Internationaler Linkshändertag Osnabrückerin hilft verdonnerten Rechtshändern

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Osnabrück. Der 13. August ist der Internationale Linkshändertag. Vor noch nicht allzu langer Zeit wurden Linkshänder zwanghaft auf die rechte, die „richtige“ Hand umgeschult. Ein Fehler, sagt die Osnabrücker Linkshänder-Beraterin Marion Schulte. Sie ist selbst eine umgeschulte Linkshänderin, die sich inzwischen wieder auf die natürliche, die linke Seite umgeschult hat.

Der amerikanische Präsident Barack Obama ist Linkshänder ebenso wie der Beatle Paul McCartney. Auch das Allroundgenie Leonardo da Vinci war Linkshänder. Sind Linkshänder also genialer und kreativer als Rechtshänder? Marion Schulte lacht. Wie überall gebe es in beiden Gruppen mehr oder weniger intelligente Menschen. Allerdings seien Linkshänder vielleicht etwas flexibler, fügt sie an: „Denn sie müssen von Anfang an recht flexibel auf alltägliche Situationen in der Welt der Rechtshänder reagieren.“

Rechte Gehirnhälfte dominiert Linkshänder

Die dreifache Mutter ist selbst eine auf rechts umgeschulte Linkshänderin. Heute ist das nicht mehr üblich, zumindest nicht mit Druck wie früher und erst recht nicht mehr mit brachialer Gewalt, wie es vor noch längerer Zeit üblich war, wenn Kindern in der Schule die linke Hand auf dem Rücken festgebunden wurde, damit sie sie nicht benutzen konnten.

Unterschwelliger, manchmal auch unbewusst würden Kinder heute dazu gebracht, die rechte Hand zu nutzen. Bei der Kinderwagenkette werde das Spielzeug oft nach rechts ausgerichtet, gibt Marion Schulte ein Beispiel. Oder dem Kleinkind wird der Becher oder der Löffel für das Essen in die rechte Hand gegeben. Manche Kinder passen sich auch von allein ihrer Umgebung an: Sie nutzen ihre rechte Hand, weil andere Kinder oder ihre Eltern sie auch benutzen.

Dabei hat jeder Mensch eine dominante Hand, da jeder auch eine dominante Gehirnhälfte hat. Bei einem Linkshänder ist die bestimmende die rechte Gehirnhälfte und bei einem Rechtshänder die linke. Und wenn nun ein kleiner Mensch angehalten wird, die für ihn „falsche“ Hand zu nutzen, muss sich das Gehirn umstellen. Gedächtnisstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten, Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten, feinmotorische Störungen und Sprachstörungen können die Folge sein. „Können, müssen aber nicht“, betont die Expertin. Denn jedes Kind verarbeite die Umstellung anders.

Wenn bei Kindern nicht klar ist, welches ihre dominante Seite ist, empfiehlt Marion Schulte den Eltern einen Test bei Fachleuten, etwa bei der Linkshänderberatung in Münster: „Das ideale Alter ist zwischen vier und fünf Jahren.“ Dadurch könnte eine Umschulung von links nach rechts und zugleich Stress für das Kind verhindert werden.

Linkshänder sollten außen sitzen

m sich als Linkshänder gut in einer auf rechts gepolten Welt zurechtzufinden, gibt es inzwischen etliche Hilfsmittel. Eine einfache Unterlage zeigt an, wie schräg ein Heft oder Blatt gelegt werden muss, damit Linkshänder von links nach rechts schreiben, ohne dabei ihre eigene Schrift zu verwischen oder die Hand extrem zu verbiegen. Scheren für Linkshänder, Anspitzer, Stifte und vieles mehr erleichtern den Schulalltag, den die Kinder dann mit Freude statt mit Frust absolvieren. Auch die Lehrer könnten sich auf Linkshänder einstellen. So sollten diese Kinder außen sitzen, um zu verhindern, dass sich nebeneinandersitzende Links- und Rechtshänder in die Quere kommen.

Zwei Jahre für die Rückschulung

Die Linkshänderin Schulte ist gelernte Sozialarbeiterin und hat eine Zusatzausbildung als Linkshänderberaterin nach der Methodik von Dr. Sattler absolviert. Die Münchener Psychologin Johanna Barbara Sattler ist die deutsche Fachfrau auf dem Gebiet der Linkshändigkeit. Nach einer von ihr entwickelten Methode hat sich die Osnabrückerin vor ein paar Jahren selbst wieder auf Linkshändigkeit umgeschult. Die Veränderung sollte langsam vor sich gehen, sagt Marion Schulte. Denn erneut müsse sich das Gehirn umstellen. Zwei Jahre könne der Prozess in Anspruch nehmen.

Im nächsten Jahr ein Kurs für Eltern

Für sie selbst habe sich die Mühe gelohnt: „Ich bin nicht mehr so schnell müde beim Lernen“, berichtet Marion Schulte. Sie hat noch ein Psychologiestudium aufgesattelt und für ihre Bachelorarbeit Linkshänderinnen interviewt, die auf ihre dominante Hand rückgeschult wurden – ebenfalls mit Erfolg.

Als Linkshänderberaterin in Osnabrück will sich Marion Schulte vorerst auf die Rückschulung Erwachsener konzentrieren. In der katholischen Familienbildungsstätte wird sie im kommenden Jahr einen Elternkurs anbieten. Zudem schult sie Erzieherinnen und Lehrer im Umgang mit Linkshändern. Marion Schulte ist per E-Mail zu erreichen: linkshaender-beratung-osnabrueck@web. de .


Die Welt der Rechtshänder

Rechtshändigkeit ist besser als Linkshändigkeit. Diese weit verbreitete Einstellung wird schon in vielen Worten deutlich, wenn rechts mit recht verbunden wird: Der Mensch ist rechtschaffen, es gibt die Rechtschreibung. Wenn man „etwas mit links“ macht, muss man sich nicht viel Mühe geben. Und Unwichtiges wird kurzerhand „links liegengelassen“. Bei der Begrüßung reichen sich die Menschen die rechte Hand, deshalb wird sie Kindern gegenüber auch als die „richtige“ oder „schöne“ Hand bezeichnet.

In arabischen und muslimischen Ländern gilt die rechte Hand sogar als unrein. Die Gründe dafür liegen Jahrhunderte zurück: Damals reinigten sich die Menschen nach dem Toilettengang mit der linken Hand und Wasser. Deshalb war und ist sie beim Essen und sozialen Kontakten tabu.

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