FSJ im Altenheim Osnabrückerin arbeitet ein Jahr in Tel Aviv

Von Johanna Lügermann


Osnabrück/ Tel Aviv. Sie sprechen hebräisch und arabisch, aber auch russisch, französisch oder türkisch. Die Demenzpatienten, mit denen Amelie Kleimeyer arbeitet, hätten vor ihrer Erkrankung wahrscheinlich nicht an einem Tisch gesessen. Die Osnabrückerin absolviert ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in einem israelischen Altenheim.

Während sie mit den alten Menschen spazieren geht, sie unterhält und füttert, ist der Nahostkonflikt kein Thema. Nur wenn sie in den Nachrichten von Anschlägen hört, wird der 19-Jährigen bewusst, dass sie nicht weit vom Gazastreifen entfernt lebt. Seit August vergangenen Jahres ist sie in Tel Aviv. „Ich habe mich nie unwohl gefühlt. Die Leute hier sagen, dass die Stadt eine Wolke ist, in der man nichts mitbekommt“, erzählt sie, aber meint auch: „Spannungen sind schon zu spüren. Die Leute reden miteinander, aber es gibt kein Vertrauen.“

Schon vor ihrem FSJ hatte Amelie Kleimeyer Freunde in Israel. „Wir haben öfter Jugendliche aus dem Austausch zwischen Georgsmarienhütte und Ramat Hasharon aufgenommen. Einmal war ich dort“, sagt sie. Nach dem Abitur am Gymnasium Carolinum stand für die Osnabrückerin fest, dass sie das Land besser kennenlernen will. „Israel ist nur so groß wie Hessen, aber es gibt so viel zu sehen: Die Wüste, Berge, Städte und das Meer“, schwärmt sie. „Es gab Freunde, die gesagt haben, es wäre verrückt dorthin zu gehen. Meine Eltern hatten nichts dagegen, denn sie wissen, dass es auch die andere Seite von dem Israel gibt, das in den Nachrichten zu sehen ist.“

So meldete sich Amelie beim Deutsch-Israelischen Verein Gießen für das FSJ. Lediglich 20 Bewerbungen für den Dienst habe der Verein im vergangenen Jahr bekommen, das seien deutlich weniger als gewöhnlich. „Zwei Jugendliche haben sich noch spontan dagegen entschieden, weil die Lage vor unserer Abreise sehr angespannt war“, erinnert sich die Osnabrückerin. Gemeinsam mit ihr sind drei Jugendliche aus Düsseldorf und Berlin in dem Altenheim tätig.

Während der ersten Monate besuchten die FSJler aus Deutschland an drei Tagen in der Woche nach der Arbeit einen Hebräisch-Kurs. „Die Grammatik ist nicht schwer, aber wir mussten erst einmal die Buchstaben lernen“, sagt Amelie. Doch lange nicht alle Bewohner des Altenheims sprechen auch hebräisch. Französischkenntnisse und auch ein paar Wörter Spanisch brachte die 19-Jährige aus ihrer Schulzeit mit, ein bisschen Russisch lernte sie während der Arbeit. „Es reicht, um zu fragen, wie es ihnen geht und wie ihr Tag war.“

Für ihre Arbeit erhalten die Freiwilligen Kost und Logis sowie ein Taschengeld von umgerechnet 125 Euro. Amelie ist froh, dass sie keine Ausgaben für den Lebensunterhalt hat: „Hier ist alles sehr teuer, für einen Schwimmbadbesuch zahlen wir 20 Euro. Es gibt oft Demos, weil alles teurer wird.“ Das Taschengeld haben die Jugendlichen vor allem für Reisen genutzt. Bis zum Roten Meer oder zur syrischen Grenze seien es nur wenige Stunden: „Weil das Land nicht so groß ist, kommen wir mit dem Bus überall hin. Oft reicht ein Tag.“

Zu den Zielen ihrer Reisen gehörten Nazareth, wo Amelie einen Teil des Jesus Trails wanderte, Bethlehem und Jerusalem. Außerhalb von Tel Aviv sei der Konflikt deutlicher zu spüren. So auch an dem wohl umstrittensten heiligen Ort der Welt: „Ich stand in der Menge, als eine Gruppe Juden auf den Tempelberg gelassen wurde. Es wurde geschrien und geschimpft“, berichtet die Osnabrückerin.

Als Touristin fühle sie sich von dem Konflikt nicht persönlich betroffen. Sie habe sich jedoch vorher oft Gedanken darüber gemacht, wie Israelis wohl darauf reagieren, dass sie aus Deutschland kommt: „Wir sind die dritte Generation nach dem Holocaust. Ich habe viele Überlebende getroffen. Ältere Leute haben mir aber immer gesagt, dass sie froh sind, weil ich hier bin, um zu helfen“, sagt Amelie. Beklemmend sei es allerdings gewesen, als am Holocaust-Gedenktag plötzlich Sirenen ertönten.

Gleichaltrige hat die 19-Jährige selten getroffen: „Nach der Schule gehen Mädchen zwei und Jungs drei Jahre in die Armee. Viele haben mir gesagt, sie würden für ihr Land sterben. Sie haben Angst, es wieder zu verlieren“, erzählt Amelie. Auch für die Jugendlichen spiele Tradition eine große Rolle. „In den jüdischen Familien ist der Schabbat jede Woche ein großes Fest, an dem alle zusammenkommen. Auch die muslimischen Festtage sind etwas Besonderes. Kein Auto ist unterwegs, und wir können mit dem Fahrrad auf der Autobahn fahren“, erzählt die Osnabrückerin. Sie habe das Gefühl, dass die jüngeren Generationen besser miteinander auskommen. Ein Problem seien allerdings die unterschiedlichen Sprachen.

Für die Männer und Frauen im Altenheim geben Sprachen und Religionen keinen Anlass mehr für Auseinandersetzungen. „Sie sind wie Kinder“, sagt Amelie. Ihr Freiwilligendienst endet am 31. August. Sie ist froh, dass sie sich gemeldet hat. „Wir wurden super vorbereitet und begleitet. Aber ich weiß jetzt auch, dass ich vieles alleine kann. Ich empfehle jedem, diese Chance zu nutzen.“