-Opfer dürfen ihre triefenden Möbelreste kostenlos entsorgen. Der OSB schickt alle verfügbaren Kräfte und Fahrzeuge los, um die Müllhaufen in Hellern, Dodesheide, Voxtrup und in der Wüste abzufahren. Insgesamt entsorgen die Saubermänner in den folgenden Tagen 700 Tonnen Sperrmüll. Das ist ein Fünftel der durchschnittlichen Jahresmenge von rund 3500 Tonnen. Eigenartigerweise kommen Müll-Meldungen auch aus Vierteln, die gar nicht vom Hochwasser betroffen waren. Aber wer will in dem Chaos so kleinlich sein? Der OSB nimmt es hin, dass zahlreiche Trittbrettfahrer die Gratisaktion nutzen, um Keller und Dachboden zu entrümpeln. Ein Drittel der Fuhren, so die Schätzung des OSB später, habe mit dem Hochwasser nichts zu tun gehabt. Die Mehrkosten für den Hochwassereinsatz bezifferten die städtischen Entsorger auf 200000 Euro.

Mindener Straße tagelang unpassierbar

Das Hochwasser zieht sich fast so schnell zurück, wie es gekommen ist. Nur auf der Mindener Straße nicht. Die wichtige Ausfallstraße ist auf Höhe der Eisenbahnunterführung gesperrt, weil das Wasser nicht abfließen kann. Schuld ist der verrohrte Röthebach, der in einen Seitenarm der Hase mündet. Die Feuerwehr baut mit großen Sandsäcken einen Damm in der Hase und ermöglicht es so, dass das Wasser aus dem Röthebach allmählich abfließen kann. Trotzdem dauert es bis zum 2. September, bis der Verkehr wieder rollen kann. Denn die Straße ist stark verschlammt, und Experten müssen vor einer Freigabe prüfen, ob die Fahrbahn unterspült wurde. Der Verdacht bestätigt sich zum Glück nicht.

Übertriebene Hektik im Umspannwerk

Alles halb so schlimm: Das ist die Botschaft aus dem Umspannwerk in Lüstringen in den Tagen danach. In den dramatischen Katastrophenstunden hatte es noch anders geklungen. Das Bett der Hase hatte sich bis ins Umspannwerk ausgedehnt, viele Masten standen mit den Füßen im Wasser. Feuerwehrleute aus Pewsum im Landkreis Aurich gelang es, mit großen Pumpen die Betriebsgebäude vor einer Totalüberschwemmung zu bewahren. Zwischenzeitlich hieß es, wenn der Pegel noch einige Zentimeter weiter steige, könne der Strom in Osnabrück ausfallen. Doch dazu kam es nicht. Und in der Aufarbeitung in den Wochen nach dem Hochwasser gibt die Betreiberfirma Amprion Entwarnung: Das Umspannwerk halte Fluten dieser Größenordnung problemlos aus. Es sei alles nicht so dramatisch gewesen wie zunächst befürchtet. Man habe in den kritischen Stunden nicht wissen können, wie hoch das Wasser noch steige, deshalb das schlimmste Szenario angenommen und alle verfügbaren Kräfte alarmiert. Vor diesem Hintergrund hat Amprion auf weitergehenden Hochwasserschutz in Lüstringen verzichtet.

Riesenschaden im Parkhaus am Vitihof

Es dauert fast eine Woche, bis die Osnabrücker Parkstätten-Betriebsgesellschaft (OPG) absehen kann, wie es um das Parkhaus am Vitihof wirklich steht. Die Flut zerstörte zentrale Teile der Haustechnik. Der Schaden wird auf fast eine Million Euro geschätzt. Fast zwei Wochen bleibt das Parkhaus geschlossen. Die Kanalisation am Vitihof war in der Regennacht übergelaufen. Das Wasser schoss aus den Gullys und ergoss sich ins Untergeschoss des Parkhauses. Bis zu 1,60 Meter hoch stand die braune Brühe in der Tiefgarage, wo sich auch die empfindliche Technik befindet. Die Computer in der einstigen Aufseherkabine, der Heizungsraum mit Notstromaggregat und Öltank, die Geldverarbeitungsmaschinen, Kabelschächte, Stromkästen und Trafostation der Stadtwerke – alles beschädigt. Es dauert zwei Tage, bis die Arztpraxen und Büros in der Vitihof-Garage wieder mit Strom und Telefon versorgt sind. Zwei Autos sind im Kellergeschoss abgesoffen, in den oberen Stockwerken sind 20 Autos zwei Tage eingesperrt, weil die Ausfahrt immer noch kniehoch unter Wasser steht. Das Problem: Das Wasser ist mit Heizöl verunreinigt und muss abgepumpt werden.

Versichert war die OPG gegen Hochwasserschäden nicht. Die städtische Gesellschaft muss aber auch nicht für die Schäden an den Fahrzeugen aufkommen, denn seit die OPG in Hamburg am Fischmarkt ein Parkhaus betreibt, gibt es in den Geschäftsbedingungen einen Haftungsausschuss bei Hochwasser. Dass dieser Fall mal in Osnabrück eintritt, hatte wohl keiner erwartet.

Hase ergieß sich in den Kanal

Das Kanalufer unweit der Hollager Schleuse ist durch das Hochwasser arg ramponiert. Das Wasser der Hase, die sich 200 Meter nördlich der Schleuse nah an den Kanal anschmiegt, hat sich hier in den Kanal ergossen und Teile der Uferbefestigung mitgerissen. Der Treidelweg ist auf hundert Meter unterspült und unpassierbar. Eine Spundwand, die beim Ausbau des Kanals an dieser sensiblen Engstelle eingerammt worden war, verhinderte Schlimmeres. Das Hase-Wasser trat zwar über den Rand, die Wand aber hielt stand. Im März 1981 war der Deich an dieser Stelle gebrochen, die übervolle Hase ergoss sich in den Kanal und brache die Schifffahrt für mehrere Wochen zum Erliegen.

In Belm fließt das Abwasser einige Tage ungeklärt in den Belmer Bach und dann weiter in die Hase. Das Hochwasser hatte die Kläranlage geflutet und die Steuerungstechnik lahmgelegt. Die Klärwerk-Havarie trifft auch die Osnabrücker Papierfabrik Schoeller, die eine ihrer zwei Papiermaschinen kontrolliert herunterfahren muss.

Wer seinen Keller ausgepumpt, seinen Sperrmüll fortgeschafft und die Schlammreste aufgewischt hat, steht vor einem neuen Problem: Es sind in diesen hektischen Tagen keine Handwerker zu bekommen. Vor allem die Heizungsbaubetriebe sind im Dauereinsatz und restlos ausgelastet. Die Kreishandwerkerschaft ruft Kunden, die es nicht eilig haben, dazu auf, mit ihren Aufträgen zwei oder drei Wochen zu warten. Ein Problem sind die zunehmend hochtechnisierten Anlagen, deren Komponenten nicht repariert oder ausgetauscht werden können. Da hilft nur eine komplett neue Heizung.

Hohe Stromrechnung

Manche Hausbesitzer erleben Monate nach dem Hochwasser-Ärger einen neuen Schock – mit der Stromrechnung. Die Trocknungsaggregate lassen den Verbrauch dramatisch steigen, in einzelnen Fällen auf 9700 Kilowattstunden (was fast dem dreifachen Jahresverbrauch einer vierköpfigen Familie entspricht). Glücklich, wer gegen Hochwasserschäden versichert ist. Der kann auch diese Kosten geltend machen.

Chronologie der Hochwasser-Katastrophe in Osnabrück


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