Kann man Schimmel reiten? Migranten-Kinder erlernen Selbstbehauptung

Von Ulrike Schmidt

Schimmel kennen viele Jugendliche nur als ekelige Masse über verdorbenen Lebensmitteln und nicht als weißes Pferd. Foto: dpaSchimmel kennen viele Jugendliche nur als ekelige Masse über verdorbenen Lebensmitteln und nicht als weißes Pferd. Foto: dpa

Osnabrück. Theodor Storms „Schimmelreiter“ ist eine klassische Schullektüre. Seit wann kann man auf Schimmel reiten? Diese Frage stellen sich viele Schülerinnen und Schüler, für die Deutsch die Zweitsprache ist. Die Schüchternen unter ihnen, wagen bei diesen und anderen sprachlichen Missverständnissen keine Nachfragen. Ihnen Selbstvertrauen zu geben, war das Ziel eines Projektes beim Verein zur pädagogischen Arbeit mit Kindern aus Zuwandererfamilien (VPAK).

Der Schimmelreiter sei eines von vielen Beispielen für sprachliche Hürden, erläutert Deike Weckenbrock. Sie ist beim VPAK zuständig für das Projekt „Sieben Plus“. Darin erhalten mehr als 200 Schülerinnen und Schüler ab der siebten Klasse Unterstützung bei den Hausaufgaben, der Vorbereitungen auf Arbeiten, Klausuren und Prüfungen in allen Fächern. Ziel ist ein qualifizierter Schulabschluss für die Teilnehmer aus Familien mit Migrationshintergrund .

Nicht allein beim Schimmelreiter im Fach Deutsch, auch bei Aufgaben in Mathematik und anderen Fächern stoßen Kinder mit anderen Muttersprachen oft auf Probleme, berichtet Weckenbrock. Vor den Schüchternen, Introvertierten und Unsicheren, die nicht zu fragen wagen, bauten sich dadurch hohe Hürden für den weiteren Lernerfolg auf.

Aus diesem Grunde habe der VPAK bei der Aktion Mensch um Finanzierung eines besonderen Projektes gebeten und mit 5000 Euro verwirklichen können.

25 Schülerinnen und 15 Schüler aus dem Projekt „Sieben Plus“ wurden – nach Rücksprache mit den Eltern – seit September in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt. Drei Studenten hätten sich in Kleingruppen intensiv mit den Schülerinnen und Schüler beschäftigt. Zunächst sei es in sensiblen Gesprächen darum gegangen, die eigenen Stärken zu entdecken und Ressourcen als Stärken zu verstehen.

In praktischen Übungen wurden die Stärken dann erprobt. Die Jugendlichen lernten Präsentationstechniken. In Videoanalysen konnten sie ihre Fehler, aber auch ihre Stärken entdecken. Sie diskutierten über sich und die Herkunftsländer ihrer Familie. Dabei legten die Schülercoaches Wert auf seriöse Recherche für politische Diskussionen.

Das Erlernte setzten die Teilnehmer bei der Organisation des Sportfestes um, das der VPAK zum Schuljahresende veranstaltet. „Sie haben dazu sogar erstmals die Eltern eingeladen“, erzählt Weckenbrock. Das neue Selbstvertrauen habe sich auch darin gezeigt, dass sie zum Zeugnistag einen Bücherflohmarkt angeregt hätten, bei dem Ältere den Jüngeren ihre nicht mehr gebrauchten Schulbücher verkaufen konnten.

Sichtbarer Beweis für die Arbeit und das neue Selbstbewusstsein ist ein Wörterbuch in Albanisch, Kroatisch, Russisch, Türkisch und Urdu, der Amtssprache Pakistans.